https://www.faz.net/-gtl-9iin5

Handball-WM 2019 : Die ziemlich schwierige Mission des Bundestrainers

Ein neues Miteinander: Christian Prokop und sein Team haben eine Annäherung wie beim Paartherapeuten hinter sich. Bild: dpa

Deutschland soll bei der Handball-WM mindestens das Halbfinale erreichen. Schafft Christian Prokop das nicht, wird seine zweite Chance wohl seine letzte gewesen sein.

          Schneller, es muss doch irgendwie schneller gehen. Die Schlange der Autogrammjäger kommt aber nur sehr langsam vorwärts. So langsam, dass der Hallensprecher zuerst bittet, auf Widmungen zu verzichten, dann auch, keine mitgebrachten Bälle und Trikots signieren zu lassen. „Die Spieler müssen auch wieder ins Hotel.“ Aber ein Ende der Schlange ist noch nicht in Sicht.

          Handball-WM 2019

          Es ist der Dienstagabend in Berlin, 48 Stunden vor dem ersten WM-Spiel an diesem Donnerstag gegen Korea (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-WM und im ZDF), und der deutsche Handball präsentiert sich noch einmal hautnah. 1800 Fans sind ins Sportforum Hohenschönhausen gekommen, es herrscht ein Hauch von Volksfeststimmung beim öffentlichen Training der Nationalmannschaft. Ein Fetenhit nach dem anderen dröhnt durch die Anlage, und der Sprecher, eher ein Animateur, will es wissen. Konkret: Er will es immer noch ein bisschen lauter. Gleich zu Beginn kommt wie so oft in diesen Tagen die Erinnerung an 2007, „so was Geiles!“, die bis dato letzte Handball-WM in Deutschland mit bekanntem Ausgang, „Weltmeister im eigenen Land – wie geil ist das denn!“ Der Ton ist gesetzt, und die Männer in den roten Outfits wirken, als würden sie es genießen. Sie sind es gewohnt, diese Mischung aus Sport und Spektakel, den Lärm, die Nähe.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Mittendrin ihr Trainer, Christian Prokop. Auch er macht einen gelösten Eindruck, er lächelt viel, gibt seinen Spielern kurze Anweisungen, sie ziehen ihn zu Rate, manchmal wird gescherzt. Es ist ein harmonisches Bild am Dienstagabend. Gegen Ende des Trainings setzt sich der Hallensprecher neben Prokop. Ob er jetzt noch an etwas anderes als die WM denken könne. Prokop schlägt die Beine übereinander. „Das“, sagt er, „ist ratsam, dass man auch noch anderes im Kopf hat. Sonst wird man verrückt und setzt sich zu sehr unter Druck.“ Druck? Davon, sollte man meinen, hat Prokop ohnehin genug. Es ist schließlich ein kleines Wunder, dass er jetzt hier sitzt und die Mannschaft auf ihre Heim-WM vorbereitet.

          Rückblick, Januar 2018, Varaždin: Die Mannschaft beendet die EM in Kroatien als Neunter, es ist ein Desaster für den deutschen Handball – und eines für Prokop. Erst ein Jahr vorher hat er den Job angetreten, Bundestrainer mit 38 Jahren, eine Riesengeschichte. Prokop will bei seinem ersten Turnier die Handball-Welt verändern, verrennt sich aber in seiner eigenen Gedankenwelt: Er hat stur seine Spielidee im Blick, die er vorher erst an einer Bundesligastation erprobt hatte, in Leipzig. Dieser Idee hat er zunächst auch Finn Lemke geopfert, den im Team hochgeschätzten emotionalen Leader, Prokop verliert mehr und mehr die Bindung zu den Spielern. Am Ende des Turniers sieht es für ihn aus, als würde alles in Trümmern liegen: seine Idee vom Handball, die Mannschaft – und vielleicht auch seine Trainerkarriere.

          Doch er beschließt, um das alles zu kämpfen. Bob Hanning, der Vizepräsident und starke Mann des Deutschen Handballbundes (DHB), erinnert sich: „Ich habe mit ihm zusammengesessen am Flughafen nach der EM, und er hat gesagt: Das kann’s jetzt ja eigentlich nicht gewesen sein.“ Das Votum im DHB-Präsidium fällt knapp für Prokop aus – auch dank Hanning. „Das Leichteste“, sagt Hanning, „ist immer, den Trainer zu entlassen.“ Er habe das mit der Situation bei Borussia Dortmund verglichen. „Da gab es auch zwischenmenschliche Probleme mit Tuchel und Watzke, dann haben sie Bosz geholt, einen guten Mann, sind aber trotzdem gnadenlos gescheitert, weil sich an den Rahmenbedingungen nichts geändert hat. Dann haben sie Stöger geholt, und man konnte ahnen: Auch er wird gnadenlos scheitern, weil er wieder nicht der Richtige für diesen Verein ist. Ich habe gesagt: Wir müssen etwas an den Prozessen ändern.“

          Der deutsche Handball und sein Trainer – sie sind den schweren Weg gegangen. Aber eine große Frage vor dieser WM ist: Kann das überhaupt funktionieren? Wie soll das gutgehen, wenn ein Trainer eine Mannschaft schon einmal verloren hat? „Halt“, sagt Hanning, „Christian hat die Mannschaft nicht verloren, das ist nicht wahr.“ Es habe „Unstimmigkeiten mit einzelnen Spielern“ gegeben. Die aber waren so groß, dass selbst an den Fernsehschirmen zu sehen war, wie sie ihm die Gefolgschaft verweigerten. Und die Geschichte, wonach er bei einem Abschlusstraining wutentbrannt die Halle verlassen habe, ist unwidersprochen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Charismatisch und skrupellos : Was will Boris Johnson?

          Er ist Held der englischen Nationalisten und Favorit für den Vorsitz der Konservativen. Einen echten Plan für den Brexit hat der begabte Scharlatan noch immer nicht.

          FAZ Plus Artikel: Eurofighter-Absturz : 50 Meter an der Katastrophe vorbei

          Ein Pilot stirbt, einer ist schwer verletzt – schlimm genug. Bei der Suche nach Wrackteilen der abgestürzten Eurofighter in Mecklenburg zeigt sich, dass es noch schlimmer hätte kommen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.