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Formel 1 : Sehnsucht nach PS-Sozialismus

  • -Aktualisiert am

So dicht gedrängt wie auf diesem Bild wünschen sich die Formel-1-Piloten das Fahrerfeld der Rennserie dauerhaft. Bild: Reuters

Die Formel 1 ist zu vorhersehbar – und dennoch verpuffen viele Reformpläne. Die großen Rennställe wollen sich ihre Privilegien nicht wegnehmen lassen. Wie aber könnte die Motorsport-Königsklasse wieder spannender werden?

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          Es war eine exklusive Reisegesellschaft, die mit einem gecharterten Privatjet von Sotschi über Moskau nach Tokio flog. An Bord der Global 5000 waren Sebastian Vettel, Valtteri Bottas, Daniel Ricciardo, Romain Grosjean, Kevin Magnussen, Sergio Perez und Marcus Ericsson. Es kommt selten vor, dass sich Formel-1-Fahrer außerhalb der Rennstrecke für eine so lange Zeit auf so engem Raum einschließen lassen. Auf dem zehnstündigen Trip zum Großen Preis von Japan, den der Brite Lewis Hamilton später für sich entscheiden sollte, wurde über Motorsport gesprochen. Romain Grosjean verrät, dass man über den Wolken auch über das Ungleichgewicht im Feld diskutiert habe. Und man sei sich ausnahmsweise einig gewesen. Es ging um die große Kluft zwischen den drei Topteams und dem Rest des Feldes.

          Grosjean, der Haas-Fahrer, sagt: „Als junger Mensch würde ich mir die Formel 1 nicht mehr anschauen. Weil sie so vorhersehbar ist. Wer gewinnt das Rennen? Hamilton oder Vettel. Wer fährt noch auf das Podium? Bottas oder Kimi. Wer kommt dahinter an? Die Red Bull. Der Unterschied zwischen den drei Topteams und uns beträgt zwei Sekunden. Sind Lewis und Seb zwei Sekunden schneller als wir? Ich glaube nicht.“ Sergio Perez (Racing Point Force India) glaubt, dass höchstens eine halbe Sekunde den schnellsten vom langsamsten Fahrer trennt. Nico Hülkenberg (Renault) erinnert an das vorvergangene Wochenende in Sotschi, als Red-Bull-Pilot Max Verstappen aus der letzten Reihe startete und nach acht Runden schon Fünfter war: „Besser kann man nicht zeigen, dass die Formel 1 eine Zweiklassengesellschaft ist. Es ist bitter, wie die uns davonfahren.“ Perez sagt: „Das Mittelfeld bietet die beste Action. Wenn das ganze Feld so eng zusammenliegen würde wie Force India, Renault, HaasF1, Sauber, Toro Rosso und McLaren, wären die Rennen richtig gut.“

          Die Betreiber planen eine Budgetdeckelung

          Genau das ist der Plan der Besitzer des Sports. Liberty Media predigt den Sozialismus. Alle Teams sollen gleich viel Geld ausgeben dürfen. Den Amerikanern schwebt eine Budgetdeckelung von 150 Millionen Dollar vor. Bei der Obergrenze müssten Mercedes, Ferrari und Red Bull ihre Ausgaben halbieren. Die kleinen Teams wie Force India oder Sauber hätten noch Luft nach oben. Eigentlich sollte der Kostendeckel mit Ablauf des Concorde Abkommens, dem Grundsatzvertrag der Formel 1, in der Saison 2021 eingeführt werden. Doch die großen Teams haben bereits erfolgreich interveniert. Man könne nicht so schnell sein Personal abbauen, heißt es aus den Reihen der Oberklasse. Liberty musste deshalb bereits erste Zugeständnisse machen. Die Budgetdeckelung kommt jetzt auf schleichenden Sohlen. In drei Schritten von 200 auf 175 und schließlich 150 Millionen Dollar im Jahr 2023. Außerdem gibt es Ausnahmen: Das Gehalt der Fahrer und des teuersten Angestellten zählt nicht zum Budget. HaasF1-Teamchef Guenther Steiner sagt deshalb: „Zum Schluss wird es so viele Ausnahmen geben, dass alles beim Alten bleibt.“

          Das Mitspracherecht der Teams lähmt jeden Reformversuch. Die großen Rennställe wollen sich ihre Privilegien nicht wegnehmen lassen. Bei Bedarf drohen sie auch mal mit Rückzug. So ist auch der Plan von Liberty fehlgeschlagen, der Formel 1 einfachere und billigere Motoren zu verordnen. „Die Motoren sind ein Beispiel hoher Ingenieurskunst, aber leider sind sie keine guten Rennmotoren“, sagt Formel 1-Sportdirektor Ross Brawn. Die Antriebe gleichen Weltraumtechnik, sie erfordern ein kompliziertes Strafensystem, wenn vorgeschrieben Kontingente überschritten werden, sie sind so komplex, dass die Fahrer ferngelenkt werden, und sie machen aus vielen Rennen Benzinsparübungen. Außerdem sind sie teuer. Der reine Materialwert einer Antriebseinheit liegt bei 1,2 Millionen Euro.

          Trotzdem sperren sich Mercedes, Ferrari, Renault und Honda gegen einen Neubeginn, mit dem Argument, eine Neukonstruktion koste noch mehr Geld. Tatsächlich aber wollen sich die vier Hersteller abschotten und ihren Wissensvorsprung wahren. Jeder neue Hersteller soll sich erst einmal ein paar Jahre lang die Hörner abstoßen. Es wird nur keinen mehr geben. Kein Autokonzern geht das Risiko einer milliardenschweren Investition ein, wenn er fürchten muss wie Renault und Honda fünf Jahre lang hinterherzufahren. Auch das hat Kalkül. Er nimmt den Weltverband und Liberty in Geiselhaft. Sie haben keine Alternativen.

          Weil der Umbau der „Königsklasse“ in ein gerechteres System so schleppend vorangeht, versucht das Formel-1-Management kurzfristig künstliche Spannungsmomente einzubauen. Auch diese kommen meist nicht über das Stadium der Theorie hinaus. Kürzlich wurde diskutiert, die Rennen unberechenbarer und spannender zu machen, indem man blaue Flaggen abschafft. Dann könnten die schnellen Fahrer beim Überrunden nicht mehr damit rechnen, dass der langsame Fahrer einfach Platz macht. In der amerikanischen IndyCar-Serie funktioniert das wunderbar. „In der Formel 1 nicht“, warnt der ehemalige Weltmeister Alain Prost: „Bei uns gibt es zu viele Abhängigkeiten. Ein Mercedes-Kunde wird einen Werks-Mercedes ohne Probleme vorbeilassen, einen Ferrari-Fahrer aber nicht. Umgekehrt das Gleiche.“ Also: Vorschlag gestorben.

          Bei der vergangenen Strategiesitzung regte Liberty an, die Qualifikation in vier statt drei Segmente zu unterteilen. Das würde noch mehr Dramatik bringen und wäre TV-freundlicher. Einer wie Vettel würde davon profitieren, doch auch er hält nichts von der Idee. „Wir brauchen in unserer Zeit zu viel Unterhaltung um happy zu sein. Manchmal ist weniger einfach mehr.“ Die Chancen, dass Libertys Vorstoß 2019 umgesetzt wird, sind gering. Dazu brauchten die Amerikaner einen einstimmigen Beschluss.

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