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Handball-Experte Kretzschmar : „Einige haben keine Lust“

  • Aktualisiert am

Stefan Kretzschmar: „Wir brauchen einen Anführer“ Bild: ddp

Die Handball-Nationalmannschaft steht vor einer wegweisenden EM: Der ehemalige Weltklassespieler Stefan Kretzschmar spricht vor dem am Wochenende beginnenden Turnier in Serbien über die kritische Situation im deutschen Handball.

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          Was trauen Sie der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft von Sonntag an in Serbien zu?

          Ich halte es im Idealfall für möglich, ins Halbfinale der EM zu kommen. Ich halte es aber auch für möglich, dass wir in der Vorrunde ausscheiden. Diese Unsicherheit resultiert aus den schlechten Ergebnissen der Vergangenheit. Ich hoffe, dass wir uns für Olympia qualifizieren. Aber ich bin darauf eingestellt, dass wir wieder keine Antworten auf die Fragen finden, die uns gestellt werden und Olympia abschreiben müssen. Das wäre allerdings fatal.

          Zu Traine Heuberger: „Über diese Personalie müssen wir sowieso nicht diskutieren. Sie ist entschieden“
          Zu Traine Heuberger: „Über diese Personalie müssen wir sowieso nicht diskutieren. Sie ist entschieden“ : Bild: dapd

          Heiner Brand bemängelte nach der WM in Schweden vor einem Jahr, der Mannschaft fehle es an Willen und Einsatz. Sehen Sie das auch so?

          Einige haben gar keine Lust, Nationalmannschaft zu spielen. Es belastet sie, sie genießen es nicht. Sie treten nicht mit Freude und Stolz auf, sondern wirken erdrückt, wenn sie das deutsche Trikot anhaben. Als wollten sie lieber nach Hause, in den wohlbehüteten Verein. Es ist vielleicht Unsicherheit, an wem man sich aufrichten soll, wenn es nicht läuft. Es sieht aber wie Lustlosigkeit aus. Seit vier Turnieren kriegen die Deutschen auf die Mütze, und wenn sie nach Hause kommen, sind sie die Deppen der Nation. Da kann man schon mal die Lust verlieren. Zum anderen: Früher traf man Freunde in der Nationalmannschaft, es war eine Art Therapie von zu Hause, vom Verein. Wir haben Bier getrunken, Siedler von Catan gespielt, sind auch mal ausgebüxt. Das findet nicht mehr statt. Heute wird auf Facebook von Zimmer zu Zimmer gechattet, statt die Tür aufzumachen, rüberzugehen und zu reden. Jeder macht seins. Die Mannschaft hat keine Hierarchie. Jeder hat das Gefühl, etwas beitragen zu müssen. Aber keiner weiß was. Dass Spieler wie Christian Zeitz und Johannes Bitter einfach ihre Karrieren in der Nationalmannschaft beenden, sagt ja auch etwas aus.

          Was fehlt denn Ihrer Meinung nach ganz besonders?

          Wir brauchten einen charismatischen Anführer, wie es bei den vergangenen Weltmeistermannschaften der Kroate Ivano Balic, Iker Romero für Spanien, bei uns Christian Schwarzer oder jetzt Nikola Karabatic sind. Ziehe Karabatic das französische Trikot aus, stecke ihn ins deutsche, und wir hätten keine schlechten Chancen, Europameister zu werden. Titel gewinnen die Teams, die einen überragenden Mittelmann und einen überragenden Kreisläufer haben, so wie die Franzosen, die Kroaten, die Dänen.

          „Viele wie Holger Glandorf müssten in der Nationalmannschaft mal dauerhaft zeigen, was in ihnen steckt“
          „Viele wie Holger Glandorf müssten in der Nationalmannschaft mal dauerhaft zeigen, was in ihnen steckt“ : Bild: dpa

          Und die Deutschen?

          Die Achse Spielmacher-Kreisläufer hat bei uns immer gepasst mit Daniel Stephan, Markus Baur und Schwarzer. So eine Achse haben wir nicht mehr. Wir haben keinen begnadeten Spielmacher, was zur Folge hat, dass auch die anderen Rückraumspieler leiden, weil sie schlecht eingesetzt werden.

          Was lässt Sie hoffen, trotzdem ins Halbfinale einzuziehen?

          Viele, die in der Liga gerade gut spielen, wie Holger Glandorf, Lars Kaufmann oder Uwe Gensheimer, müssten in der Nationalmannschaft mal dauerhaft zeigen, was in ihnen steckt. Gensheimer ist für mich der weltbeste Linksaußen. Aber er muss es in Serbien mal zeigen.

          Früher hat der Teamgeist immer weit getragen - wo sehen Sie Ihre Nachfolger da?

          Ich hoffe, dass das Gebilde, das keines ist, eines wird bis zum Turnierstart. Da müssen wir einfach Bundestrainer Martin Heuberger vertrauen. Über diese Personalie müssen wir sowieso nicht diskutieren. Sie ist entschieden.

          Der neue Bundestrainer hat ja kaum eine Wahl, als dieser Mannschaft zu vertrauen. Warum schaffen so wenige junge Deutsche den Sprung, obwohl Deutschland eine der führenden Nachwuchsnationen ist?

          Wenn du Rückraumspieler bist und du gewinnst mit 21 Jahren die Europameisterschaft, brauchst du mindestens vier Jahre, um in der Liga Fuß zu fassen. Du bist athletisch einfach nicht auf Bundesliga-Niveau. Du musst also körperlich auftrainieren. Aber wo? Junge Deutsche sollen dahin gehen, wo sie 60 Minuten spielen. Nach Wetzlar, Gummersbach, Großwallstadt. Oder in die zweite Liga, die ist auch stark genug.

          „Gensheimer ist für mich der weltbeste Linksaußen. Aber er muss es in Serbien mal zeigen.“
          „Gensheimer ist für mich der weltbeste Linksaußen. Aber er muss es in Serbien mal zeigen.“ : Bild: dapd

          Das haben ja einige gemacht, aber kein deutscher Rückraumspieler ist so zum Führungsspieler beim DHB geworden.

          Der Sprung ist einfach zu groß. Jemand, der in der Nationalmannschaft Mitte spielt wie Martin Strobel, muss in Lemgo spielen. Weil es für den THW und den HSV nicht reicht. Dort sind ihm Palmarsson und Duvnjak um Längen voraus.

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