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Werder in der Krise : Bremer Blues

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Niedergeschlagen – und allem Anschein nach auch ratlos: Werder Bremen, inzwischen tief gefallen in der Fußball-Bundesliga. Bild: dpa

Trainer Florian Kohfeldt erhält bei Werder Bremen noch Unterstützung. Doch die Lage verschärft sich mehr und mehr. Und jetzt kommt ausgerechnet Borussia Dortmund im DFB-Pokal.

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          Es musste alles so schnell gehen, dass nicht einmal Zeit für eine ausführliche Vorstellung war. Die holte Werder Bremen am Sonntag nach. Und da kam einem dieser Davie Selke mit seinen glitzernden Ohrsteckern ziemlich bekannt vor. Zuversicht strahlte der 25 Jahre alte Stürmer in einfachen Sätzen aus – das sollte er auch, vor allem nach dem in der zweiten Halbzeit ziemlich farblosen Spiel der Bremer in Augsburg. 1:2, dem Abstiegsrang 17 in der Fußball-Bundesliga nur entgangen, weil die Paderborner am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg verloren.

          Überhaupt war der Blick auf die Ergebnisse der Anderen noch das beste dieses verfahrenen Wochenendes, das auch Selke nicht besonders hatte aufhellen können: Werder unterlag, aber wenigstens blieben auch Mainz 05, Fortuna Düsseldorf und der SC Paderborn ohne Sieg.

          „Der Abstieg ist kein Thema für mich, denn für uns wird das Thema zweite Liga nicht aufkommen“, sagte Selke. Für Werder ist dieses „Thema“ nicht nur aktuell – und grundsätzlich – sehr wohl eines, sondern auch auf den neuen, alten Stürmer bezogen – nur im Falle des Klassenverbleibs müsste Werder ihn vom 1. Juli 2021 an für knapp 15 Millionen Euro kaufen. Bis zum 30. Juni des nächsten Jahres ist Selke von Hertha BSC ausgeliehen. Eine Sache mit womöglich hohem Kauf-Preis: Frank Baumann, der Vorstand Sport, hatte zuvor erläutert, dass Geschäfte dieser Kategorie kurz vor Toreschluss so oder gar nicht abgeschlossen werden; der abgebende Verein hat alle Trümpfe in der Hand. Der aufnehmende Klub besitzt wenig Handlungsspielraum.

          Will mit dem Abstieg nichts zu tun haben: Neuzugang Davie Selke.

          Erst Kevin Voigt, dann Selke: Nichts ist so teuer wie der Abstieg, nach dieser Devise haben die Bremer Verantwortlichen nach dem bedenklichen Absturz der vergangenen Monate gehandelt. Werder ist kein reicher Klub. Baumann aber versichert, auch durch die nun (wahrscheinlich) an Selke gebundenen Millionen bleibe der Verein handlungsfähig. Zwei namhafte Profis hat Trainer Florian Kohfeldt also hinzubekommen. Das erhöht zum einen in erwünschter Weise die Konkurrenz im Kader. Zum anderen steigt der Druck für Kohfeldt.

          Niemand bei Werder hackt zwar auf dem Trainer herum. Er soll derjenige sein, der nach Rehhagel und Schaaf wieder eine erfolgreiche Ära an der Weser einläutet. Aber als Übungsleiter der schwächsten Heimmannschaft der Bundesliga hat Kohfeldt kaum noch Argumente. Baumann und Aufsichtsratschef Marco Bode halten ihre Hände schützend über ihn. Allerdings würde alles andere als ein Sieg am Samstag über Union Berlin die Verantwortlichen wohl zum Handeln zwingen. Dann wären auch die Verletztenmisere oder die krassen Fehler Einzelner kein Argument pro Kohfeldt mehr.

          Ihm gehen die Argumente aus: Trainer Florian Kohfeldt

          Anstelle einer konzentrierten Trainingswoche sieht der Fußballkalender an diesem Dienstag ein Pokalspiel vor. Werder gegen Borussia Dortmund (20.45 Uhr / ARD und im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal), an und für sich, wie man im Norden sagt, ein Festtag. Die Folie liefert der Bremer Sieg aus dem Achtelfinale des Vorjahres – 4:2 nach Elfmeterschießen bei der Borussia; Werder, das mutige Team mit Kohfeldt als Antreiber mit glücklichem Händchen, Max Kruse und Claudio Pizarro waren in aller Munde. Zwei Runden weiter ging die schöne Reise damals noch. Diesmal glaubt kaum einer in Bremer daran, dass die Grünweißen den Favoriten stürzen können. Dafür waren die Leistungen in den vergangenen Heimspielen zu dürftig.

          Beim einzigen Tor in Augsburg deutete Selke an, eine Hilfe sein zu können. Dem lahmen Sturm soll er zu erhöhter Wehrhaftigkeit verhelfen. Dass Kohfeldt seine Angreifer Osako, Pizarro, Bartels, Eggestein und Goller auf der Bank ließ und Selke nach nur einem Training mit dem neuen Team beginnen ließ, sagt viel über Werders Team. Dabei steckt nominell einiges drin. So viel, dass Kohfeldt, Baumann und das Team vor der Saison die Europa League als Saisonziel ausgegeben hatten. Doch dann kamen Blessuren und Formschwächen – und all das hat Werder Bremen zu einem Abstiegskandidaten gemacht.

          Und Kohfeldt? Der Trainer mit dem gewissen Etwas? Er werde weder weglaufen noch den Bremer Stil ändern, sagt er. Also gepflegte Pässe statt einer eher rustikalen Gangart. An anderer Stelle, in Köln, zeigt Markus Gisdol wie schon einst beim HSV, dass Fußball der „Marke eklig“ erfolgreich sein kann. In Bremen tun sie sich schwer damit, auch wenn der Kämpfer Voigt und auch Selke nicht zu den Schönspielern gehören.

          Rückholaktionen sind im Profifußball selten taugliche Versuche, das Unheil abzuwenden. Von 2013 bis 2015 hatte Selke schon einmal bei Werder gespielt, war dann, wohl des Geldes wegen, erst einmal nach Leipzig gewechselt – in die zweite Liga. Die Werder-Fans riefen ihm seinerzeit unfreundliche Worte nach. Doch in der jetzigen Situation ist Selke an der Weser herzlich willkommen.

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