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Instagram-Post von Reichmann : Ego-Trip sorgt für Wirbel vor Handball-WM

„Ich bin dann mal weg. Wieso, weiß ich gar nicht genau...Ahhh, doch...Spontanurlaub“: Tobias Reichmann. Bild: Picture-Alliance

Kurz vor der Handball-WM im eigenen Land wurde Tobias Reichmann aus dem deutschen Kader gestrichen. Am Tag vor dem ersten Spiel sorgt er nun mit einem Instagram-Beitrag für große Aufregung.

          Den sozialen Medien traut Christian Prokop nicht so recht über den Weg. Eine übermäßige Beschäftigung mit ihnen sieht der Handball-Bundestrainer als Gefahr für die mentale Frische, auf die es bei einem Turnier ankommt. Der Instagram-Beitrag von Tobias Reichmann vom Mittwoch fällt zwar strenggenommen nicht unter diese Kategorie, schließlich ist Reichmann bei der Heim-Weltmeisterschaft gar nicht dabei; der Rechtsaußen von der MT Melsungen fiel am Sonntag dem Cut für den WM-Kader zum Opfer.

          Allerdings erfüllte er den zweiten Tatbestand, den Prokop als potentielle Gefahr betrachtet: die Störung des Betriebsfriedens. Die Tatsache, dass Reichmann sich am Tag vor dem Eröffnungsspiel gegen Korea mit einem nonchalanten „Ich bin dann mal weg“ öffentlich in den „Spontanurlaub“ nach Florida verabschiedete, garniert mit einem Schnappschuss vom Flughafen, war allemal als Affront zu sehen.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Der nach gewöhnlichen Maßstäben des sportlichen Miteinanders Fakten über den Tag hinaus geschaffen haben dürfte, auch wenn Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, in einer ersten Reaktion von Konsequenzen absah. „Wir konzentrieren uns ausschließlich auf die Spieler, die da sind. Sie haben unser vollstes Vertrauen“, sagte Hanning. „Tobi wollte einmal ganz raus und abschalten. Die Enttäuschung bei ihm ist riesengroß.“ Doch eine Nachnominierung Reichmanns, im Handball bei großen Turnieren nicht unüblich, erscheint angesichts dieses Ego-Trips zur Unzeit unvorstellbar.

          Für Prokop, der sich nach dem 30:19 im Eröffnungsspiel „verwundert“ über den Instagram-Post zeigte, hat sich somit das Risiko, das er mit der Personalie Reichmann eingegangen ist, noch einmal vergrößert. Dessen Nicht-Nominierung, von der der junge Rückraum-Rechte Franz Semper profitierte, war eine Überraschung, weil das Team nun in Patrick Groetzki nur noch über einen Rechtsaußen verfügt. Zudem war der 30 Jahre alte Reichmann der beste deutsche Werfer beim EM-Sieg 2016 und ein verlässlicher Siebenmeter-Schütze. „Sicher steckt da auch ein bisschen Frust drin. Jeder muss selber sehen, was er für ein Zeichen setzt und wie er die Mannschaft unterstützt“, sagte Prokop am Donnerstagabend im ZDF und ergänzte: „Am Ende ist es wichtig, wie ich hier die 16 Spieler unterstütze und keine Energie verschwende.“

          In der Handball-Szene wurde Prokops Entscheidung deshalb durchaus skeptisch bewertet, zum Beispiel von Christian Schwarzer. Dessen Weltmeister-Kollege von 2007, Florian Kehrmann, hingegen, früher selbst Rechtsaußen und heute Bundesliga-Trainer beim TBV Lemgo, äußerte bei „Sport 1“ Verständnis. „Mit der Maßnahme, Fabian Wiede viel für die Rückraum Mitte einzuplanen, war klar, dass man mit drei gelernten Rückraum-Rechten ins Turnier geht. Deshalb muss man dann auf den Außenpositionen einen Platz einsparen – entweder rechts oder links.“

          In Prokops Kader-Architektur ist die Lücke also sogar eingeplant. Ob und wie sie sich am Ende doch in der Statik bemerkbar macht, hängt von anderen Elementen ab – vor allem der Ausdauer und Verlässlichkeit Groetzkis. Der hatte am Mittwoch berichtet, dass Reichmanns Aus ihn und die Mannschaft überrascht habe. „Das hatte sich nicht angedeutet.“ Der Bundestrainer wolle „mehr Flexibilität im Rückraum“, fügte er hinzu und trat Bedenken hinsichtlich seiner persönlichen Belastbarkeit entgegen. Er mache bei den Rhein-Neckar Löwen „seit Jahren jeden zweiten oder dritten Tag ein Spiel“, sagte Groetzki. „Ich fühle mich auf jeden Fall fit genug.“

          Wenn nicht, droht das deutsche WM-Unternehmen allerdings in eine Schieflage zu geraten. Wiede und Steffen Weinhold könnten zwar, so auch Prokops Plan B, punktuell als Rechtsaußen einspringen. Spezialisten für diese Position sind sie aber keineswegs. Und ein weiterer findet sich auch in Prokops 28er-Kader nicht, auf den er bei Nachnominierungen zurückgreifen kann. Das wiederum sieht, im Lichte der neuesten Entwicklungen, wie ein echter Konstruktionsfehler aus.

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