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Skispringer Andreas Wellinger : Ein schmaler Grat

  • -Aktualisiert am

Sturz in Kuusamo: Ein Jahr später springt Andreas Wellinger wieder Bild: Imago

Skispringer Andreas Wellinger hat vor einem Jahr für seinen Übermut bezahlt und stürzte ab. „Nicht zu viel zurückschauen, lieber voraus“, lautet jetzt sein Motto.

          5 Min.

          Über einen ihrer größten Gegner werden die wenigsten Worte gemacht. Fünfzig Skispringer, allesamt mutige Zeitgenossen, wetteifern auch in diesem Winter um die einmalige Chance, sich mit einem Erfolg schlagartig einen Platz in den Geschichtsbüchern ihrer Sportart zu sichern: Einen Sieg bei der Vierschanzentournee, die am Dienstag in Oberstdorf beginnt und deren Sieger am 6. Januar im österreichischen Bischofshofen gekürt wird, schätzen die Protagonisten der Szene als mindestens genauso wertvoll ein wie eine Krönung bei Olympia.

          „Die neun Tage sind etwas Besonderes“, sagt Andreas Wellinger, der zu den Flugkünstlern gehört, die ausgerechnet dann richtig viel zu tun bekommen und am meisten Aufmerksamkeit genießen, wenn der überwiegende Teil ihrer Mitmenschen es rund um Silvester etwas ruhiger angehen lässt. Die Höhe der Schanze in Oberstdorf beträgt 140 Meter. Wer je einmal oben am Beginn der vereisten Schienenspur stand, wo die Sportler vor den beiden Wertungsdurchgängen auf einem schmalen Brett Platz nehmen und ihre Konzentration sammeln, dem wird schnell bewusst, wie viel Courage dazu gehört, sich dort einen Ruck zu geben, in der Hocke Tempo aufzunehmen und dann nach dem Absprung mit neunzig Kilometern pro Stunde und Kopf voran nach unten zu sausen.

          Ist Angst im Spiel?

          Der Wind macht die ohnehin diffizile Herausforderung noch einen Tick unberechenbarer: Eine einzige Brise genügt, um die technische Stabilität dieses penibel zwischen Sportler und Material abgestimmten Systems durcheinanderzuwirbeln. Das kann fatale Folgen haben. Ob Angst im Spiel ist?

          Auf diese Frage haben sich die Sportler, ganz gleich, woher sie stammen und mit wie viel Routine sie die Aufgabe zu meistern versuchen, eine unisono klingende Antwort parat gelegt: Von Furcht, so heißt es dann bei ihnen, könne keine Rede sein, denn damit wäre die Handlungsfähigkeit bei diesem nur wenige Sekunden währenden Gefühl der Schwerelosigkeit nicht gewährleistet, „aber Respekt, den muss man immer haben, ohne ihn geht es nicht“, betont auch Wellinger. Der 20-Jährige hat am eigenen Körper gespürt, wie schmal der Grat zwischen der beherrschbaren Lust am Risiko und der unkalkulierbaren Gefahr für Leib und Leben ist.

          Eine Böe von der Seite

          Ein Schneesturm kündigte sich am 29. November 2014 über der Schanze von Kuusamo an, der Wettkampf fand dennoch statt. Wellinger kontrollierte mit beiden Händen noch einmal den Sitz des Schutzhelms und ob die Handschuhe richtig anliegen, ehe er sich vom Bakken abstieß. Routinehandlungen. Doch er war keine zwei Sekunden in der Luft, da wurde mit einem Mal alles anders: Eine Böe erwischte ihn von der Seite, drückte seinen linken Ski vom Körper weg, Wellinger ruderte mit den Armen, um das Abrutschen in die Schräglage zu verhindern. Vergeblich. In diesem Zweikampf mit den Naturgewalten zog er den Kürzeren.

          Das Lausbubengrinsen zurückgewinnen: Andreas Wellinger ist wieder in Kuusamo gesprungen

          Er knallte, nachdem es ihn einmal um die eigene Achse gedreht hatte, ungebremst auf den Boden, schlug dabei mit der Schulter auf und rutschte der Länge nach ins Ziel. Ursache des Absturzes, so lautete später die einhellige Meinung, war eigenes Verschulden. „Er ist trotz der schwierigen Bedingungen gesprungen, als ob er in diesem Moment den Gesamtweltcup gewinnen wollte“, sagte Bundestrainer Werner Schuster. „Er hat für seinen Übermut bezahlt.“ Die spätere Diagnose im Krankenhaus war niederschmetternd: Schlüsselbeinbruch, eine Operation zwingend erforderlich. Wellinger musste drei Monate Zwangspause einlegen; die Saison, die erste nach Olympia-Gold mit dem Team in Sotschi, für die er sich in der Einzelkonkurrenz so viel vorgenommen hatte, war damit gelaufen.

          Er verpasste unter anderem die Vierschanzentournee, für die er zum Kreis der Favoriten gezählt wurde. Nun nimmt er den nächsten Anlauf. Und Schuster hat den kleinen schmächtigen Bayern mit dem jungenhaften Gesicht auf einem Zettel stehen, auf denen er Namen aufgeschrieben hat, die bei der 64. Auflage des Traditionswettbewerbs aus seiner Sicht für Furore sorgen können. Neben Severin Freund, dem Team-Leader, und dem zuletzt wieder formstärkeren Richard Freitag gehört auch Wellinger zu den „drei Optionen“, von denen Schuster spricht, wenn er mögliche Kandidaten aus dem eigenen Lager nennen soll, die dem Gesamtweltcup-Führenden Peter Prevc (Slowenien) die erwartete Show vermasseln können.

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