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Skiflug-WM in Oberstdorf : Freitags starker Kaltstart als Türöffner für Olympia

  • -Aktualisiert am

„Unser heißestes Eisen für Olympia, aber nicht das einzige“: Richard Freitag. Bild: AP

Knapp drei Wochen nach seinem Sturz bei der Vierschanzentournee ist Richard Freitag wieder da. Und er beeindruckt bei der Skiflug-WM. Bronze in Oberstdorf macht Hoffnung auf mehr in Korea.

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          Im Moment seines bislang größten Triumphs musste sich der neue Champion zunächst noch einmal ganz kleinmachen. Im Aufzug, der die Springer nach dem verkürzten Finale gemeinsam nach unten in den Zielraum zur Siegerehrung brachte, herrschte Hochbetrieb. Denn sie alle wollten so schnell wie möglich runter vom Turm, auf dem ihnen zuvor in den bangen Minuten des Wartens der Wind ordentlich um die Ohren gepfiffen hatte. Die Jury schätzte das Risiko als zu groß ein, um den Einzelwettbewerb der Skiflug-Weltmeisterschaften wie geplant in vier Durchgängen über die Bühne zu bringen, so dass die Titelvergabe aus Sicherheitsgründen abgekürzt wurde. Daniel-André Tande konnte so seine Klasse nach drei vorangegangenen Demonstrationen seiner Stärke nicht noch ein weiteres Mal vorführen, sondern wurde am Samstag im Schnelldurchgang zum Überflieger in Oberstdorf ausgerufen.

          Der 23 Jahre alte Norweger, der von seinen jubelnden Trainern, Materialtechnikern und Physiotherapeuten bei der Ankunft am Fuß der Heini-Klopfer-Schanze mit der La Ola empfangen wurde, wirkte über die Krönung im Eilverfahren alles andere als unglücklich. Er war erleichtert, dass dieses winterlich-windige Wochenende einen für ihn erfreulichen Ausgang fand: „Es ist perfekt gelaufen“, sagte der Strahlemann, dem bereits in der Qualifikation mit 238,5 Metern ein neuen Schanzenrekord gelungen war. Tande nannte den Beschluss, der ihm mit 651,9 Punkten (212, 227 und 200 Meter) den ersten Platz mit deutlichem Vorsprung vor dem polnischen Vierschanzentournee-Sieger Kamil Stoch (638,6 Punkte, 230, 219, 211,5 Meter) und dem Deutschen Richard Freitag bescherte, angemessen. Es habe das Risiko bestanden, dass bei Schneetreiben und den mit der hereinbrechenden Dunkelheit aufkommenden Böen die Gesundheit der Athleten gefährdet gewesen wäre.

          Dass Tande den Erfolg verdient habe und ein letzter Anlauf wohl nur aufs Neue seine Überlegenheit bestätigt hätte, sagte auch Freitag, der am Schluss 25 Punkte Rückstand auf den Norweger hatte – und den Anschein machte, als ob auch er mit dem Resultat bestens leben konnte. Es hätte, dies betonte der Sachse nach Flügen auf 228, 225 und 190,5 Meter, schlechter laufen können knapp drei Wochen nach seinem Sturz bei der Tournee. „Es stehen tolle Sportler mit mir auf dem Podium und ganz viele tolle hintendran“, sagte Freitag, der nach neun Jahren im Weltcup die erste Einzelmedaille bei einem Großereignis einheimste. Den Rückschlag von Innsbruck, wo er am 4. Januar bei der Landung ausrutschte, habe er analysiert, körperlich ohne gravierende Folgen überstanden und insgesamt so gut verarbeitet, dass er sich auf den Fortgang der Saison freue: „Ich bin fit. Ich merke, dass mein System funktioniert und die Arbeit, die in der Vorbereitung reingesteckt wurde, sich auszahlt.“

          Kommendes Wochenende macht der Skisprung-Zirkus in Stochs Heimat Zakopane Station, dann folgt der Auftritt in der nordhessischen Party-Hochburg Willingen, ehe anschließend die Reise zu den Olympischen Spielen in Pyeongchang beginnt. In den südkoreanischen Bergen wird es am Samstag, dem 10. Februar, von der Normalschanze erstmals ernst. Werner Schuster, der Bundestrainer, stand am Samstag, nach Tagen, als er wegen eines grippalen Infekts das Bett hütete, wieder mittendrin im Geschehen. Er hatte zuletzt als Vorsichtsmaßnahme, um niemanden in dieser wegweisenden Phase des Winters anzustecken, einen weiten Bogen um seine Aktiven gemacht – und war nach seiner Genesung einer der Ersten, der Freitag gratulierte: „Er hat einen langen Kampf hinter sich und es sich verdient.“ Die „tolle Geschichte“, wie er Freitags Abschneiden bezeichnete, könne „ein Türöffner sein“, durch den sich bei dem, was nun neben Olympia noch so alles ansteht – die prestigeträchtige Wertung im Gesamtweltcup, die hochdotierte Raw-Air-Serie –, vielversprechende Perspektiven böten. „Richard hat auch mental eine Top-Leistung geboten“, sagte Schuster.

          Freitag verzichtete in der WM-Vorbereitung, die von Reha-Behandlungen für die lädierte Hüfte geprägt war, bewusst auf Trainingssprünge, sondern wagte in Oberstdorf im Glauben an die eigene Stärke den Kaltstart: „Er hat seinen eigenen Kopf und geht in seine Richtung, man muss ihm vertrauen“, sagte der Bundestrainer, der die Resultate von Andreas Wellinger (Platz 7), Markus Eisenbichler (11) und Stefan Leyhe (20) als respektabel bewertete. „Richard Freitag ist bei Olympia unser heißestes Eisen, aber er ist nicht das einzige“, sagte Schuster, „irgendwas wird in Pyeongchang schon für uns übrig bleiben.“ Vielleicht auch im Team – am Sonntag blieb nur der vor allem bei Olympia undankbare vierte Rang hinter Norwegen, Slowenien und Polen.

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