https://www.faz.net/-gtm-85iku

Darmstadt 98 im Trainingslager : 17 Mann, drei Mini-Busse und eine Übungswiese

  • -Aktualisiert am

Idylle pur: Darmstadts Torwart Patrick Platien im Trainingslager Bild: dpa

Beim neuen Bundesligazwerg Darmstadt 98 läuft ein Trainingslager anders als bei anderen Spitzenvereinen. Doch immerhin muss kein Spieler mehr als Busfahrer aushelfen.

          3 Min.

          Trainieren kann man überall. Da muss man nicht nach China fliegen, zumindest nicht, wenn man Darmstadt 98 heißt und – auch zur eigenen Überraschung – gerade in die Fußball-Bundesliga aufgestiegen ist. Und so haben die Südhessen wie schon in den vergangenen beiden Jahren ihre Übungswiese in Baiersbronn bezogen, und damit in überschaubarem Abstand zur Heimat.

          Das gallische Fußball-Dorf ist bis zum Wochenende in den Schwarzwald verlegt, und natürlich ist dort alles ein bisschen anders als bei anderen Vereinsunternehmen der Multi-Millionen-Euro-Klasse. Die Darmstädter rechnen mit 15 Millionen für den Spielbetrieb in ihrer ersten Bundesligasaison seit 33 Jahren, damit könnte Branchenführer FC Bayern nicht einmal zwei seiner Stars bezahlen, so wie die es gewohnt sind.

          Zwei Stunden Fahrzeit am Tag

          In Baiersbronn also mühen sich die Darmstädter in Richtung Erste Liga, und wie zu Hause im maroden Stadion am Böllenfalltor ist auch hier alles ziemlich weit entfernt von First-Class-Standard. Baiersbronn hört sich ziemlich klein an, die Fläche der Gemeinde ist aber um einiges größer als die von Darmstadt, und so kommt es, dass die Hessen von ihrem Hotel an der Schwarzwaldhochstraße in den Ortsteil Klosterreichenbach, wo sie auf dem Platz des heimischen A-Ligaklubs trainieren, eine halbe Stunde unterwegs sind. Macht bei zwei Trainingseinheiten am Tag zwei Stunden Fahrzeit, nicht gerade optimal. Gefahren wird nicht in einem hübschen Mannschaftsbus, sondern mit drei unscheinbaren Kleinbussen. Ein Fortschritt ist dabei zu vermelden: Im Gegensatz zum ersten Testspiel beim Verbandsligaklub Viktoria Urberach vor zwei Wochen muss Stürmer Dominik Stroh-Engel diesmal nicht als Fahrer einspringen.

          Hindernislauf: Neu-Darmstädter Konstantin Rausch schult die Koordination
          Hindernislauf: Neu-Darmstädter Konstantin Rausch schult die Koordination : Bild: dpa

          Mehr als drei Kleinbusse und ein paar Privatwagen benötigen die Darmstädter derzeit nicht, bei nur 15 Feldspielern und zwei Torhütern, die Trainer Dirk Schuster zur Verfügung stehen. Drei Abgängen von Stammspielern (Bregérie, Behrens, Balogun) stehen erst zwei Neuzugänge gegenüber: Konstantin Rausch, der beim VfB Stuttgart aussortiert wurde, und Mario Vrancic, der vom Bundesliga-Absteiger SC Paderborn kam.

          Im Schwarzwald ist der Darmstädter Minikader immerhin eine Attraktion, und als unter der Woche ein Testspiel beim Oberligaklub TSG Balingen (1:0) auf dem Programm stand, wurde der Sensationsaufsteiger von der örtlichen Zeitung in aller Zurückhaltung als „achtes Weltwunder“ angekündigt. Trainer Dirk Schuster kann darüber schmunzeln. Er sitzt auf der Terrasse des Darmstädter Mannschaftshotels in 1000 Metern Höhe, und der eindrucksvolle Fernblick kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die „Lilien“ mit ihrem aktuellen Kader noch weit von einer schlagkräftigen und halbwegs konkurrenzfähigen Mannschaft entfernt sind.

