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Vierschanzentournee : Der Dampf ist raus aus dem Kessel

Frust und Enttäuschung nach Patzer auf der Tournee: Karl Geiger Bild: AFP

Der Traum vom deutschen Tourneesieger ist aus und vorbei. Bitter bereut Karl Geiger seine Fehler am Bergisel. Beim Abschluss der Vierschanzentournee in Bischofshofen kann der einstige Hoffnungsträger nun ohne Druck an den Start gehen.

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          Karl Geiger gibt sich keinen Illusionen hin. „Es müsste schon verdammt viel passieren, dass ich sie noch abfangen kann.“ Es ist äußert unwahrscheinlich, dass der Skiflug-Weltmeister an diesem Mittwoch in Bischofshofen die in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee vor ihm liegenden Kollegen Kamil Stoch, Dawid Kubacki und Halvor Egner Granerud noch überholen kann. Umgerechnet knapp 14 Meter beträgt der Rückstand auf den zweimaligen Vierschanzentournee-Champion Stoch.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Am Montag, am Tag nach dem Aussetzer am Bergisel, sitzt Geiger gemeinsam mit Stefan Horngacher hoch über Innsbruck im Stammquartier in Lans. Er spricht von einer „bitteren Pille, die ich schlucken muss“, und er spricht von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“, die ihn im Gesamtklassement wegen des schwachen ersten Sprungs von Platz zwei auf Platz vier haben zurückfallen lassen. „Auf der Schanze ist es einfach brutal“, sagt Geiger, der sich nun vorgenommen hat, die „Challenge“ Bischofshofen anzunehmen.

          Bundestrainer Horngacher, der als Stratege das große Ganze seines Skisprungteams im Auge hat, weiß spätestens nach der vorabendlichen Videoanalyse, warum sein derzeit bester Mann am Schicksalsberg Bergisel das Rennen um den Gesamtsieg verloren hat – „außer, es passiert noch ein Wunder“. Beim dritten Springen in Innsbruck hat Geiger der Kopf einen bösen Streich gespielt.

          „Bei der Tournee will man es besonders gut machen und ja nicht den Sprung versemmeln“, sagt der Tiroler Horngacher. „Dann passiert es schon mal, dass man gedanklich ein bisschen hinterherhinkt. Dass man, wenn man mit 90 Kilometern pro Stunde runterfährt, gedanklich schon viel weiter vorn ist, als man es in Wirklichkeit ist.“ Die Folge: „Der Sprung rutscht ein bisschen durch, du kommst mit der Bewegung nicht hinterher, bist zu spät dran – und dann ist es vorbei bei dieser Schanze.“

          „Du darfst keine einzige Schwäche zeigen“

          Aus und vorbei der Traum, dass endlich mal wieder der Tourneesieger aus Deutschland kommt. „Fehler am Bergisel werden brutal bestraft“, sagt Horngacher. „Karl hat danach in der Kabine gedampft.“ Am Tag danach präsentiert sich Geiger so wie immer: geerdet, fokussiert, konzentriert. „Du darfst keine einzige Schwäche zeigen“, sagt er – und meint damit nicht nur seinen Fehler am Bergisel. Der Pole Stoch steht auch deshalb im Gesamtklassement ganz oben, weil er ein Muster an Konstanz und Stabilität ist.

          Im Weltcup, in dem ihm erst jetzt in Innsbruck der erste Sieg dieses Winters glückte, hängt er zwar ein wenig hinterher. Doch der 33 Jahre alte Routinier weiß sich wie kaum ein anderer auf das Skisprungspektakel Vierschanzentournee einzustellen. Vier Wettkämpfe binnen neun Tagen: Das ist Stress pur – körperlich wie psychisch. „Kamil ist ein außergewöhnlicher Sportler“, sagt sein einstiger Coach Horngacher. „Er kann alles. Er ist der perfekte Skispringer.“ Er ist der Mann, den es zu schlagen gilt.

          Umgerechnet knapp 14 Meter liegt Geiger hinter Stoch. „Es müsste ihm schon ein Bock passieren“, sagt der Oberstdorfer. Bislang hat sich der Pole bei dieser 69. Auflage der deutsch-österreichischen Vierschanzentournee keine Blöße gegeben. „Vor mir sind extrem gute Skispringer“, sagt Geiger, die Leistung der anderen anerkennend. Stoch und Titelverteidiger Dawid Kubacki liegen vor Geiger, deren Teamkollegen Piotr Zyla und Andrzej Stekala, auf den Plätzen acht und zehn, hinter ihm. In Summe sind die Polen damit als Mannschaft einsame Spitze.

          „Sie haben dem Druck nicht ganz standgehalten“

          Horngacher, vor seinem Engagement beim Deutschen Skiverband drei Jahre lang Cheftrainer von Stoch, Kubacki und Co., kann dagegen mit dem bisherigen Abschneiden seiner Mannschaft nicht zufrieden sein. Neben Geiger und Markus Eisenbichler schaffte es am Bergisel nur noch Martin Hamann in den Finaldurchgang der besten dreißig. Dort wurde er immerhin 13. Und die anderen wie Pius Paschke, Severin Freund und Constantin Schmid?

          „Die Jungs sind etwas abgefallen“, sagt Horngacher. „Sie haben dem Druck nicht ganz standgehalten.“ Und weil auch seine beiden Spitzenspringer Geiger und Eisenbichler nicht das Potential abgerufen haben, über das sie verfügen, schaut auch Horngacher realistisch Richtung Bischofshofen am Mittwoch (16.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee, im ZDF und bei Eurosport). „Der Dampf ist raus aus dem Kessel. Jetzt kann jeder drauflosspringen.“

          Im Salzburger Land, wo am Dreikönigstag traditionell die Tournee mit dem vierten Springen in Bischofshofen ihren Abschluss findet, will Geiger noch einmal zeigen, was er kann. „Auf der Schanze dort geht es zunächst gemütlich daher. Aber dann kommt der Absprung, der ist nicht einfach. Da muss man sich zusammenreißen.“ Geiger hat schon viele Male in diesem Winter gezeigt, dass er das kann.

          Er hat dem Nervenkitzel bei der Skiflug-WM in Planica standgehalten und mit der Winzigkeit von einem halben Punkt vor Granerud triumphiert. Und er hat in seiner Allgäuer Heimat zum Tourneeauftakt das Kunststück geschafft, als Einheimischer das Heimspringen zu gewinnen. „Jetzt gilt es, noch viele Punkte für den Gesamtweltcup zu machen“, sagt Horngacher. „Eine Goldmedaille hat Karl ja schon im Sack.“ Den goldenen Adler, den der Tourneesieger erhält, dürfte Geiger nur aus der Ferne sehen.

          Vierschanzentournee

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