https://www.faz.net/-gtl-7ioxa

Viktoria Pilsen : Ein kleiner Ferguson und ein großer Sprung

  • Aktualisiert am

Der Star ist der Trainer: Pavel Vrba trifft mit Pilsen auf die Bayern Bild: AFP

Bayerns Champions-League-Gegner Viktoria Pilsen gilt als einer der wenigen vorbildlichen Klubs Osteuropas. Der Star ist der Trainer, auch wenn das vor fünf Jahren in Tschechien niemand geglaubt hätte.

          3 Min.

          Für die Wettanbieter ist der Fall einer der klarsten seit Jahren: Sie halten Viktoria Pilsen im Königsklassen-Vergleich mit Bayern München für Fallobst. Wenn die westböhmischen „Nachbarn“, zwischen beiden Städten liegen nur 220 Kilometer, an diesem Mittwoch das Champions-League-Spiel in der Allianz Arena (20.45 Uhr / Live im ZDF, bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) tatsächlich gewinnen sollten, würden die Buchmacher für zehn Euro Einsatz zwischen 350 und 410 Euro auszahlen. Ein Unentschieden brächte immer noch bis zu 130 Euro. Wer dagegen mit seinem Tipp auf einen Sieg der Bayern recht behielte, würde bei zehn Euro Einsatz gerade mal zwischen 40 und 70 Cent Gewinn einstreichen.

          Diese eindeutige Erwartungshaltung wird den Tschechen allerdings nicht ganz gerecht. Viktoria Pilsen hat sich nicht in die Königsklasse verirrt, sondern in der Qualifikation sicher durchgesetzt. Gut, Sarajevo und Maribor stellten für den Meister Tschechiens keine übermächtigen Gegner dar, aber dafür gerieten die Siege auch souverän.

          Vielleicht wäre die Wertschätzung größer, wenn im zweiten Spiel der Gruppenphase Torwart Matús Kozácik nicht dieses verhängnisvolle Eigentor unterlaufen wäre. Bei ZSKA Moskau ließ der slowakische Nationaltorhüter einen harmlosen Rückpass ins Tor passieren. Wie er dabei den Fuß hielt, um den Ball zu stoppen, machte ihn zum Tolpatsch des Monats.

          Es war der Gegentreffer zum 1:3. Hätte Kozácik aufgepasst, wäre das Tor von Bakos zum 2:3 in der Schlussminute einen Punkt für Pilsen wert gewesen. Einen Punkt, den sich die Tschechen durch ihr mutiges Spiel auch verdient hatten. So aber kommt die Viktoria ohne Punkt als Tabellenletzter nach München - und als krasser Außenseiter. Das Heimspiel gegen Manchester City ging 0:3 verloren, nachdem Pilsen in der ersten Halbzeit mindestens gleichwertig gewesen war.

          Auch mit 38 Jahren hat Kapitän Pavel Horváth noch die Führungsrolle inne
          Auch mit 38 Jahren hat Kapitän Pavel Horváth noch die Führungsrolle inne : Bild: AFP

          Viktoria gilt als einer der wenigen vorbildlichen Klubs Osteuropas. Der Aufschwung ist nicht Mäzenen zu verdanken oder Finanz-Jongleuren, sondern kontinuierlicher Aufbauarbeit. Im Kader steht nur ein Spieler, der nicht aus Tschechien oder der Slowakei stammt - Mladen Veselinovic, ein 20 Jahre altes Sturmtalent aus Bosnien-Hercegovina. Der in Deutschland bekannteste Profi ist Roman Hubnik, der bis zum Sommer für Hertha BSC verteidigte.

          Der Star ist der Trainer, auch wenn das vor fünf Jahren in Tschechien niemand geglaubt hätte. Als Pavel Vrba am 8. Oktober 2008 das Trainingsgelände von Viktoria Pilsen erstmals betrat, waren die Fußballer des 1911 gegründeten Vereins Mittelmaß. In fünf Jahren aber führte Vrba die Viktoria nicht nur zu zwei Meistertiteln, sondern auch zu zwei Champions-League-Teilnahmen.

          Der tschechische Meister gilt in der Champions League als Außenseiter
          Der tschechische Meister gilt in der Champions League als Außenseiter : Bild: AFP

          Bei diesen Erfolgen ist es kein Wunder, dass der 49 Jahre alte Trainer in diesen Tagen auch als Topfavorit für den vakanten Nationaltrainerposten in seiner Heimat gehandelt wird, was in Pilsen für Aufregung sorgt. Noch vor der Abreise nach München sprach Vereinschef Tomás Paclík ein Machtwort Richtung Verband, dass er Vrba nicht zur Nationalmannschaft ziehen lassen wolle. „Er hat bei uns einen Vertrag bis 2015, und so bleibt es“, sagte Paclík am Montag.

