https://www.faz.net/-gtl-9i6kp

Skisprung-Kommentar : Zeit zu fliegen

Ikarus im Anflug: Skispringen ist ein kompliziertes Gesamtkunstwerk Bild: AFP

Wer den richtigen Punkt trifft, kann in einen Flow geraten. Aber wer früher auf Sieg sprang, kann schnell hinterhersegeln. Auch deshalb fasziniert die Vierschanzentournee immer wieder.

          2 Min.

          Oberstdorf hat sich rausgeputzt. Am Heiligen Abend fiel ein bisschen Schnee, und wenn an diesem Sonntag die Besten der Besten wagemutig die Schanze runtersausen, nach dem perfekten Absprung suchen, weit fliegen und stilsicher landen wollen, dann wird es laut am Schattenberg. Die Skispringer sind da.

          Die Vierschanzentournee, die traditionell in Oberstdorf startet (Sonntag, 16.30 / Eurosport, ZDF und im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee), ist ein Klassiker. Auch deshalb wollen sie alle dabei sein. Einer wie Richard Freitag, im Vorjahr als Gesamtweltcup-Führender in die Schanzenspur gegangen, zuletzt aber wegen zweier Stürze geplagt, setzt auf den Wiederholungseffekt. Der Sachse im Team von Bundestrainer Werner Schuster hat für das deutsch-österreichische Grenzvergnügen einen Wunsch: „Ich hoffe, dass das mit dem Skispringen ähnlich läuft wie beim Radfahren: dass man das nicht verlernt.“

          Skispringen ist ein Gesamtkunstwerk. Nur wer die verschiedenen Bewegungsabläufe, technischen Anforderungen und mentalen Herausforderungen am besten meistert, wird Chancen haben, am Dreikönigstag in Bischofshofen mit einem Goldenen Adler belohnt zu werden. Eine Trophäe als Ausweis für Können und Konstanz.

          Titelverteidiger Kamil Stoch, dem bei der vergangenen Mission Titelverteidigung das Kunststück geglückt ist, als Zweiter nach dem Deutschen Sven Hannawald alle vier Einzelspringen zu gewinnen, ist durch die Tournee in seiner polnischen Heimat zu einem Volkshelden geworden. Derzeit aber ist Ryoyu Kobayashi derjenige, der im Feld der Spitzenkräfte das stimmigste Gesamtpaket geschnürt hat. Mit vier Weltcupsiegen hat sich der erst 22 Jahre alte Japaner zum Favoriten aufgeschwungen. Doch das muss nichts heißen.

          Severin Freund, mit 30 Jahren der älteste und erfahrenste deutsche Skispringer, war lange Zeit der sportliche Stern des Teams. In seiner Hoch-Zeit ist Freund Olympiasieger, Weltmeister und Gesamtzweiter der Tournee geworden. Doch von zwei Kreuzbandrissen zurückgeworfen, hat der jahrelange Vorzeigespringer Nachholbedarf und derzeit ein Problem: Er springt der Konkurrenz (noch) hinterher. Nicht nur für seinen Mentor ist dies keine Überraschung nach zweijähriger Zwangspause. Doch Bundestrainer Schuster kann und wird nicht ewig schützend seine Hand über Freund halten. Ob sein Athlet bei allen vier Springen dabei sein wird, ließ Schuster offen.

          Wenn der Tross nach dem Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen Kurs auf die Springen in Innsbruck und Bischofshofen nimmt, muss der Chefcoach sein zunächst auf 13 Springer angelegtes Team auf sieben reduzieren. Es müsse dann leistungsmäßig gerechtfertigt sein, dass Freund weiterfährt, sagt Schuster. Eine Aussage, die typisch für ihn ist. Seitdem er 2008 die Verantwortung für den Neuaufbau der deutschen Skispringer trägt, gilt das Leistungsprinzip. Wer gut springt und weit fliegt, ist im Team. Wer früher oben war, kann heute unten sein. Und wer in der zweiten Reihe war, sorgt plötzlich für Schlagzeilen. Wie Karl Geiger und Stephan Leyhe. Bei dieser Tournee kann wirklich viel passieren.

          [WWK ARENA]Wer gut springt und weit fliegt, ist im Team. Wer früher oben war, kann heute unten sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.