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Pleite im Fed Cup : Keine Spur vom neuen deutschen Tennis-Boom

  • -Aktualisiert am

Auch Angelique Kerber konnte die Niederlage gegen die Schweiz nicht verhindern. Bild: AP

Auch Angelique Kerber kann die Erstrunden-Niederlage gegen die Schweiz nicht verhindern. Von einem Boom im Fed Cup ist nichts zu spüren – die Einschaltquote ist enttäuschend.

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          Unverbesserliche Optimisten, die meinten, Angelique Kerbers Grand-Slam-Triumph in Australien würde zu einem neuen Tennis-Boom in Deutschland führen, sind schon eine Woche nach dem Finalsieg der 28 Jahre alten Kielerin über Serena Williams, auf den Boden der Tatsachen zurück geholt worden: Die deutschen Tennis-Damen, angeführt von der Weltranglistenzweiten, unterlagen am Wochenende in der ersten Runde das Fed Cup der Schweiz 2:3, und es war Kerber, die am Sonntag die Niederlage einleitete, als sie gegen Belinda Bencic 6:7 (4:7), 3:6 verlor. Zwar konnte Annika Beck anschließend durch ein 7:5, 6:4 über Timea Bacsinszky zum 2:2 ausgleichen, doch das abschließende Doppel entschied zugunsten der Schweiz.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Martina Hingis und Belinda Bencic besiegten Andrea Petkocic und Anna-Lena Grönefeld 6:3, 6:2. Die Stimmung in der Messehalle1 in Leipzig war zwischenzeitlich zwar prächtig, aber noch nicht mal in dieser glücklichen Ausnahmesituation, eine frisch gekürte Grand-Slam-Siegerin präsentieren zu können, gelang es dem Deutschen Tennis-Bund, alle Plätze für die 4200 Besucher fassende Halle an beiden Tagen zu verkaufen. Die Liveübertragung der ersten beiden Einzel des Samstags bei Sat.1 verfolgten gerade mal 440.000 Zuschauer, eine Quote, die von jeder Wintersportübertragung deutlich übertroffen wird.

          Genauso falsch, sich von Angelique Kerber die Strahlkraft einer Steffi Graf zu erhoffen, wäre es, die neuen Chancen, die sich mit ihr verknüpfen, zu unterschlagen. Denn trotz ihrer Niederlage bewies die Kielerin in Leipzig, dass sie in ihrem 13. Jahr auf der Tennis-Profitour so sehr an Format und Statur gewonnen hat, um als Galionsfigur für das deutsche Damen-Tennis zu wirken. Nur nicht in der Dimension der ewigen Brühlerin.

          „Es ist eine Ehre, Deutschland zu vertreten“

          Nachdem sie sich in den Tagen nach ihrer Rückkehr aus Melbourne als sympathische Öffentlichkeitsarbeiterin in eigener Sache und zum Wohle ihrer Sportart präsentiert hatte, nahm sie in Leipzig die Rolle der zuverlässigen Führungsspielerin ein. Auf eine ganz unprätentiöse Art, ganz auf die sportliche Leistungsfähigkeit bezogen, ohne damit irgendwelche Ansprüche auf eine Sonderbehandlung anzumelden.

          „Ich habe mich in keiner Sekunde mit dem Gedanken beschäftigt, nicht in Leipzig zu spielen. Für mich ist es eine Ehre, Deutschland zu vertreten“, sagte die Kielerin nach ihrer Niederlage gegen Bencic am Sonntag. Sie verzichtete auch darauf, den Termin anzuprangern, eine Woche nach einem Grand-Slam-Turnier eine Fed-Cup-Runde anzusetzen. „Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.“ Sie fand es sogar eher positiv: „Es ist doch etwas ganz Besonderes, nach so einem Triumph wie in Melbourne vor seinem Heimpublikum antreten zu dürfen.“

          Annika Beck gewann ihr Einzel, danach aber verlor Deutschland das Doppel. Bilderstrecke

