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WM-Schwimmer Paul Biedermann : Bronze mit Mehrwert

  • -Aktualisiert am

Dritter! Paul Biedermann holt die nächste deutsche Medaille bei der Schwimm-WM Bild: dpa

Paul Biedermann macht bei seinem dritten Platz über 200 Meter Freistil den Eindruck, als sei er Richtung Rio auf dem richtigen Weg. Nur die letzte Wende verhindert ein nahezu perfektes Rennen.

          Paul Biedermann hängt mit dem linken Arm am Startblock und schaut auf die Anzeigetafel. Lange bleibt sein Blick starr auf das Ergebnis dieses WM-Finals über 200 Meter Freistil gerichtet. