https://www.faz.net/-gtl-769v8

Rodeln : Sogar Sorgenkinder werden Weltmeister

Deutsche Meisterschaft im fernen Kanada: Andi Langenhan (Silber), Felix Loch (Gold) und Johannes Ludwig (Bronze) auf dem Siegerpodest (v.l.) Bild: dpa

Die deutschen Rennrodler gewinnen bei der WM in Whistler nahezu alle möglichen Medaillen. Das Streben nach Perfektion hat auch Schattenseiten: Die russischen Olympia- Gastgeber zeigen Interesse am deutschen Wissen - und lassen Rubel rollen.

          2 Min.

          Perfekt? Nein, das war es nicht. Den deutschen Rennrodlern bleibt noch etwas Luft nach oben. Nicht bei den Herren, die aus der Weltmeisterschaft auf der Olympiabahn von Whistler am Wochenende - eins, zwei, drei, vier - eine deutsche Wettfahrt machten: Mit dem Bayern Felix Loch als altem und neuem Champion vor den Thüringern Andy Langenhan, Johannes Ludwig und David Möller.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Aber bei den Damen tauchte hinter der Weltmeisterin Natalie Geisenberger (ihre Premiere) und deren hochdekorierter Rivalin Tatjana Hüfner doch tatsächlich die Kanadierin Alex Gough auf Rang drei auf. Das war nicht nur dem Heimvorteil geschuldet. Frau Gough ist schnell. Und die Damen sind nun auf der Hut ob dieser kleinen Majestätsbeleidigung im einzigartigen Goldprogramm der Deutschen: Erstmals haben auch die Doppelsitzer wieder gewonnen. Tobias Wendl und Tobias Arlt, beide aus Berchtesgaden, vor, was für eine Frage, den Landsleuten Toni Eggert und Sascha Beneken (Ilsenburg). Allerdings sauste die berühmte Zweimannfuhre der Gebrüder Lingner auf Rang drei. Ein Podium teilen, mit Österreich? Was war da los?

          Auf diese Frage bekommt man keine Antwort an so einem „sensationellen“ Wochenende. Thomas Schwab, den Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland (BSD), bewegten Gedanken zu anderen Themen: Hat er in Whistler den ersten Teil der Wachablösung erlebt? Denn mit dem vierten Titel hat Felix Loch keinen Geringeren als den Hackl „Schorsch“, Deutschlands Rodelikone in der Weltmeisterschafts-Wertung, überholt. Es soll noch mehr kommen: nächstes Jahr der zweite Olympiasieg (Hackl hat drei zu bieten), dann vielleicht Gold in Südkorea. Loch wäre 2018 erst 30 Jahre alt, reif und doch noch jung genug, schaut man auf die Altmeister: Armin Zöggeler, der die WM ausließ, ist 39 Jahre alt, der Russe Albert Demtschenko 42.

          Hackl tüftelt mit Loch

          „Felix zähle ich zu den absoluten Ausnahmekönnern, die ich bislang in dem Sport sehen durfte“, sagte Schwab in Whistler der Deutschen Presse-Agentur. Hackls Position könnte also gefährdet sein. Aber selbst wenn es so weit käme, bliebe Hackl im Rennen. Er tüftelt mit Loch zusammen an der Verbesserung des Schlittens, berät ihn, soweit das nötig ist: „Wie cool der Hund ist, der Wahnsinn.“ So cool, so explosiv am Start und so nervenstark im Eiskanal, dass er den vierten Titel vor allem als glänzende Basis für den angestrebten Sieg bei den Winterspielen in einem Jahr in Sotschi betrachtet.

          Schwabs Team ist zum Siegen verdammt, wenn der Verband die finanzielle Förderung unter anderem durch das Innenministerium nicht riskieren will. Und so folgt den WM-Feiern in vorolympischen Jahren am nächsten Morgen die antreibende Frage: Reichts auch bei Olympia?

