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Nordische Ski-WM : Highlight mit Papplikum

Pappkameraden: Sie wären so gerne leibhaftig gekommen. Bild: dpa

Wenig Druck, aber viel Energie: Das deutsche Team startet bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf ohne Medaillenvorgabe. Die Erwartungen liegen bei den Skispringern.

          3 Min.

          Vielleicht machen es ja alle so wie Peter Schlickenrieder. Der Teamchef der deutschen Skilangläufer hat für die Weltmeisterschaften im Nordischen Skisport eine ganz besondere Strategie entwickelt. „Wir saugen die Energie auf, die dieser Ort bereithält.“

          Ralf Weitbrecht
          (raw.), Sport

          Oberstdorf hat sich rausgeputzt. Zum dritten Mal schon kommen die weltbesten Skispringer, Langläufer und Nordischen Kombinierer in das Tal der Schanzen im südlichsten Zipfel Deutschlands. Die Heim-WM im Allgäu – für die meisten der 37 Sportlerinnen und Sportler, die der Deutsche Skiverband (DSV) für das nordische Stelldichein nominiert hat, ist es ein Karriere-Highlight. Auch deshalb forderte Schlickenrieder am Dienstag in einer digitalen Pressekonferenz zur Einstimmung: „Jeder muss hier seine beste Lebensleistung zeigen.“

          Vor zwei Jahren, beim letzten Kräftemessen auf dem Tiroler Hochplateau in Seefeld, haben die Deutschen mächtig abgeräumt. Sechs Weltmeistertitel sowie drei weitere Medaillen – in Oberstdorf sind derartige Erfolge eher nicht zu erwarten. Horst Hüttel, der Teammanager der gerade in Seefeld so famos auftrumpfenden Abteilung Skisprung, will von konkreten Zahlen und Zielen nichts wissen. Am Tag vor den Titelkämpfen, die an diesem Mittwoch um 20 Uhr im Skisprungstadion am Schattenberg mit einer Lasershow eröffnet werden, hielt sich Hüttel bedeckt.

          Aus dem Schatten getreten: die Norweger sind bei der Nordischen Ski-WM mit dabei
          Aus dem Schatten getreten: die Norweger sind bei der Nordischen Ski-WM mit dabei : Bild: dpa

          Seine Vorfreude galt vielmehr den skispringenden Frauen, die in Oberstdorf endlich die Wertschätzung erfahren, die ihnen gebührt. Erstmals in der WM-Geschichte dürfen sie von der Großschanze springen – so wie dies die weltmeisterlichen Markus Eisenbichler und Karl Geiger schon immer machen. „Es ist nun einfach an der Zeit“, sagte Hüttel. „Die Mädchen sind reif dafür.“

          Reif, ein weltmeisterlicher Gastgeber für die rund 800 Athleten aus 60 Nationen zu sein, fühlt sich Oberstdorf schon lange. Zweimal schon, 1987 und 2005, fanden hier die Nordischen Titelkämpfe statt. Um wie jetzt ein drittes Mal dabei zu sein, haben alle Beteiligten mächtig gekämpft und Niederlagen einstecken müssen. Nach vier vergeblichen Anläufen für 2013, 2015, 2017 und 2019 erhielt das Allgäu 2016 in Cancún endlich den Zuschlag. Seitdem wurde eifrig daran gebastelt, die Festspiele von 2005 zu überbieten. 40 Millionen Euro wurden investiert, um die Sportstätten auf den neuesten Stand zu bringen, den Großteil übernahmen Bund und Land.

          Dann kam Corona – und die bittere Erkenntnis: Zuschauer sind nicht dabei. Mit 400.000 Besuchern hatten DSV-Präsident Franz Steinle und WM-Geschäftsführer Moritz Beckers-Schwarz gerechnet. Es wären annähernd doppelt so viele wie zuletzt in Seefeld gewesen. Nun aber heißt es: Papplikum statt Publikum. Sowohl im Skisprungstadion an der Schattenbergschanze als auch im nahe gelegenen Langlaufzentrum Ried zieren nun Fotobüsten aus Pappe die Tribünen. „Wir müssen das Beste aus der Situation machen“, sagt Steinle. „Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass der Skisport faszinierende Wettkämpfe auch ohne Zuschauer liefern kann.“ Steinle ist überzeugt: „Es wird ganz sicher keine blutleere Geister-WM.“ Sicherheit ist Trumpf. „Wir sorgen mit unseren strengen Regeln dafür, dass von dieser WM kein erhöhtes Risiko ausgeht“, sagt Beckers-Schwarz. Alle 48 Stunden finden nun Corona-Tests statt; zuvor war ein Testrhythmus von vier bis sechs Tagen angedacht.

          Obwohl Zuschauer wegen der Pandemie nicht zugelassen sind, herrscht in Oberstdorf rege Betriebsamkeit. Rund 5000 Menschen – Sportler, Betreuer, Offizielle und Medienvertreter – sind in der Marktgemeinde, die wie so viele andere Städte auch unter den Folgen des Lockdowns leidet. Seit Monaten schon verliert Oberstdorf allein durch ausbleibende Kurtaxen 25.000 Euro täglich. Wirtschaftlichen Verlusten sollen sportliche Gewinne gegenüberstehen. Ein Gewinn ist es jetzt schon, dass die norwegischen Langläufer und Kombinierer die Deckung in der Heimat aufgeben und sich wieder in die Alpen wagen.

