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Handball-Champions-League : Hamburger Gipfelstürmer

Wer hätte das gedacht? Der HSV Hamburg gewinnt die Champions League Bild: dpa

Die Handballer des HSV Hamburg bewältigen die Herkulesaufgabe und gewinnen die Champions League. In einem packenden Finale besiegen sie den FC Barcelona mit 30:29 nach Verlängerung.

          Neulich hatten die Hamburger Handballspieler salopp von einem Gebirge gesprochen, als die Rede von den hünenhaften Abwehrrecken des FC Barcelona war. Nur schwer zu überwinden, sollte das bedeuten. Eine Herkulesaufgabe! Und was geschah?

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Hamburger entpuppten sich in einer bis zur letzten Sekunde packenden, nervenaufreibenden Auseinandersetzung als wahre Gipfelstürmer, und die meisten der 20.000 Zuschauer in der Kölner Arena waren aus dem Häuschen. Was Wunder auch nach diesem Hamburger Coup im Handball: 30:29 nach Verlängerung gegen den FC Barcelona, Champions-League-Sieger 2013, die größte Stunde in der Vereinsgeschichte.

          Schon am Samstag hatte Trainer Martin Schwalb gesagt, dass er stolz auf seine Spieler sei. Am Sonntagabend, nach der Krönung in Köln, waren Schwalb und seine Profis ein Herz und eine Seele. Sie tanzten, sie feierten, sie ließen sich zu Recht hochleben. Und welche Pointe um Michael Kraus!

          2007 Weltmeister mit Deutschland in Köln, danach eine Karriere mit mehr Tiefen als Höhen, Abschied demnächst von Hamburg und Rückkehr nach Göppingen - und doch noch einmal ein glorreicher Auftritt, wieder in Köln: Kraus, der sein Talent verschleudert zu haben schien, kam in der zweiten Halbzeit, und mit ihm wechselte Schwalb gewissermaßen die Wende ein.

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          Der quirlige Kraus, der am Samstag nicht eingesetzt worden war, belebte das Hamburger Spiel nachhaltig, er traf bei seiner sportlichen Auferstehung sechsmal - das Schicksal meinte es am Sonntag sehr gut mit ihm und damit auch mit den Hamburgern. Mit der Hilfe von Kraus wurden die Spanier erst in die Zusatzschicht und letztlich in die Knie gezwungen. „Ein unglaubliches Gefühl“, sagte Kraus. Und: „Wir haben es verdient, fertig, aus.“

          Sehr beweglich, geradezu entfesselt: Was von den Kielern, die nur Vierte wurden, erwartet worden war, bot der HSV Hamburg als unerschrockener Außenseiter. „Wir wurden belächelt“, sagte Torwart Johannes Bitter, „keiner glaubte an uns.“ Das war offenbar der entscheidende Antrieb für ihn und seine Mitstreiter, Bitter beschrieb die Devise für das Kölner Intermezzo so: „Vollgas, wir ziehen das Ding durch.“

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          Dem HSV Hamburg gelang das mit bemerkenswerter Konsequenz und Vehemenz; wäre er auch im Bundesliga-Alltag öfter so zu Werke gegangen, hätte mehr herausspringen können als Platz fünf. Bitter zeigte prächtige Paraden, auch am Sonntag, und war gegen den FC Barcelona Kraus auf dem Feld der herausragende Mann, so hatten tags zuvor Pascal Hens und der Kroate Domagoj Duvnjak im Rückraum brilliert.

          Der HSV Hamburg hatte verschiedene Gesichter in Köln, und alle waren äußerst markant. Beim Halbfinal-Sieg über den THW Kiel hatten Hens und Duvnjak insgesamt 19 Treffer erzielt. „Eine Bombe, eine Maschine“, sagte Hens beeindruckt über seinen kroatischen Rückraumpartner, „was er leistet, ist Wahnsinn.“

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          Schwalb drückte sich nicht so martialisch aus, seine große Wertschätzung für Duvnjak wurde dennoch deutlich: „Er ist einfach ein toller Handballer.“ Hens und Duvnjak hatten auch Kraus schwer beeindruckt, er haderte deswegen nicht mit seiner Reservistenrolle am Samstag: „Ich war überhaupt nicht sauer.“

          Schwalb kann sich zugutehalten, die Spieler erst exzellent auf das Duell mit dem nationalen Primus eingestellt zu haben - und schließlich auch am Sonntag gegen die erfahrenen Spanier die passende Strategie gewählt zu haben. „Du musst frech sein“, sagte Schwalb zu seiner Grundregel, „du darfst nicht einknicken.“

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          So wie dies jetzt dem erfolgsverwöhnten THW Kiel widerfuhr, der als Titelverteidiger nach Köln gereist war und gleich zwei Enttäuschungen und damit eine unvollendete Saison erlebte - ein Zeichen, dass für die einstige „Übermannschaft“ nun härtere Zeiten anbrechen?

          Nicht allzu viel zu sehen jedenfalls von der sonst so gefürchteten Kieler Schlagkraft: Die Norddeutschen verloren nach dem Halbfinale gegen den HSV am Sonntag auch das Spiel um Platz drei gegen KS Vive Targi Kielce. „Ich bin froh, dass es vorbei ist“, sagte der Tscheche Filip Jicha ernüchtert nach dem 30:31 gegen die Polen.

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          Traurige Tage, Tage zum Vergessen für die Kieler, die zuvor Meister und Pokalsieger geworden waren, die in Köln wieder nach dem Triple strebten und jäh aus alle Träumen gerissen wurden. „Es lief alles perfekt“, sagte Jicha, „bis zum Wochenende.“ Da wirkten die Kieler häufig zögerlich, manchmal sogar ausgelaugt oder gehemmt, machtlos dem Feuer ausgesetzt, das zum Beispiel die Hamburger beim 39:33 am Samstag entfacht hatten.

          Es entspricht dem Kieler Selbstverständnis, dass sofort wieder von der Champions League gesprochen wurde, von der nächsten Teilnahme an der Endrunde in Köln. „Das ist das große Ziel“, sagte Jicha, „das werden wir vor Augen haben.“ Am Sonntag betonte der Tscheche, dass das Team dafür aber wird zulegen müssen: „Wir müssen noch mehr an uns arbeiten.“

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          In frischer Besetzung, da Trainer Alfred Gislason sein Team umkrempeln muss wegen der Abschiede von Thierry Omeyer, Daniel Narcisse oder Marcus Ahlm. Sich in Köln nicht noch einmal mit Lorbeer geschmückt zu haben, setzte ihnen besonders zu. Auch wenn der französische Torhüter Omeyer versuchte, seine Kieler Jahre in ihrer Gesamtheit zu würdigen: „Was wir geschafft haben“, sagte er am Samstag, „ist trotzdem unglaublich.“

          Jicha glaubt allerdings zu wissen, dass die Scheidenden nach dem Kölner Rückschlag die größte Wehmut spüren: „Es ist viel bitterer für die, die gehen.“ Auch der Hamburger Kraus geht nun - aber das ist wirklich, weil umweht von Goldglanz, eine ganz andere Geschichte.

          Handball-Champions-League, Final Four in Köln

          Samstag, 01.06.2013:

          Halbfinale:

          KS Vive Kielce  - FC Barcelona 23:28 (10:13)
          THW Kiel - HSV Hamburg 33:39 (16:19)

          Sonntag, 02.06.2013:

          Spiel um Platz 3: KS Vive Kielce  - THW Kiel 31:30 (19:12)
          Finale: FC Barcelona - HSV Hamburg  29:30 n.V. (25:25,11:9)

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