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Darmstadt vor Sandhausen-Spiel : Flaute im Lilien-Sturm

  • -Aktualisiert am

Sucht treffsicheren Stürmer: Lilien-Trainer Grammozis Bild: Jan Huebner

Darmstadt 98 leidet unter einer akuten Offensivschwäche. Anders als geplant präsentiert sich das Team von Trainer Grammozis viel zu zaudernd.

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          Warum diese Verbarrikadierungs-Taktik, warum so mutlos? Selten hat am Böllenfalltor ein in Summe tristes 0:0 so viel Gesprächsstoff geliefert. Doch das torlose Remis in der zweiten Fußball-Bundesliga gegen Dynamo Dresden am vergangenen Freitag hat vielen Fans zu denken gegeben, auch langjährige, und dadurch hartgesottene „Lilien“-Anhänger grollten. Nicht, dass Darmstadt 98 torlos gegen Dresden gespielt hat, ist das Problem, sondern wie das Team gegen Dresden gespielt hat. Beobachter fühlten sich zurückversetzt in die Zeit, als der Trainer Dirk Schuster hieß und die Mannschaft dessen strenger, bisweilen stumpfer Defensiv-Doktrin folgte. Doch seit Februar heißt der Chefcoach Dimitrios Grammozis.

          Der Deutschgrieche hat seitdem zurecht viel Lob bekommen dafür, dass er verkrustete Abläufe aufgebrochen und ein eingefahrenes System durch eine offensivere Spielidee belebt hat. Das gelang ihm – und ist umso höher einzuschätzen – als Abstiegskämpfer während seiner Rettungsmission in der vergangenen Rückrunde. Nun hat Grammozis über den Sommer die Gelegenheit gehabt, den Kader personell nach seinen Vorstellungen zu frisieren – mehr Jugend und mehr Tempo kamen herein. Und er hat viele Trainingswochen Zeit gehabt, seine Vorstellungen vom Fußball zu verfestigen.

          Solide Bilanz

          Und was ist bislang dabei herausgekommen, neben der, zugegeben, soliden Bilanz von fünf Punkten aus vier Spielen? Eine streng defensiv agierende Mannschaft, die auf kaum mehr als 30 Prozent Ballbesitz je Match kommt und im Spiel nach vorne kaum Ideen und Durchschlagskraft entwickelt. Grammozis ist ein junger Trainer, dem nach seiner Aktivenzeit nichts geschenkt wurde und der das Handwerk von der Pike auf im Nachwuchsbereich gelernt hat. Was will der 41-Jährige, wohin will er den SVD in dieser Saison führen? Das ist derzeit kaum zu erkennen.

          Die Darmstädter sind angetreten ohne konkrete Saisonvorgabe, was die Plazierung betrifft. Aber zwei Etappenziele wurden schon formuliert. Erstens: Die Anzahl der Gegentore reduzieren, nachdem die „Lilien“ in der Vorsaison zeitweise die Schießbude der Liga waren. Zweitens: Offensiv variabler werden, nachdem der Schuster-Fußball abgeschüttelt schien und vielversprechende Ansätze Einzug erhielten. Das erste Ziel ist erreicht, klammert man das 0:4 in Osnabrück als komplettes Systemversagen für einen Moment aus. Denn dann haben die „Lilien“ in drei Zweitligapartien nur einen Gegentreffer (der strittige Elfmeter beim HSV am ersten Spieltag) kassiert.

          Mangel an Offensivdrang

          Ziel Nummer zwei liegt aber noch in weiter Ferne. Das Angriffsspiel leidet unter einem generellen Mangel an Offensivdrang und der Formschwäche seiner Protagonisten Serdar Dursun, Marvin Mehlem und Marcel Heller. Den Vertrag mit Mittelfeldspieler Julian von Haacke lösten die Südhessen am Donnerstag in gegenseitigem Einvernehmen auf.

          Aus dem „Lilien“-Lager heißt es gebetsmühlenartig, dass die schmerzliche 0:4-Niederlage in Osnabrück erst verdaut werden musste und dass gegen spielstarke Gegner nun mal kein Hurra-Fußball möglich sei. Doch dies erklärt nicht alles. Zumal die „Lilien“ auch beim Aufsteiger Osnabrück von Anpfiff an ängstlich-abwartend agierten. Und spätestens im Laufe des Dynamo-Heimspiels, als zu sehen war, dass die vor dem Spiel im „Lilien“-Lager etwas zu sehr verherrlichten Dresdner über Zweitligadurchschnitt nicht hinauskommen, hätte man offensiver reagieren können. Das blieb aus. „Grundsätzlich spielen wir nicht anders als in der Vorsaison unter Grammozis. Zuletzt haben wir aber im mannschaftlichen Offensivverhalten nicht die Qualitäten abrufen können, die wir bereits unter Beweis gestellt haben“, erläutert Sportdirektor Carsten Wehlmann. Es hat sich eine Divergenz in der Wahrnehmung zwischen Profiteam und Zuschauern aufgetan. Mittelfeldmann Victor Palsson soll nach Abpfiff pfeifenden Fans den „Vogel“ gezeigt haben. Auch Trainer Grammozis zeigte Unverständnis über kritische Nachfragen.

          An diesem Freitag (18.30 Uhr) treffen die Südhessen auswärts auf den SV Sandhausen. Ein Team, das nach den jüngsten Erfolgserlebnissen zwar selbstbewusst, aber nicht so spielstark ist, dass eine reine Defensivtaktik rechtfertigt wäre. Denn „das Märchenbuch ist zugeklappt“, wie SVD-Präsident Rüdiger Fritsch zu sagen pflegt. Die „Lilien“ müssen schon länger klarkommen ohne die Bezeichnung „Überraschungsteam“, oder „mit Abstand kleinster Fisch im Teich“. Sie gehören finanziell und strukturell zum Establishment der zweiten Liga. Dann sollten sie auch so spielen.

          Die „David-gegen-Goliath“-Attitüde hat einst Schuster gepflegt, der mit seinem Assistenten Sascha Franz in dieser Woche beim Ligakonkurrenten Erzgebirge Aue angeheuert hat. Was auch den Darmstädter Kassenwart freut, kann er die beiden doch von der aktuellen Gehaltsliste streichen. Ende Oktober kommt es zum direkten Duell gegen Grammozis’ „Lilien“. Dann kann dieser zeigen, dass er seinen Vorgänger nicht plötzlich kopiert, sondern mit neuen, eigenen Mitteln besiegt.

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