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Handball-Regelecke : Warum Deutschland noch einen Wurf bekam

Sloweniens Trainer wollte die Entscheidung der Schiedsrichter nicht akzeptieren. Bild: Reuters

So kurios kann Handball bei der EM sein: Slowenien jubelt schon. Doch Minuten nach Ende der Spielzeit erhält Deutschland noch eine Chance und nutzt sie zum Ausgleich. Wie kann das sein?

          Dass Handball mitunter zum hochdramatischen Spiel wird, ist nicht neu. Dass es aber so spannend und kurios zugeht wie am Montagabend beim deutschen EM-Spiel in Zagreb gegen Slowenien, ist dann doch nicht alltäglich. Blaz Janc hatte Sekunden vor Schluss zum 25:24 getroffen. Nach einer furiosen Aufholjagd – zur Pause lagen die Deutschen 10:15 hinten – schien das der bittere Schlusspunkt für die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop. Wenig später war die Hallenuhr mit der Spielzeit von 60 Minuten abgelaufen, die Slowenen sprangen jubelnd durch die Halle. Doch ein Deutscher wollte sich mit der Niederlage noch nicht abfinden. Silvio Heinevetter bedrängte die Schiedsrichter wild gestikulierend.

          Handball-EM 2018
          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Der Torwart hatte zwischen Gegentor und Schlusspfiff eine Regelwidrigkeit erkannt, die im Trubel der letzten Sekunden den litauischen Unparteiischen und selbst seinen Mitspielern nicht sofort aufgefallen war. Heinevetter hatte den Ball schnell nach vorne zum Mittelpunkt zu Paul Drux gepasst. Doch als der Deutsche den Anstoß ausführen wollte, wurde er vom Slowenen Blaz Blagotinsek gestört. Der letzte deutsche Versuch missriet deswegen. Doch das Spiel war noch lange nicht vorbei – warum zeigt ein Blick ins Regelwerk des Handball.

          In Regel 10 „Anwurf“ ist unter Punkt 10:2 festgehalten:

          Nach einem Tor wird das Spiel mit einem Anwurf von der Mannschaft wieder aufgenommen, gegen die das Tor erzielt worden ist.

          Und weiter geht es unter 10:3:

          Der Anwurf ist innerhalb drei Sekunden nach Anpfiff von der Mitte der Spielfläche aus (mit 1,5 m Toleranz nach beiden Seiten) in beliebiger Richtung auszuführen. Der Anwurf ausführende muss mindestens mit einem Fuß die Mittellinie berühren, der andere Fuß darf die Mittellinie nicht überschreiten und der Werfer darf den Ausführungsort nicht verlassen, bis der Ball gespielt ist. Die Mitspieler des Werfers dürfen die Mittellinie nicht vor dem Anpfiff überqueren.

          In Punkt 10:4 steht:

          Beim Anwurf nach einem Tor können sich die Gegenspieler des Werfers jedoch in beiden Hälften der Spielfläche aufhalten. In beiden Fällen dürfen die Gegenspieler jedoch nicht näher als 3 m an den Anwurf ausführenden herantreten.

          Hier ist der entscheidende Regelverstoß der Slowenen zu finden. Denn als Paul Drux den Anwurf ausführte, war der Slowene Blaz Blagotinsek weniger als drei Meter entfernt. Das erkannte erst Heinevetter, dann sahen es nach Ansicht der Videobilder auch die Schiedsrichter. Im Normalfall erhält der Spieler, der die Regelwidrigkeit begangen hat, eine persönliche Strafe. Da dieses Vergehen aber in den letzten 30 Sekunden des Spiels stattfand, war die Bestrafung erheblich härter.

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          Dies wird in Punkt 8:10c erklärt:

          Wenn der Ball in den letzten 30 Sekunden nicht im Spiel ist und ein Spieler oder Offizieller die Wurfausführung des Gegners verzögert oder behindert und damit der gegnerischen Mannschaft die Chance genommen wird, in eine Torwurfsituation zu kommen oder eine klare Torgelegenheit zu erreichen, ist der fehlbare Spieler/Offizielle zu disqualifizieren und der nicht fehlbaren Mannschaft ein 7-m-Wurf zuzusprechen. Dies gilt bei jeglicher Art der Wurfverhinderung (z.B. Vergehen mit begrenztem körperlichen Einsatz, Störung der Wurfausführung wie: Pass abfangen, stören der Ballannahme, Ball nicht freigeben). Hinzu kommt: (...) der fehlbare Spieler bzw. der fehlbare Offizielle wird gemäß den entsprechenden Regeln disqualifiziert (Anmerkung der Redaktion: erhält eine Rote Karte).

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          Der Videobeweis im Handball, der den slowenischen Regelverstoß erst sichtbar machte, ist übrigens nicht neu. Erstmals war die Technik bei der WM 2015 in Qatar im Einsatz. Warum die Schiedsrichter in Zagreb aber so lange brauchten, um die Bilder auszuwerten, ist unklar. Minutenlang hockten sie vor zwei Bildschirmen am Spielfeldrand – dann erst erkannten die Referees die Verhinderung einer klaren Torchance durch einen Slowenen und entschieden auf einen späten Siebenmeter für Deutschland. Neben groben Fouls, die übersehen wurden, können die Schiedsrichter mit dem Videobeweis auch kontrollieren, ob ein Ball hinter der Linie ist oder nicht. Außerdem können sie beispielsweise überprüfen, ob die Spielzeit bereits abgelaufen ist, wenn ein Tor erzielt wird.

          Die entscheidende Frage am Montagabend lautete: Hat der Ball die Hand des deutschen Rückraumspielers vor oder nach der Schlusssirene verlassen? Die Slowenen sagen Nein und legten Protest ein. Die Europäische Handball-Föderation muss sich deshalb an diesem Dienstag noch einmal intensiv mit dem Ausgang des Handball-Krimis beschäftigen.

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