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Deutsches Schwimm-Team : „Kleine, dünne Models“

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Als Tussi abgestempelt? Alexandra Wenk lässt sich davon nicht stören Bild: dpa

Zum Abschluss der Deutschen Meisterschaften freut sich Chefbundestrainer Lambertz vor allem über seinen Schwimm-Nachwuchs. Doch die Wettbewerbe haben gezeigt: Die Hoffnung für Rio ist überwiegend männlich.

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          Henning Lambertz war am Sonntag „grundsätzlich sehr zufrieden“ mit dem, was er bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin von den ihm unterstellten Schwimmern gesehen hatte. Damit, dass es nicht nur „ein, zwei herausragende Einzelkönner“ gegeben habe, „sondern wieder mal auch eine ganze Bandbreite von jungen Leuten, die sich auch noch entwickeln können“. Soweit, so übersichtlich. Allerdings wäre bei ebenjener „Bandbreite“, bei den „jungen Leuten“ eine Differenzierung des Chefbundestrainers durchaus angebracht gewesen: Es waren vor allem junge Männer, die in Berlin Wellen schlugen. Florian Vogel, 21 Jahre alt, beerbte Paul Biedermann als bester Deutscher über 400 Meter Freistil.

          Über die lange Lagen-Distanz, eine ewige Problemzone im deutschen Schwimmen, stritten sich gleich fünf Männer um die zwei zu vergebende Olympia-Tickets, der WM-Fünfte Jacob Heidtmann, ebenfalls 21, und Supertalent Johannes Hintze, 16 Jahre, gingen aus dem spannenden Finale als erster und zweiter Sieger hervor. Florian Wellbrock, immerhin schon volljährig, knackte über die ebenfalls lange brach liegenden 1500 Meter die 15-Minuten-Marke. Und zum schnellsten deutschen Schwimmer kürte sich am Sonntag Damian Wierling, 20 Jahre alt, als er den noch aus der Zeit der inzwischen verbotenen Anzüge stammenden Rekord von Rafed El-Masri schon im Vorlauf unterbot. Die Weichen für eine Zukunft der deutschen Schwimmer auch nach Weltrekordler Biedermann, der seine Karriere mit einer guten Leistung in Rio beenden möchte und über 200 Meter Freistil glänzte, und Weltmeister Marco Koch, dem einzigen reellen Medaillenkandidaten für die Spiele im August, scheint gesichert.

          Feine, aber nötige Unterscheidung

          Bei den Schwimmerinnen dagegen beschränken sich die Höhepunkte auf Einzelkönnerinnen. Eine feine, aber eine nötige Unterscheidung, um Lösungen für jenes Problem zu finden, welches innerhalb der ohnehin nur langsam wieder Oberwasser gewinnenden Schwimm-Nation offenbar am schwierigsten in den Griff zu bekommen ist: Seit 2010 schwamm keine Frau mehr zu einer Medaille bei internationalen Wettkämpfen auf der 50-Meter-Bahn, die letzten Titel stammen gar von der durch die Hightech-Anzüge entrückten WM 2009. Erkrault hatte sie Britta Steffen. Die 2013 zurückgetretene Athletin war jahrelang das weibliche Aushängeschild des DSV, rettete schon 2008 mit zwei Olympiasiegen in Peking die Ehre des strauchelnden Verbandes. Seither? Ein Loch.

          Und nun? Lässt Franziska Hentke hoffen, jene Einzelkönnerin, die über 200 Meter Schmetterling für die beste Leistung bei dieser DM gesorgt hatte: 2:05,77 Minuten. Schneller war in dieser olympischen Saison nur die Australierin Madeline Groves (2:05,47). Doch die Magdeburgerin muss erst noch unter Beweis stellen, dass sie starke Vorleistungen bei Großereignissen wiederholen kann. Außerdem ist sie, 26 Jahre alt, Spätzünderin.

          „Dass wir bei den kurzen Kraulstrecken der Damen so wenig Topergebnisse haben, liegt daran, dass sie keine Kraft haben“, sagt Lambertz. Und der Cheftrainer, der seit seinem Amtsantritt 2013 einiges umgekrempelt hat, wird noch deutlicher: „Wenn ich da jetzt hinschaue und mir neben unseren Mädels Sarah Sjöström oder Jeanette Ottensen vorstelle, dann sehen unser aus wie kleine, dünne Models, aber nicht wie Sportlerinnen.“ Zwar habe sich die von ihm vehement geforderte Grundlagenausdauer durch viele, viele Trainingskilometer schon in jungen Jahren gebessert – „da haben viele die Kilometer hochgezogen“ – doch in einem zweiten Schritt müsste nun die Athletik verbessert werden. „Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber wenn man die Ergebnisse so sieht, ist es leider nicht so selbstverständlich“, sagt Lambertz. Künftig werde Athletiktrainer Arthur Jankowski „mit viel klareren Kompetenzen ausgestattet, um an den Stützpunkten die Vorgabe für die Athletik umzusetzen“.

          So sehen Sieger aus: Florian Vogel, Christoph Fildebrandt und Paul Biedermann (v.l.n.r) nach dem Endlauf über 200 Meter Freistil
          So sehen Sieger aus: Florian Vogel, Christoph Fildebrandt und Paul Biedermann (v.l.n.r) nach dem Endlauf über 200 Meter Freistil : Bild: dpa

          Eine Frau für die Zukunft könnte indes Alexandra Wenk sein. Die 21 Jahre alte Münchnerin hat mit ihrer extrovertierten Art der ruhigen Franziska Hentke an diesem Wochenende die Show gestohlen – und schwamm sie doch von einem nationalen Rekord zum anderen. Über 200 Meter Lagen bracht sie gar die 35 Jahre alte DDR-Bestmarke von Ute Geweniger. Allein: Die internationale Konkurrenz lässt sie mit ihren Zeiten nicht zittern. Alexandra Wenk macht Spaß, weil sie so begeisterungsfähig ist. Weil sie sich nicht stören lässt davon, dass sie als Tussi abgestempelt wird wegen bunter Fingernägel und falscher Wimpern, weil sie Mode liebt. Vor allem aber zeigt sie als Sportlerin Potential: Bei der WM in Kasan 2015 war ihre zweite Bahn beim 100-Meter-Schmetterling-Finale die zweitschnellste – hinter der schwedischen Weltmeisterin Sarah Sjöström.

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