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Fußball-WM : Die neue Generation der afrikanischen Trainer

  • -Aktualisiert am

Tunesiens Nationaltrainer Jalel Kadri Bild: EPA

Afrikanische Teams wollen den Fußball des 21. Jahrhunderts prägen – die Weltmeisterschaft in Qatar ist auch für ihre Trainer eine wichtige Bewährungsprobe.

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          Es wird viel um Rechte und um die Anerkennung von Benachteiligungen gerungen bei dieser Weltmeisterschaft, was diesem Turnier längst großen Schaden zugefügt hat. Wie auch immer man zu den vielen Debatten dieser Tage stehen mag, ein schon seit Jahren geführtes Gefecht, das auf dem Feld des Fußballs ausgetragen wird, ist in den Wirren dieser ersten Turniertage ziemlich in den Hintergrund geraten: Der weiterhin unerfüllte Wunsch vieler Fußballer aus Afrika, nicht nur als aktive Profis verehrt und in der Rolle als ehemalige Stars wahrgenommen zu werden, sondern auch als Trainer, die auf dem höchsten Niveau arbeiten können. „Unser Kampf ist es zu zeigen, dass das 21. Jahrhundert dem afrikanischen Fußball gehört“, sagt Aliou Cissé, der Chefcoach des Senegal vielleicht mit etwas zu viel Pathos. Aber er spricht vielen Afrikanern aus der Seele, die bei dieser WM schon vor dem ersten Spiel einen kleinen Sieg errungen haben.

          Fußball-WM 2022

          Zum ersten Mal seit der Erfindung des WM-Fußballs vor rund 100 Jahren werden alle Teilnehmer dieses Kontinents von Trainern ins Turnier geführt, deren familiäre Wurzeln in dem Land liegen, dessen Verbandsemblem sie während der Wochen von Qatar auf der Brust tragen. Die Tunesier spielen unter ihrem Landsmann Jalel Kadri, die Marokkaner unter Walid Regragui, Senegal wird von Aliou Cissé trainiert und Ghana (gegen Portugal um 17.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) sowie Kamerun (gegen die Schweiz um 11.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM bei MagentaTV) steigen an diesem Donnerstag unter Oddo Addo sowie Rigobert Song ins sportliche Geschehen ein.

          Die Anwesenheit dieser fünf Trainer in Qatar „stellt einen riesigen Entwicklungsschritt für den afrikanischen Fußball dar“, teilte der Kontinentalverband Caf, vor einigen Tagen mit. Beim Turnier vor vier Jahren in Russland waren nur zwei afrikanische Fußball-Lehrer dabei. So wie in den meisten anderen WM-Jahren auch.

          Arbeit der europäischen Trainer hatte auch Schattenseite

          Bis 2014 hatte es lediglich zehn von 38 Teams aus Afrika gegeben, die von einheimischen Trainern betreut wurden. Kamerun, Senegal und Ghana, jene drei Nationen, denen der Sprung ins Viertelfinale gelang, wurden sämtlich von Europäern gecoacht. Die Arbeit der vielen Fußball-Lehrer aus Frankreich und anderen industrialisierten Nationen hat den kontinentalen Fußball sicher vorangebracht, aber sie hatte immer auch eine Schattenseite – weil sie eine Verbindung zur düsteren Kolonialgeschichte herstellte.

          Selbst mancher Verbandsfunktionär dachte lange, dass Europäer nicht nur besser ausgebildet sind, sondern auch die geeigneteren Autoritäten für ein Fußballteam seien, erzählt einer dieser Trainer, der in Afrika gearbeitet hat. Manchem Star, der in seiner Heimat verehrt wird wie ein Halbgott, soll es unter einem Deutschen oder Franzosen leichter gefallen sein, sich im Sinne des Teams unterzuordnen, als unter einem Landsmann, der keinen großen Namen im Weltfußball hat.

          Otto Addo, Interimscoach der „Black Stars“ aus Ghana, ist auch Talente-Trainer bei Borussia Dortmund.
          Otto Addo, Interimscoach der „Black Stars“ aus Ghana, ist auch Talente-Trainer bei Borussia Dortmund. : Bild: EPA

          Das zu ändern sei „ein Prozess“, sagt Otto Addo, der im vergangenen Winter etwas überraschend zum Interimscoach bei den „Black Stars“ aus Ghana geworden war. Nach einem enttäuschenden Afrika-Cup und unmittelbar vor den wichtigen Play-off-Spielen um die WM-Teilnahme gegen Nigeria war der Serbe Milorad Rajevac entlassen worden. Die Funktionäre suchten daraufhin nach einem Nachfolger, der das Team kennt und entschieden sich für Addo, der zuvor Assistenztrainer des Teams war. Gewissermaßen im Nebenjob, hauptamtlich ist der 46 Jahre alte frühere Profi Talente-Trainer bei Borussia Dortmund, und in diese Rolle wird er nach der WM auch zurückkehren.

          Das Wagnis, die Ghanaer dauerhaft zu übernehmen, möchte er vorerst nicht eingehen, auch weil er ein Familienleben in Deutschland hat, das ziemlich durcheinander geraten würde. Aber Addo ist Teil einer Gruppe von Fußball-Lehrern zwischen 40 und 50, die Sengegals Cissé als „neue Generation“ bezeichnet, „die ihren Platz im afrikanischen Fußball und im Weltfußball haben möchte.“ Denn diese Leute sind womöglich sogar besser geeignet, die mit viel Geld forcierten europäischen Fortschritte zu importieren, als viele Europäer, die oft schon älter sind, die oft wenig wissen über Afrikas Fußball und die manchmal auch nur auf der Suche nach einem letzten Fußballabenteuer sind.

          Nur Tunesiens Jalel Kadri hat ausschließlich in Europa gespielt und gearbeitet, die anderen haben viel internationale Erfahrung gesammelt: Song lebte lange in Europa, Cissé, Addo und Marokkos Walid Regragui sind sogar dort aufgewachsen, wurden in Frankreich und Deutschland sozialisiert. Sie sind gut vernetzt. „Wir brauchen viel mehr afrikanische Trainer, um voran zu kommen“, sagt Cissé,und Addo ergänzt, dass „eine verbesserte Trainerausbildung in vielen Ländern schon jetzt ein wichtiger Aspekt der Entwicklung ist. Die Verbände trauen den einheimischen Trainern immer mehr zu und geben ihnen Chancen.“ Die Ergebnisse in Qatar taugen bislang zumindest nicht als Gegenargument.

          Marokko trotzte Kroatien, dem Finalteilnehmer von 2018, ein 0:0 ab, Tunesien spielte ebenfalls 0:0 gegen die als Geheimfavorit gehandelten Dänen, der Senegal war beim 0:2 gegen die Niederlande bis zur 88. Minute ohne Gegentor geblieben und verlor schließlich unglücklich. Ein Tor hat allerdings noch keine der Mannschaften aus Afrika erzielen können. Das soll sich an diesem Donnerstag ändern, an dem Ghana und Kamerun ins Geschehen einsteigen.

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