          So lange wie Vrba saß in der ersten tschechischen Liga kein Trainer auf der Bank, 152 Ligaspiele sind es inzwischen. „Der tschechische Ferguson“ wird er inzwischen genannt. „Ich möchte mich aber auf keinen Fall mit einer solchen Persönlichkeit vergleichen. Das geht nicht. Alex Ferguson hat Unglaubliches erreicht“, sagte Vrba ein wenig verschämt zu dem Vergleich mit dem früheren Coach von Manchester United.

          Die Laune bei der Mannschaft um Roman Hubnik (rechts), der einst für Hertha BSC spielte, ist bestens
          Die Laune bei der Mannschaft um Roman Hubnik (rechts), der einst für Hertha BSC spielte, ist bestens : Bild: AFP

          In Pilsen hat Vrba schnell eine außergewöhnliche Mannschaft geformt - mit Spielern, die von anderen Vereinen (vor allem Sparta Prag) abgegeben und als unbrauchbar bezeichnet worden waren. Paradebeispiel ist der in Prag geborene Kapitän Pavel Horváth, der auch mit 38 Jahren noch eine Führungsrolle im Pilsener Mittelfeld spielt.

          „Die Mannschaft hat allen Leuten gezeigt, dass sie guten Fußball spielen kann“, sagte Vrba stolz. Er verordnet seiner Mannschaft Offensive. Nach der Balleroberung soll sofort nach vorne umgeschaltet werden. Den Fans gefällt das. Oft ist die heimische Doosan Arena ausverkauft, was in Tschechien eher selten vorkommt.

          Die ersten internationalen Schritte waren für die unerfahrene Mannschaft schwierig. 2010 schied Pilsen in der Qualifikation zur Europa League gegen Besiktas Istanbul aus (1:1, 0:3). Nur ein Jahr später gelang die Sensation: Pilsen erreichte in der Champions League in einer Gruppe mit dem FC Barcelona, AC Mailand und Bate Borisow Platz drei. In der Zwischenrunde der Europa League schieden die Tschechen gegen Schalke 04 erst im Rückspiel in Gelsenkirchen mit 1:3 nach Verlängerung aus; alle Schalker Treffer erzielte damals Klaas-Jan Huntelaar.

          Diese Spiele machten Bundesligaklubs auf Profis aus Pilsen aufmerksam: Petr Jiracek wechselte nach Wolfsburg und spielt nun für den HSV, Vaclav Pilar ist in Freiburg am Ball. Trainer Vrba fing die Schwächung auf. In der vergangenen Saison wurde Pilsen Gruppensieger in der Europa League, bezwang dabei Atletico Madrid. Im Sechzehntelfinale setzten sich die Tschechen dann mit zwei Siegen gegen den SSC Neapel durch, scheiterten jedoch in der nächsten Runde knapp an Fenerbahce Istanbul. Gegen die Bayern ist Viktoria Pilsen sicher nicht Favorit - aber mit solch einem Stammbaum auch kein 400:10-Außenseiter.

          Weitere Themen

          FC Bayern empfängt Dynamo Kiew Video-Seite öffnen

          Champions League : FC Bayern empfängt Dynamo Kiew

          Mit Blick auf das kommende Gruppenspiel zeigt sich Bayern-Trainer Nagelsmann zuversichtlich. Abgesehen von Tolisso, Ulreich und Coman steht ihm sein gesamter Kader zur Verfügung.

          Zeichen in eigener Sache

          Dahouds Platzverweis : Zeichen in eigener Sache

          Schiedsrichter Aytekin hat genug vom „ständigen Abwinken“ und schickt den Dortmunder Dahoud mit einer gelb-roten Karte vom Platz. Doch der Gestus des Erziehers kommt nicht bei allen gut an.

          Topmeldungen

          Hatte einmal mehr keinen leichten Tag: Armin Laschet

          Laschet und die Union : Machtprobe

          Ein turbulenter Tag für die Union: CSU-Chef Söder spricht Scholz die besten Chancen aufs Kanzleramt zu – und Laschet verhindert eine Kampfkandidatur in der Fraktion.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.