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Angeblicher Stimmenkauf : Staatsanwaltschaft prüft Verdacht bei WM 2006

  • Aktualisiert am

Alles nur gekauft? Die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Bild: dpa

Die Staatsanwaltschaft prüft nach den Vorwürfen zur Vergabe der Fußball-WM 2006 einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände werden Betrug, Untreue und Korruption genannt.

          Nach den Vorwürfen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zur Vergabe der Fußball-WM 2006 prüft die Staatsanwaltschaft Frankfurt einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nannte Sprecherin Nadja Niesen am Montag in Frankfurt Betrug, Untreue oder Korruption. Sie sprach von einem „Beobachtungsvorgang“. Wann die Prüfung abgeschlossen sei, könne sie nicht sagen. Der „Spiegel“ hatte über den Verdacht berichtet, der DFB habe mit Geldern aus einer Schwarzen Kasse möglicherweise vier Stimmen von asiatischen Mitgliedern der Fifa-Exekutive gekauft. Der DFB bestreitet das vehement.

          Im Wirbel um eine 2005 durch den DFB an die Fifa erfolgte Zahlung von 6,7 Millionen Euro sieht der damalige Bundesinnenminister Otto Schily den Fußball-Weltverband in Erklärungsnot. Das sei eine Frage, die eigentlich die Fifa betreffe, sagte Schily am Montag im „Morgenmagazin“ der ARD. Natürlich gebe es auch für den DFB Grund, das zu überprüfen. „Aber normalerweise, wenn ich an einen Verein etwas zahle, dann gehe ich davon aus, dass das auch bestimmungsgemäß verwendet wird“, sagte der SPD-Politiker.

          Der Deutsche Fußball-Bund hatte Ungereimtheiten um die Zahlung eingeräumt und auf interne sowie externe Untersuchungen verwiesen. Schily sieht den Verband allerdings nicht in der Bringschuld. Beim DFB habe es 2005 in Theo Zwanziger einen Schatzmeister gegeben, „der hat alle Zahlungen höchst penibel geprüft – und das musste ja auch so sein, denn der DFB ist eine gemeinnützige Organisation.“

          Für den Zuschlag der Weltmeisterschaft 2006 soll nach einem unbestätigten Bericht des „Spiegel“ Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sein. Auch Schily hatte dem Bewerbungskomitee angehört. Die 6,7-Millionen-Euro-Zahlung hat laut DFB aber in keinem Zusammenhang mit der WM-Vergabe gestanden, den Verdacht des Stimmenkaufs weist der Verband vehement zurück.

          Auch Otto Schily (Mitte) gehörte dem Bewerbungskomitee für die WM 2006 an.

          Mit einem energischen Dementi hatten zuvor die Macher des „Sommermärchens“ mit Franz Beckenbauer an der Spitze im drohenden Skandal um die WM-Vergabe 2006 die Flucht nach vorn angetreten. „Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat“, erklärte der „Kaiser“ am Sonntag.

          Vor dem damaligen Chef des WM-Organisationskomitees hatten bereits DFB-Boss Wolfgang Niersbach, der frühere Bundesinnenminister Schily sowie Beckenbauer-Intimus und OK-Vizepräsident Fedor Radman die Vorwürfe des Magazins „Der Spiegel“, der DFB habe mit Geldern aus einer Schwarzen Kasse möglicherweise vier Stimmen von asiatischen Mitgliedern der Fifa-Exekutive gekauft, heftig zurückgewiesen.

          Niersbach: „Die WM war nicht gekauft“

          „Das kann ich absolut und kategorisch ausschließen. Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine Schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat“, sagte Niersbach schon am Samstag in einem Interview auf der Verbandsseite zu den Anschuldigungen.

          Es habe auch keinen Stimmenkauf gegeben, versicherte Niersbach – damals einer der Stellvertreter von OK-Chef Beckenbauer. „Ganz sicher nicht. Das kann ich allen Fußball-Fans versichern“, sagte der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes und ergänzte: „Nochmal: die WM war nicht gekauft.“

          Auch Radmann wies den Vorwurf des Stimmenkaufs mit Nachdruck zurück. „Das Bewerbungskomitee hat niemals irgendjemanden bestochen. Ich bin bereit, dies sogar zu beeiden. Wir haben keine Stimmen gekauft“, sagte Radmann am Samstag dem TV-Sender Sky Sport News HD. Schily bekräftigte in der „Bild am Sonntag“, er habe als Mitglied des Organisationskomitees „zu keinem Zeitpunkt Informationen erhalten, die den Verdacht ,schwarzer Kassen’ begründen“.

          Dennoch bleiben Fragen. Vor allem die nach den Ungereimtheiten rund um eine 2005 an den Fußball-Weltverband erfolgte Zahlung von 6,7 Millionen Euro. Niersbach versicherte, diese würde bereits intern vom Kontrollausschuss sowie extern von der internationalen Wirtschaftskanzlei Freshfields-Bruckhaus-Deringer untersucht.

          „Ich kann mich daran absolut nicht erinnern“

          Damit löste er nach Informationen der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung jedoch Verwunderung im DFB-Präsidium aus, das darüber bis zum vergangenen Freitag offenbar nicht informiert war. Obwohl das Ergebnis der Prüfungen noch aussteht, könne er „aufgrund der zeitlichen Abläufe dieses Zahlungs-Vorgangs schon jetzt definitiv ausschließen, dass die Zahlung in Zusammenhang mit der WM-Vergabe im Jahr 2000 steht“, versicherte Niersbach.

          Nicht so gut ist sein Erinnerungsvermögen in Bezug auf ein dem „Spiegel“ vorliegendes Dokument aus dem Jahr 2004, das im Zusammenhang mit dem Vorgang stehen und einen handschriftlichen Vermerk Niersbachs tragen soll. „Ich kann mich daran absolut nicht erinnern, zumal ich in meiner Eigenschaft als OK-Vizepräsident Marketing und Medien nur sehr bedingt in wirtschaftliche Transaktionen eingebunden war“, erklärte der DFB-Chef.

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