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Slomkas Standpunkt : Wir werden unsere Möglichkeiten bekommen

  • -Aktualisiert am

Richtung und Klarheit: Mirko Slomka ist von Joachim Löws Weg überzeugt Bild: dpa

Mirko Slomka lobt Joachim Löws taktische Klugheit. Und er ist sich sicher, dass die deutsche Elf gegen Frankreich Lösungen finden wird. Bei der Aufstellung empfiehlt der EM-Kolumnist der F.A.Z. eine personelle Überraschung.

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          Unser Viertelfinale war nichts für schwache Nerven. Aber am Ende war es dann endlich überwunden, das vielzitierte Turnier-Trauma gegen Italien. Ich habe mich besonders für unsere jungen Spieler wie Kimmich und Hector gefreut, die bei einer der größten Elfer-Schlachten der EM-Historie die Nerven behielten. Chapeau vor diesen Burschen!

          Ich habe vor dem Spiel gesagt, dass ich die Mannschaft aus dem Spiel gegen die Slowaken nicht geändert hätte. Jogi Löw hat es dennoch getan. Und ich muss sagen, ich kann seinen Ansatz verstehen. Sein Plan war es, der Squadra Azzurra im Zentrum den Zahn zu ziehen und dem Angriffsduo Eder und Pellè die Wirkung zu nehmen.

          Ein Trainer muss Lösungen finden

          Die Kritik von so manchen Experten, der Bundestrainer wäre wieder zu sehr auf den Gegner eingegangen, teile ich nicht. Im Gegenteil: Für mich wäre ein Ignorieren der italienischen Stärken Ausdruck einer arroganten Haltung gewesen. Und die sollte sich auch ein Weltmeister nicht leisten. Ein Trainer muss sich mit jedem neuen Gegner individuell auseinandersetzen und spezifische Lösungen finden.

          Mirko Slomka verfolgt die EM als Kolumnist für die F.A.Z.

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          Unsere Elf hatte die Italiener 120 Minuten lang im Griff - allein das rechtfertigt die gewählte Umstellung. Erst ein menschlicher Aussetzer von Jerome Boateng, der uns zuvor mehrfach das fußballerische Leben gerettet hatte, brachte die Italiener wieder ins Spiel. Der Rest ist Elfmeterdrama-Geschichte.

          Scholls Kritik war falsch

          Die spätere Schelte aus dem TV-Studio empfand ich als unangemessen. Mehmet Scholl trifft als Experte oft den Punkt, aber diesmal hat er es übertrieben. Ausgerechnet DFB-Chefscout Urs Siegenthaler derart abzukanzeln, das hat dieser brillante Stratege nicht verdient. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich weiß als Trainer, dass wir uns mit unserer gewählten Taktik, der Aufstellung, jeder einzelnen Auswechslung angreifbar machen und immer viel Anlass zu Diskussionen liefern. Damit kann ich und auch jeder andere Profi-Trainer leben. Und seien wir ehrlich: Ohne diese Diskussionen wäre Fußball nicht der Sport, der die Massen bewegt.

          Aber zu behaupten, Siegenthaler hätte Löw etwas Falsches eingeflüstert und müsse künftig von ihm ferngehalten werden, ist abwegig. Wer glaubt, jemand anders als der Bundestrainer treffe die finale Entscheidung ob Dreier- oder Viererkette gespielt, umgebaut oder belassen wird, der irrt. Natürlich berät sich jeder Cheftrainer mit seinem Stab, das halte ich genauso. Ich höre mir die Einschätzungen meines Trainer-Teams an, wir diskutieren verschiedene Szenarien, sind auch mal unterschiedlicher Meinung. Aber am Ende treffe ich die Entscheidung. Genauso macht es der Bundestrainer.

          Mustafi für Hummels!

          Vor dem Halbfinale muss er wieder viele Entscheidungen treffen. Leider auch manche unfreiwillige. Es schmerzt mich, dass Mario Gomez, der sich so auf dieses Turnier gefreut hat und dem man seine Spielfreude in jedem Spiel anmerkte, nun verletzt ausscheidet. Bei Sami Khedira habe ich auch kein gutes Gefühl, dass wir ihn in diesem Turnier noch einmal auf dem Feld sehen werden. Auch sehr schade, denn gemeinsam mit Toni Kroos bildete er ein eingespieltes Regieduo. Mats Hummels ist unverdient gelbgesperrt, ein Verlust, den man nicht 1:1 ersetzen kann.

          Mustafi hat im ersten Spiel ordentlich gespielt - ich würde ihn wieder bringen. Sollte auch noch Bastian Schweinsteiger als Backup für Khedira ausfallen, muss der Bundestrainer noch mehr neue Lösungen finden.

          Slomkas Wunschkandidat: Shkodran Mustafi soll für Hummels einspringen

          Ich würde Özil nicht als neuen Partner von Kroos zurückbeordern. Wir brauchen seine Offensivkraft vorne, gerade wenn uns ein Mario Gomez fehlt. Julian Weigl ist eine Option für das Zentrum. Sicher wäre das eine mutige Entscheidung, aber Weigl ist ein klasse Typ, ich bin ein echter Fan von ihm. Ich könnte mir vorstellen, dass er das Spiel seines Lebens macht, zumal er auf der Position beim BVB in der abgelaufenen Saison national und international schon sehr gut gespielt hat. Und im Sturm könnte Mario Götze alle Kritiker Lügen strafen und eine Trotzreaktion zeigen. Natürlich ist auch der stets frohgelaunte Poldi eine Option. Aber bei allem Respekt hat Götze, der Siegtorschütze von Rio, an einem guten Tag mehr zu bieten als Podolski.

          Wir werden Möglichkeiten bekommen

          Einerlei, wer in der Startelf steht: Gegen die Franzosen wird es ein ganz anderes Spiel als gegen die Italiener. Ich rechne damit, dass Didier Deschamps wieder ein 4-2-3-1 spielen lässt. Wenn ich er wäre, würde ich allerdings umbauen und den Deutschen mit zwei Spitzen taktisch etwas zu knabbern geben. Ich habe die Franzosen bei ihrem nicht gerade berauschenden Spiel gegen die Schweiz im Stadion gesehen und habe dabei so manche Schwäche in der Defensive ausgemacht. Da waren die Italiener mit ihren Abwehrrecken eine ganz andere Hausnummer. Auch Island hatte einige gute Chancen gegen La Grande Nation, weil wieder nicht optimal verteidigt wurde.

          Wir werden also unsere Möglichkeiten bekommen, die müssen wir dann nur genauso konsequent nutzen wie die Franzosen ihre gegen die Isländer. Klar ist, dass die Franzosen offensiv mit ihren Spitzenleuten Griezmann, Payet und Giroud sehr gut unterwegs sind. Hummels wird uns gegen dieses Power-Trio schmerzlich fehlen. Hoffen wir, dass wenigstens die Wade der Nation, nämlich Boatengs, hält. Derlei Probleme beschäftigen die Franzosen nicht, sie haben alle Mann an Bord und mussten gegen Island auch nicht ans Limit gehen.

          Aber wenn die Hymnen in Marseille verklungen sein werden, wird das alles keine Rolle mehr spielen. Es wird eine Schlacht werden. Bei der WM 2014 haben uns ein überragender Manuel Neuer und eine starke Defensivleistung den Sieg gegen die Franzosen im Viertelfinale beschert. Torschütze war seinerzeit Mats Hummels. Diese Geschichte wird sich jetzt definitiv nicht wiederholen, aber andere können sie schreiben. Zum Beispiel einer unserer brillanten Youngster. Vive la jeunesse!

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