          War, ist und bleibt die Nummer eins: Felix Loch, zum vierten Mal Rodel-Weltmeister

          Die Athletik der Deutschen wird kaum zu überbieten sein. Ihre Fahrkunst ist unbestritten. Der gegenwärtige Vorsprung bei der Schlittentechnik aber kann innerhalb eines Jahres schmelzen. Daran sind zum Beispiel die Russen so stark interessiert, dass sie den Rubel rollen lassen, wenn sie Wissen einkaufen können. 12.000 Euro, heißt es aus dem russischen Team, verdiene einer der für das Olympiaprojekt angeheuerten Fremdarbeiter - pro Monat. Hierzulande müssen Bundestrainer kleinerer Sportarten trotz eines enormen Zeitaufwandes schon mal mit 4000 Euro zufrieden sein.

          Trotzdem ist nicht jeder angesprochene deutsche Spezialist dem Lockruf des Geldes gefolgt. Denn die Aussicht auf die Mitwirkung bei der Produktion einmaliger Goldstücke ist vielleicht doch mehr wert. Zumal die Deutschen sich zum Schrecken des Internationalen Verbandes dem perfekten Auftritt nähern. Nach der Dominanz der Damen, dem Rausch der Herren folgte nun, im sechsten Versuch, für Wendl/Arlt der erste Triumph. Nun zählen auch Schwabs Sorgenkinder zur Gemeinschaft der Siegertypen. „Endlich das erste WM-Gold. „Wir haben bei den vergangenen Titelkämpfen viel Pech gehabt“, sagte Wendl, „das ist ein Befreiungsschlag.“ Mehr noch, der Sieg und Rang zwei war das maximal mögliche Ergebnis der deutschen Doppelsitzerfraktion, perfekt. Denn mehr als zwei Schlitten pro Nation sind nicht zugelassen.

          WM in Whistler, Kanada

          Männer, Einsitzer: 1. Loch (Berchtesgaden) 1:36,375 Min. (48,133/ 48,242 Sek.), 2. Langenhan (Zella-Mehlis) 1:36,750 (48,316/ 48,434), 3. Ludwig (Oberhof) 1:36,775 (48,338/48,437), 4. Möller (Sonneberg) 1:36,786 (48,424/ 48,362)

          Doppelsitzer: 1. Wendl/ Arlt (Berchtesgaden/Königssee) 1:12,842 Min. (36,347/36,495 Sek.), 2. Eggert/ Benecken (Ilsenburg) 1:13,042 (36,505/ 36,537), 3. Linger/Linger (Österreich) 1:13,268 (36,591/36,677), 4. Walker/Snith (Kanada) 1:13,346 (36,674/36,672).

          Frauen, Einsitzer: 1. Geisenberger (Miesbach) 1:13,428 Min. (36,688/36,740 Sek.), 2. Hüfner (Friedrichroda) 1:13,534 (36,787/36,747), 3. Gough (Kanada) 1:13,546 (36,788/36,758), 4. Wischnewski (Oberwiesenthal) 1:13,658 (36,812/ 36,846), 5. Frisch (Altenberg) 1:13,815 (36,959/ 36,856).

          Staffel: 1. Deutschland (Geisenberger/Loch/ Wendl/Arlt) 2:03,826 Min., 2. Kanada 2:04,272 3. Lettland 2:04,854, 4. Österreich 2:04,862.

          Weitere Themen

          Bayerns Basketballer zaubern wieder

          Euroleague : Bayerns Basketballer zaubern wieder

          Die Basketballer des FC Bayern haben sich für die Pokalniederlage gegen Bonn rehabilitiert und in der Euroleague ihre bislang beste Saisonleistung gezeigt. Ein deutscher Nationalspieler war mal wieder in Topform.

          Topmeldungen

          Die Demokratin Nancy Pelosi gerät im Weißen Haus mit Präsident Donald Trump aneinander.

          Trump gegen Pelosi : Da oben ist was nicht in Ordnung

          Syrien, Ukraine – und die eigene Partei: Donald Trump kämpft an mehreren Fronten. Das geht an die Substanz des amerikanischen Präsidenten. Das zeigt auch der heftige Streit mit Nancy Pelosi. Unterdessen verschärft sich die Konfrontation mit dem Kongress.

          Katanlonien : Barcelona erlebt vierte Krawallnacht

          Die Proteste gegen die Verurteilung von Separatistenführern zu langjährigen Haftstrafen reißen nicht ab. Nicht alle sind gewalttätig: Diesen Freitag soll ein Generalstreik Katalonien lahmlegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.