          Aber Schuster ist die Ruhe selbst. Zwanzig Feldspieler und drei Torhüter seien die Zielmarke, sagt er. „Wir brauchen mehr Geduld als andere Vereine.“ Einfach weil sie weniger Geld haben. Schuster ist ein Spezialist für Transfers von der Resterampe, schon in den vergangenen beiden Jahren hat er seine Kader auf diese Weise zusammengestellt. Diesmal allerdings, das räumt er ein, ist alles schwieriger. Die Ansprüche sind gewachsen, auf der Wunschliste stehen keine Drittligaspieler mehr, sondern Profis, die schon bewiesen haben, dass sie in der ersten Liga mithalten können. Und die sind rar und begehrt und vergleichsweise teuer. Also abwarten und Tee trinken in Baiersbronn.

          Gehaltshygiene. Das ist kein schönes Wort, auch nicht für Fußballprofis, die in Darmstadt anheuern wollen. Für Schuster ist es nicht verhandelbar. Wer kommen soll und kommen will, der bekommt ein Angebot im Rahmen der Darmstädter Möglichkeiten, im Rahmen dessen, was die anderen verdienen, Ausreißer nach oben sind nicht vorgesehen. Das Darmstädter Beuteschema ist am Beispiel von Konstantin Rausch gut zu erklären.

          Dirk Schuster: Ein Trainingslager macht immer Spaß - „wenn man abends ins Bett fällt.“
          Dirk Schuster: Ein Trainingslager macht immer Spaß - „wenn man abends ins Bett fällt.“ : Bild: dpa

          Der 25-Jährige hat einst alle möglichen Jugendauswahlteams des DFB durchlaufen, bei Hannover 96 in der Bundesliga gespielt – und ist dann nach seinem Wechsel zum VfB Stuttgart so weit aus dem Tritt gekommen, dass ihn die Schwaben mit einer Abfindung aus dem Vertrag entließen. Für Schuster ist Rausch ein gefundenes Glück. Einer, der kicken kann, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zeigen konnte, einer, der heiß darauf ist, wieder bei Null anzufangen, einer, der urplötzlich die Chance sieht, sich in der Bundesliga zu beweisen.

          Mit dieser Art von Spielern, die er wieder zum Laufen brachte, ist Schuster von der dritten in die erste Liga marschiert. Und die meisten hat er erst ganz am Ende einer Transferperiode bekommen, dann wenn die Preise fallen. Schuster kann warten. Der nächste auf der Liste ist Luca Caldirola von Werder Bremen. Die, die er hat, lässt Schuster schon mal knüppelhart trainieren. Gemäß seines Mottos, wonach ein Trainingslager immer eine Menge Spaß bereite – „wenn man abends ins Bett fällt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Verletzte und Festnahmen : Zehntausende Menschen protestieren in Frankreich

          In Paris bauten Demonstranten Barrikaden und bewarfen Polizisten mit Steinen. Mehrere wurden verletzt. Die Demos richteten sich gegen Polizeigewalt und das umstrittene Sicherheitsgesetz. Die Organisatoren sprachen von 500.000 Teilnehmern im ganzen Land.

          Pressefreiheit in Frankreich : Macrons Doppelmoral

          Es ist gut, dass der französische Präsident Karikaturen gegen Zensurversuche im Namen der „politischen Korrektheit“ verteidigt. Doch er wäre glaubwürdiger, wenn er die Pressefreiheit nicht an anderer Stelle selbst einschränken würde.
          Kaum zu glauben: Marco Reus unterliegt mit der Borussia gegen Köln.

          Überraschende BVB-Pleite : Dortmunder Debakel gegen Krisenklub

          Mit einem Sieg hätte die Borussia an der Bundesliga-Tabellenspitze Druck auf den FC Bayern machen können. Stattdessen unterliegt der BVB dem abgeschlagenen 1. FC Köln. Erling Haaland vergibt in der Nachspielzeit eine Großchance.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.