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Aus für Steffi Jones : Der Neid-Faktor im deutschen Frauenfußball

  • -Aktualisiert am

Der Interimstrainer Hrubesch (links) und die ehemalige Bundestrainerin Neid (Bild von 2016). Bild: Picture-Alliance

Die einstige Frauenfußball-Bundestrainerin Silvia Neid wird offenbar zur wichtigen Ratgeberin in der Entscheidung um die Nachfolge von Interimscoach Horst Hrubesch. Sie gibt hohe Ziele vor.

          Es wirkt nicht selten etwas bemüht, wenn der Frauenfußball versucht, sein Produkt mit einer Hochglanzfolie zu überspannen. Rund um die Nationalmannschaft gelingt es mitunter, einen Hauch von Big Business aufkommen zu lassen, auf Vereinsebene nicht. So unternahm Horst Hrubesch am Dienstag, wenige Stunden nachdem er der Öffentlichkeit via Pressemitteilung als Interimsnachfolger der entlassenen Bundestrainerin Steffi Jones genannt worden ist, seine nächste Bildungsreise in die Welt, die in den kommenden Wochen sein sportliches Zuhause sein wird. Die DFB-Führungskräfte der Sparte Frauenfußball waren nach einem ereignisreichen Tag von der Zentrale im Frankfurter Stadtwald hinüber geeilt ins Stadion im Stadtteil Rödelheim.

          Es hatte etwas von einer Rückkehr zu den Wurzeln des Frauenfußballs hierzulande, als der Kampf um die Akzeptanz der Disziplin mindestens genauso energisch geführt wurde wie der um Titel auf dem Rasen: In der Halbzeitpause des DFB-Pokal-Viertelfinalspiels zwischen dem 1. FFC Frankfurt und Turbine Potsdam versammelten sich Hrubesch und Co. in einem unmöblierten Raum, der an die Stadiongaststätte grenzt. Dann eine improvisierte Pressekonferenz im Stehen, Hrubesch machte auf Optimismus.

          Er habe sich „nicht aus der Verantwortung stehlen“ wollen und sei nun die Lösung für die beiden WM-Qualifikationsspiele im April gegen Tschechien und Slowenien. „Wir gehören zur Weltmeisterschaft, und ich habe keinen Zweifel, dass wir das schaffen“, sagte Hrubesch. Seine Assistentin Ulrike Ballweg beeilte sich zu betonen, dass es „im Frauenfußball nicht viele Geheimnisse gibt, die Horst nicht kennt“. Auch mit Hrubeschs „Ton“, in dessen Genuss bislang nur Männerteams kamen, „werden die Spielerinnen umgehen können“.

          Horst Hrubesch hätte nicht mit Mantel und Schal im Hinterzimmer der Kneipe gestanden, wenn Maren Meinert auf die Schnelle eingewilligt hätte, die Nachfolge von Steffi Jones anzutreten. Doch die U-20-Trainerin, die der DFB am Dienstag ursprünglich gerne als sofortige und langfristige Lösung auf dem Bundestrainerposten gesehen hätte, sagte aus privaten Gründen ab. Panagiotis Chatzialexiou, als Sportlicher Leiter für die weiblichen Nationalmannschaften zuständig, wies darauf hin, was die sportliche Stunde geschlagen hat. „Wir haben unseren großen Vorsprung, den wir in der Vergangenheit hatten, verloren“, sagte der 42-Jährige. Die Amerikanerinnen, Französinnen und Engländerinnen seien dem deutschen Team derzeit voraus.

          In der Tat hat der deutsche Frauenfußball eine Talsohle erreicht. Neben dem frühen EM-Aus des Nationalteams bleibt auf Vereinsebene zu konstatieren, dass der Gewinner der Champions League in den vergangenen beiden Jahren nicht VfL Wolfsburg oder Bayern München, sondern Olympique Lyon hieß.

          Und wer macht das Frauenfußball-Flaggschiff Nationalmannschaft langfristig wieder flott? „Auf Hrubesch ist auch keiner gekommen. Vielleicht wird es ja wieder ein Überraschung geben“, sagte Chatzialexiou schmunzelnd. Auch für eine ausländische Trainerlösung zeigte sich Chatzialexiou offen, wenn sie „zum Leitbild des DFB passt“. Er widersprach aber nicht, als er gefragt wurde, ob Ralf Kellermann der Topfavorit sei. Die „Protagonisten im Frauenfußball“ seien bekannt, so Chatzialexiou. Daraufhin wandte Silvia Neid ein, offiziell Leiterin des Scoutings im Frauen- und Mädchenfußball beim DFB, dass der langjährige Wolfsburger Erfolgstrainer Kellermann, seit Sommer beim VfL Sportdirektor, nicht über die passende Trainerlizenz verfüge.

          Die Anwesenheit Neids im Hinterzimmer erweckte den Anschein, dass sie bei der Analyse der Arbeit ihrer Vorgängerin Steffi Jones und der Auswahl ihres Nachnachfolgers eine wichtige Stimme hat. „Unser Ansehen weltweit hat sich verschlechtert“, sagte Silvia Neid: „Der Respekt uns gegenüber hat nachgelassen.“ Nun endete die erfolgreiche Ära der 53-Jährigen triumphal mit der Goldmedaille von Rio 2016. Aber es lässt sich darüber streiten, ob der Kern der aktuellen Malaise nicht schon durch den von ihr zuletzt verordneten Sicherheitsfußball und die Bevorzugung von älteren, verdienten Spielerinnen begonnen hat. Dass sich Steffi Jones mit einem Neustart davon lösen wollte und musste, war allgemein als richtiger Weg betrachtet worden. Nun ist das Experiment mit einer unerfahrenen Trainerin gescheitert. Und das Selbstvertrauen und Anspruchsdenken haben sich nicht verändert. Silvia Neid sagte jedenfalls noch, dass man als Frauen-Bundestrainer „jedes zweite Turnier gewinnen muss. Wir müssen die WM 2019 gewinnen, damit der Frauenfußball in Deutschland populär bleibt.“

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