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Formel 1 : Deutsches Nervenspiel

  • -Aktualisiert am

„Ob das fair ist?”: Adrian Sutil in Singapur Bild: dpa

Der Kampf um die WM ist zu Gunsten Sebastian Vettels entschieden - der Kampf um ein Cockpit in der Formel 1 nimmt indes erst richtig Fahrt auf.

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          Für die Formel 1 gehen die Menschen sehr weit. In Singapur nehmen sie manchen Kilometer durch die schwül-heiße Nacht in Kauf, kleben mit schweißnassen T-Shirts an den Zäunen, um einen Blick auf ihre Helden im gleißenden Scheinwerferlicht zu werfen. Ob sie ahnen, dass selbst manch renommierter Steuermann in die Knie geht, um im Spiel zu bleiben, oder zurückzukehren?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Am Freitag lief Nick Heidfeld auf Cockpitsuche durch das Fahrerlager. Vor gut vier Wochen tauschte ihn Renault gegen den Brasilianer Bruno Senna aus. Jetzt muss der Millionär Klinken putzen. Er ist sich nicht zu schade dafür: „Aber es ist verdammt schwer geworden.“ Alle Top-Teams sind besetzt. Freie Plätze gibt es nur noch, wo mehr als Talent und Erfahrung gefragt ist. Eine hübsche Mitgift zum Beispiel, also ein paar Millionen Euro. „Wenn man sieht, was für Fahrer engagiert werden, muss man mit dem Kopf schütteln“, sagt Adrian Sutil: „Ich verstehe das nicht. Nach purer Leistung geht es nicht.“ Am Sonntag wurde er wurde er immerhin Achter im Großen Preis von Singapur.

          Der Bayer hat das System sehr wohl durchschaut. Fünf Jahre schon gehört er zum Kreis der Stammpiloten. Die Namens- und Besitzerwechsel seines Teams bis zu Force India überstand er leicht. Sutil, inzwischen 28 Jahre und 98 Grand-Prix-Rennen alt, hat sich etabliert mit Achtungserfolgen, mit dem Aufstieg von Force India zu einem Rennstall der Mittelklasse. Sponsor Medion stand ihm dabei zwar zur Seite, Geld aber kann schließlich nicht Auto fahren. Nun weiß Sutil nicht, ob er eine Zukunft genießt in seiner geliebten Formel 1. Der Vertrag läuft zum Ende des Jahres aus, sein Chef, der Inder Vijay Mallya, will die Besetzung der Cockpits erst am 15. Dezember bekanntgeben. Was den Wettbewerb steigert oder - je nach Standpunkt - die Qual verstärkt. „Ob das fair ist?“, fragt Sutil: „So ist die Formel 1.“

          Sechs Millionen Gründe, die Fahrer warten zu lassen: Vijay Mallya (Foto von 2008)

          Mallya hat viele Gründe, die Konkurrenz zu fördern: gut acht Millionen. Um diesen Dollar-Betrag differiert angeblich die Beteiligung von Force India an der Verteilung der Vermarktungseinnahmen, falls Sauber den Kampf um Platz sechs in der Konstrukteurswertung gewinnen sollte. Jetzt soll sich Sutil offenbar im eigenen Team beweisen. Der Schotte Paul di Resta, ein Debütant, hat ihm zu schaffen gemacht. Die Leistungen von Testfahrer Nico Hülkenberg, heißt es im Team, seien sehr ansprechend. Und so klagte Sutil am Donnerstag über die geringen Folgen seiner Taten am Lenkrad: „Ich habe schon große Teams und deren Fahrer geschlagen, aber anscheinend sehen die Leute das nicht. Mein Wert wird schon erkannt, aber es wird nicht danach gehandelt.“

          Entspricht diese Darstellung der Realität, dann muss sich Sutil in einer Notsituation wähnen. So ließe sich ein krasser Widerspruch nachvollziehen. Denn auf die konkrete Frage dieser Zeitung, ob er, Sutil, denn im Kontakt mit Williams stehe, schüttelte er am Donnerstag den Kopf: „Ich bin mit keinem anderen Team im Gespräch.“ Und: „Ich muss nicht das Team wechseln, um glücklich zu sein.“ Vielleicht. Was aber hat Sutil dann am Mittwochabend vor dem Grand Prix in Italien auf das Fabrikgelände des renommierten, aber in die Bredouille geratenen Rennstalls Williams in Grove getrieben? Nach englischen Medien berichtete am Freitag auch das seriöse Fachmagazin „Auto Motor und Sport“ unter Hinweis auf Teammitglieder, Sutil sei vor gut zwei Wochen bei Williams gesehen worden. Doch dessen Manager Manfred Zimmermann besteht auf der Version seines Fahrers: „Er war nicht da, wir sprechen mit keinem anderen Team“, erklärte Zimmermann am Samstag auf Anfrage. Weil man es sich mit Mallya nicht verscherzen will?

          Sponsor Medion wäre für Williams attraktiv

          Der Name Williams erinnert zwar noch immer an WM-Siege und Triumphe in der Formel 1. Das Team ist aber in diesem Jahr in die untere Mittelklasse abgerutscht (Rang neun von zwölf). Altmeister Rubens Barrichello hat Mühe, Pastor Maldonado auf Abstand zu halten. Für den Formel-1-Anfänger aus Venezuela und dessen gewaltige Mitgift musste Nico Hülkenberg weichen. Williams sucht weiter nach frischem Geld. Der ehemalige Weltmeister Kimi Räikkönen, der in diesen Tagen als Nachfolger von Rubens Barrichello gehandelt wird, soll auch einen Finanzier in der Hinterhand haben. Sutil, sagt Zimmermann, zahle nicht. „Das ist seit einigen Jahren kein Thema mehr.“

          Verlockend kann eine Verpflichtung des Deutschen dennoch sein. Denn Zimmermanns Agentur betreut den Force-India-Sponsor Medion. „Wir gehen aber immer getrennt vor“, beteuerte der Stratege und bekennende Williams-Fan: „Erst wird ein Fahrervertrag unterschrieben.“ Und dann ein Sponsorvertrag? „Unwahrscheinlich ist das nicht“, räumt Zimmermann ein. So eine Kombination hätte bei Williams sicherlich Chancen. Sutil muss sie wahrnehmen. Denn falls er bei Mallyas Testfahrt der drei Piloten durchfiele, aber erst im Winter davon erführe, dann wäre die Formel 1 für ihn abgefahren. Sutil ist längst Teil eines Spiels, in dem viele weiter gehen, als man glauben sollte.

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