          Dass sie sich den Fans in Leipzig nicht in Bestform vorstellen würde, wusste Angelique Kerber. Dazu war sie nach drei Wochen in Australien (vor den Australian Open spielte sie in Brisbane) zu müde: „Ich habe in der Nacht auf Samstag das erste Mal länger geschlafen“, bekannte sie. Aber sie wollte die Müdigkeit ignorieren. „Ich versuche, die letzte Kraft und Energie zu mobilisieren. Das Publikum hilft mir dabei. Ich hatte häufiger Gänsehaut“

          Das sagte Angelique Kerber am Samstagabend, nachdem sie die Schweizerin Timea Bacsinszky 6:1, 6:3 besiegt hatte. Schon in ihrem ersten Match gab es deutlichere Anzeichen ihrer körperlichen Schwäche, als es das Ergebnis vermuten ließ. Nach einer schnellen 5:0-Führung entwickelte sich ein zäher Kampf zwischen ihr und der Nummer 15 der Weltrangliste, den sie dank ihrer positiven Einstellung, ihrer Willensstärke und ihres Selbstvertrauens nach einigen Wacklern doch noch deutlich gewann. Mit ihrem Sieg glich sie die 3:6-, 4:6-Niederlage der Darmstädterin Andrea Petkovic gegen Belinda Bencic aus.

          „Ich weiß noch nicht genau, wie es weiter geht“

          20 Stunden später traf dann Kerber auf die Nummer 1 der Schweiz, gegen die sie schon zweimal zuvor verloren hatte, als sie im Vollbesitz ihrer Kräfte war. Bei den US Open und in Toronto, wo Bencic übrigens das Turnier im Finale gegen Serena Williams gewann. Am Sonntag reichte Kerbers Regenerationsfähigkeit etwa eine halbe Stunde lang. Nach dieser Spielzeit führte sie 4:1, was den Spielverlauf aber nicht richtig wiedergab. Die Deutsche lag nur mit einem Break vorn, das sie sich bei ihrer einzigen Breakchance erkämpft hatte.

          Ansonsten lieferten sich zwei Weltklassespielerinnen eine hervorragende Auseinandersetzung auf Augenhöhe. Doch dann schaltete Kerbers Körper auf Reserve. Nach dem Re-Break zum 3:4 hielten nur noch ihr eiserner Wille und das in Melbourne erworbene Selbstvertrauen Kerber im Spiel. Immer wieder rettete sie sich mit starken Aufschlägen und überraschenden, riskanten Schlägen aus der Bedrängnis. Doch den besseren, konstanteren Eindruck machte die Schweizerin.

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          Die Achtzehnjährige gilt in der Szene als bester Teenager des vergangenen Jahrzehnts. Die deutsche Teamchefin Barbara Rittner sieht sie demnächst in den Top five der Weltrangliste. „Sie ist unglaublich abgezockt. Gegen viele andere hätte es für Angie heute zum Sieg gereicht, obwohl sie müde war“, kommentierte Rittner die Niederlage.

          „Angie“ Kerber war mit sich nach der Niederlage im Reinen: „Ich habe alles versucht, mehr konnte ich nicht geben.“ Für sie war dieses 6:7, 3:6 kein Anlass, ihre Einschätzungen nach Melbourne zu revidieren: „Ich glaube jetzt viel mehr an mich selbst als noch vor drei Wochen. Melbourne hat mir gezeigt, da geht noch was in deiner Karriere, es geht weiter. Das wird mir in den nächsten Monaten weiterhelfen und für den Rest meiner Laufbahn.“ Dieser Rest beginnt nun erst einmal mit ein paar Tagen Entspannung in Kiel. „Ich weiß noch nicht genau, wie es weiter geht, ich weiß nur, ich werde erst einmal nur auf dem Sofa liegen und in aller Ruhe darüber nachdenken, was in den letzten Wochen mit mir geschehen ist.“

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