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Martin Fourcade : Der Biathlon-Boss

Die Konkurrenz zollt Fourcade für seine Leistung Respekt Bild: EPA

Martin Fourcade eilt im Biathlon von Sieg zu Sieg. Selbst seine Gegner sind begeistert von der Leistung des Franzosen. Hat es je einen Besseren gegeben?

          Dieser Mann ist einfach jeder Situation gewachsen. Und wenn es noch so eng wird: Martin Fourcade hat immer die Lösung im Kopf – und in seinen Beinen. So wie am Sonntag, beim Verfolgungsrennen in der tiefverschneiten Ruhpoldinger Chiemgau-Arena, als 20 000 Zuschauer zunächst mit großem Erstaunen wahrnahmen, dass der 28 Jahre alte Biathlet nach drei Schießfehlern seinen komfortablen Vorsprung aus dem Sprint verspielt hatte. Und sich nach dem dritten Schießen plötzlich in einer Sechsergruppe wiederfand.

          Alle schienen sich für einen heißen Showdown zu sammeln, aber da hatten sie die Rechnung ohne den Meister gemacht. Der Franzose überrumpelte die gestandene Konkurrenz mit einer Blitzattacke am Berg – noch vor dem finalen Schießen. Wahnsinn oder genialer Schachzug? Letzteres. Es war die Entscheidung. Zumal Fourcade nach diesem kräftezehrenden Antritt das Kunststück fertigbrachte, alle Scheiben abzuräumen. Ein Meisterstück der besonderen Art. Dem Norweger Emil Hegle Svendsen und Michal Krcmar aus Tschechien blieben nur die Plätze zwei und drei, der Niedersachse Arnd Peiffer landete als bester Deutscher auf Platz fünf.

          Fourcade stand auch in Ruhpolding ganz oben.

          Manchmal steht Fourcade seiner eigenen Erfolgsserie selbst ein wenig ungläubig gegenüber: „Es ist schon verrückt. Als kleiner Junge habe ich davon geträumt, mal im Weltcup mitmachen zu dürfen. Jetzt habe ich zehn Saisonsiege. Das sind Dinge, die kann man sich nicht vorstellen.“ Fourcade gegen den Rest der Biathlon-Welt - dieses Motto gilt mehr denn je. Was schon ein paar Zahlen zeigen. Im Sprint am Freitag hatte der Jüngere der Fourcade-Brüder ein Jubiläum: Es war sein 200. Weltcuprennen. Seine herausragende Bilanz: 101 Mal hat er auf den Podium gestanden, davon 58 Mal auf der obersten Stufe. Zum Vergleich: Biathlon-Legende Ole Einar Björndalen stand bei 200 Einsätzen 85 Mal auf dem Treppchen. Sein Nachfolger dominiert seit der Saison 2011/12 den Weltcup, hat fünfmal nacheinander die große Kristallkugel gewonnen, und in diesem Jahr ist seine Überlegenheit noch größer geworden.

          Zehn Siege in dreizehn Rennen, das ist einmalig. Nur Björndalen hat es einmal in einer Saison auf insgesamt zwölf gebracht. Keiner zweifelt daran, dass sich Fourcade diesen Rekord demnächst holt – die Hälfte der Rennen steht ja noch aus. „Ich liebe Statistik“, sagte Fourcade. „weil sie mir hilft, mich weiter auf Erfolge zu fokussieren.“ Er wird einfach nicht satt. „Es hat nie einen Besseren gegeben, und jetzt hat er auch noch seine bislang beste Saison“, sagt Simon Schempp, dem immerhin in Oberhof im Massenstart das Kunststück gelungen ist, Fourcade zu schlagen. „Dazu brauchst du einen perfekten Tag“, sagt der Schwabe. Aber der reicht nicht immer.

          Diese Erfahrung hat Julian Eberhard gemacht. Dem Österreicher, Neunter im Gesamt-Weltcup und einer der stärksten Läufer im Feld, ist in Ruhpolding im Sprint das perfekte Rennen gelungen. „Es gibt absolut nichts, was ich hätte besser machen können“, sagte der 30 Jahre alte Saalfeldener. Aber in die Freude, im Wettkampf sein persönliches Optimum auf den Punkt gebracht zu haben, mischt sich die bittere Erkenntnis, dass selbst das nicht reicht, um Fourcade zu schlagen. Es klingt schon ein wenig nach Kapitulation, wenn Eberhard sagt: „Martin zeigt uns, wer der Boss ist. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als das anzuerkennen.“ Zumal wenn der Gelobte hinterher auch noch sagt, er habe schon bessere Rennen gemacht. Ganz so optimal sei seine Rennvorbereitung auch nicht gewesen. In Ruhpolding ist sein 16 Monate altes Töchterchen Manon mit der Mama zu Besuch, und da habe er der Kleinen kurz vor dem Start noch ein Lied singen müssen.

          Was die Konkurrenten angeht, ist es immer das gleiche Lied. Und sie reagieren schon genervt, wenn sie auf den 28 Jahre alten Franzosen angesprochen werden. „Es gibt nicht nur Martin, sondern auch andere starke Biathleten“, sagt Schempp. der am Sonntag Siebter wurde. Aber keinen mit diesen körperlichen Voraussetzungen, dieser Stressresistenz, dieser eisernen Gesundheit und diesem taktischen Repertoire. Und je mehr Fourcade gefordert wird, desto stärker wird er. „Druck motiviert mich“, sagt er. Seine vielleicht größte Stärke: sein Wille. Er gibt niemals auf. Nur Emil Hegle Svendsen mag nicht so recht in die allgemeinen Fourcade-Lobeshymnen einstimmen. Der Norweger galt einst als der größte Gegenspieler Fourcades, er hat ihm - etwa 2013 bei der WM in Nove Mesto - manchen Titel weggeschnappt und kommt immer besser in Form. „Ich beschäftige mich lieber mit mir selbst als mit anderen. Was ich tun kann, um jeden Tag besser zu werden. Natürlich will ich Martin irgendwann schlagen“, sagt er. Am liebsten bei der WM in Hochfilzen. Fourcade kann ihm da keine großen Hoffnungen machen. „Ich versuche weiterhin, jedes Rennen zu gewinnen“, hat er am Sonntag gesagt. „Und wenn ihr davon müde werdet, müsst ihr auf das Ende meiner Karriere warten.“ Noch Fragen?

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