          Anerkennung für die skispringenden Frauen: Zum ersten Mal küren auch sie von der Großchance ihre Meisterinnen
          Anerkennung für die skispringenden Frauen: Zum ersten Mal küren auch sie von der Großchance ihre Meisterinnen : Bild: dpa

          Wegen Corona hatten die Dominatoren der Loipe im Weltcup eine selbst auferlegte Pause eingelegt. Doch nun fühlen sich die zu den WM-Favoriten zählenden Athleten wie Kombinierer Jarl Magnus Riiber und Langläuferin Therese Johaug bereit, sich wieder einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Der deutsche Langlauf-Teamchef Schlickenrieder ist froh, dass die Besten der Besten wieder dabei sind. An den Hoffnungen und Träumen der DSV-Starter ändert dies wenig. „Top sechs oder Top acht im Einzel“, sagt Schlickenrieder, das wäre schon das höchste der Gefühle für die Langläufer, die immerhin in der Staffel als WM-Vierte von Seefeld an die Medaillenplätze herangekommen sind.

          Bleiben also und vor allem die Skispringer und Nordischen Kombinierer. Ebenso wie bei den skispringenden Frauen um Carina Vogt, Katharina Althaus und Juliane Seyfarth bieten die Titelkämpfe von Oberstdorf erstmals auch den weiblichen Kombinierern eine weltmeisterliche Bühne. Premiere im Einzel – mit der Deutschen Jenny Nowak, die aber noch nicht zeigen konnte, zu welchen Leistungen sie in der Loipe und auf der Schanze fähig ist. Beim einzigen Weltcup-Wettbewerb dieses Winters in Ramsau wurde sie 13.

          In Oberstdorf nun geht es Schlag auf Schlag. Von Donnerstag bis Sonntag finden zwölf der 24 Entscheidungen statt. Das deutsche Team, frei von offiziellen Medaillenerwartungen, fühlt sich bereit. Und der stets frohgemute Schlickenrieder beim Energiesaugen in Oberstdorf sowieso. „Wir haben ein Lächeln auf dem Gesicht.“

          Der Zeitplan der nordischen Ski-WM

          Mittwoch, 24. Februar
          20.00 Uhr: Eröffnungsfeier

          Donnerstag, 25. Februar
          11.30 Uhr: Skilanglauf Frauen und Männer Sprint-Finals (Klassisch)
          17.00 Uhr: Skispringen Frauen Einzel (Normalschanze)

          Freitag, 26. Februar
          10.15/16.00 Uhr: Nordische Kombination der Männer (Normalschanze)
          17.15 Uhr: Skispringen Frauen Team (Normalschanze)

          Samstag, 27. Februar
          10.00/15.30 Uhr: Nordische Kombination der Frauen (Normalschanze)
          11.45 Uhr: Skilanglauf Frauen 15-km-Skiathlon (7,5 klassisch + 7,5 frei)
          13.30 Uhr: Skilanglauf Männer 30-km-Skiathlon (15 klassisch + 15 frei)
          16.30 Uhr: Skispringen Männer Einzel (Normalschanze)

          Sonntag, 28. Februar
          10.00/15.00 Uhr: Nordische Kombination der Männer Team (Normalschanze)
          13.00 Uhr: Skilanglauf Frauen und Männer Team-Sprint-Finals (Freistil)
          17.00 Uhr: Skispringen Mixed (Normalschanze)

          Dienstag, 2. März
          13.15 Uhr: Skilanglauf Frauen 10 km (Freistil)

          Mittwoch, 3. März
          13.15 Uhr: Skilanglauf Männer 15 km (Freistil)
          17.15 Uhr: Skispringen Frauen Team (Großschanze)

          Donnerstag, 4. März
          11.00/15.00 Uhr: Nordische Kombination der Männer Einzel (Großschanze)
          13.15 Uhr: Skilanglauf Frauen 4x5-km-Staffel

          Freitag, 5. März
          13.15 Uhr: Skilanglauf Männer 4x10-km-Staffel
          17.00 Uhr: Skispringen Männer Einzel (Großschanze)

          Samstag, 6. März
          10.00/15.00 Uhr: Nordische Kombination der Männer Teamsprint 2x7,5-km-Staffel (Großschanze)
          12.15 Uhr: Skilanglauf Frauen 30 km Massenstart (Klassisch)
          17.00 Uhr: Skispringen Männer Team (Großschanze)

          Sonntag, 7. März
          13.00 Uhr: Skilanglauf Männer 50 km Massenstart (Klassisch), anschl. Abschlussfeier

          Alle Wettkämpfe werden von ARD (25. 2.–1. 3.), ZDF (2. 3.–7.3.) und Eurosport1 live übertragen.

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