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Richard Freitag : Zwölf lange Jahre

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Ein Flug für die Geschichtsbücher: Richard Freitag hat eine deutsche Negativserie beendet Bild: dpa

2002 hatte als bislang letzter Deutscher Sven Hannawald ein Springen bei der Vierschanzentournee gewonnen – bis Richard Freitag nun zum Sieg in Innsbruck flog. Der Sieg ist eine Erlösung.

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          Kaum hatte er den Wettkampf auf der Bergisel-Schanze gewonnen, kamen die Fragen nach der historischen Dimension seines Erfolges. Doch Richard Freitag blockte jede Form der Selbstüberhöhung ab. „Das Geschichtliche hatte ich jetzt nicht so im Kopf“, sagte der 23-Jährige zu dem Hinweis, dass er der erste deutsche Sieger bei einem Springen der Vierschanzentournee seit Dezember 2002 gewesen sei. Und ob er jetzt in die Fußstapfen von Sven Hannawald treten werde, dem letzten deutschen Gewinner vor exakt 50 Tournee-Wettbewerben? „Der Vergleich ehrt mich“, sagte Freitag am Sonntag, „aber Svens Fußspuren sind viel größer. Da muss ich noch ein paar Socken anziehen, um mithalten zu können.“

          Richard Freitag mag es lieber ruhig, gelassen und hintergründig. „Ein Sunnyboy ist er nicht gerade“, sagt Bundestrainer Werner Schuster über seinen aktuell besten Mann. „Aber er kann schon auch schelmisch sein.“ Den gelegentlich phlegmatisch wirkenden Sachsen explosiver und emotionaler zu machen, ohne ihn in ein bestimmtes Schema pressen zu wollen, ist eine der vielen Anforderungen an Schuster als Lehrer und Trainer: „Jeder muss seinen Weg finden“, sagt er über die unterschiedlichen Mentalitäten seiner Springer. Bei Freitag sei es wichtig gewesen, ihm klar zu machen, dass Skispringen „nicht das Wichtigste auf der Welt“ sei.

          Der Schmerz von Olympia

          „Skispringen ist eine Riesenkopfsache“ sagte Freitag selbst: „Du musst in einer Zehntelsekunde alles richtig machen.“ Aber obwohl ihm in seinem Leben als Leistungssportler das „an-die-Grenzen-gehen“ besonders viel Spaß macht, läuft es für den sensibel wirkenden Leichtgewichtsspringer insgesamt besser, seit er sich nicht ausschließlich darauf versteift. Bei den Olympischen Spielen war er nach zwei mittelmäßigen Einzelwettbewerben nicht fürs Teamspringen nominiert worden. Dass seine Kollegen dort dann Gold gewannen, freute ihn zwar für sie, aber persönlich „saß der Schmerz tief“.

          Erst wollte er alles hinschmeißen, dann brachte ihn eine ausgedehnte Amerika-Reise auf andere Gedanken. Auf seinem Trip genoss er die Natur im Yellowstone Nationalpark, er besuchte auch Salt Lake City, die Olympiastadt von 2002, und konnte so sein Olympia-Trauma hinter sich lassen. Jedes Schlechte habe auch sein Gutes, sagte der Sportsoldat mit Abitur hinterher weise. Und begann im September eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, um sich frühzeitig ein zweites berufliches Standbein zu schaffen. Er habe gemerkt, dass ihm „die geistige Horizonterweiterung gefehlt hatte“. Nach Schusters Auffassung wirkt Freitag seitdem befreiter. Dessen zurückgewonnene innere Balance wiederum wirke sich positiv aufs Sportliche aus.

          Das Krankenhaus der Skispringer

          Der Weg von Richard Freitag zum Skispringer war quasi vorgezeichnet: Er kam 1991 im selben Krankenhaus in Erlabrunn zur Welt, in dem schon Jens Weißflog und Sven Hannawald geboren wurden, was natürlich nur eine Anekdote ist, aber keine wirkliche Bedeutung hat. Doch auch Richards Vater Holger war Skispringer. Beide Freitags gewannen ihr erstes Weltcupspringen in Harrachov, Holger 1983, Richard 2011. Längst hat der Sohn den Vater übertrumpft. 2012 bei der Skiflug-WM in Vikersund war er der erste Deutsche überhaupt, der auf einer Flugschanze über 230 Meter weit sprang.

          Und nun gelang ihm sein Tournee-Meisterstück. Zwar war er schwach in die Vierschanzen-Meisterschaft gestartet, als er bei dem schwierigen, vom Wetter um einen Tag verschobenen Wettbewerb in Oberstdorf nur Rang 15 belegte, doch schon in Garmisch mit Platz 9 war ihm zumindest ein Sprung richtig gut gelungen, und nun in Innsbruck sogar beide. „Richi hat eine enorme Zuversicht und Lockerheit ausgestrahlt“ lobte Schuster. Im ersten Durchgang ließ er sich auch nicht aus dem Konzept bringen, als der Wettkampf unterbrochen und der Anlauf verkürzt wurde, exakt bevor er an der Reihe war.

          Trotzdem sprang er 133,5 Meter weit. Der zweite Durchgang gelang ihm dann noch eleganter, er landete bei 132 Metern mit einem vortrefflichen Telemark. Als einziger Springer im gesamten Wettkampf erhielt er dafür die Traumnote 20,0 – wenn auch nur vom deutschen Kampfrichter Jürgen Thomas. Aber auch dessen Kollegen aus Kasachstan, Frankreich, Österreich und Schweden griffen mit 19,0 und 19,5 hoch in die Kampfrichterkiste. Zurecht, wie Schuster meinte und generell lobte: „Richi springt immer sehr, sehr sauber.“

          In Bischofshofen wird es schwer

          Als der Sieg fest stand, zeigte Freitag alle fünf Finger seiner Hand als Zeichen für den fünften Weltcupsieg seiner Karriere. „Ein besonderes Jubelritual habe ich aber nicht“, sagte er, was freilich auch verwundert hätte. Viel Zeit für Überschwang blieb ohnehin nicht, denn noch am Sonntagabend ging die Reise weiter nach Bischofshofen, wo am Dreikönigstag das Abschlussspringen der Tournee ansteht. Die Deutschen sind nicht nur wegen Freitags Befreiungsschlag guten Mutes weitergezogen, auch insgesamt hat sich ihr Stellenwert verbessert. Nach drei Wettbewerben liegen neben Freitag (5.) auch Severin Freund (10.), Marinus Kraus (12.) und Stephan Leyhe (14.) in den Top-15 der Gesamtwertung. „Die Jungs haben alle die Möglichkeit, die beste Tournee ihres Lebens zu springen“, blickte Schuster erwartungsvoll voraus.

          Die Schanze in Bischofshofen gilt wegen ihres extrem langen und relativ flachen Anlaufs allerdings als schwieriges Terrain. „Für Richard ist es dort schwer“, sagte Schuster vorausblickend: „Die Schanze müsste eher Severin liegen.“ Doch Freitag geht die Dinge mit frischem Selbstbewusstsein an: „Ich nehme die Herausforderung an.“

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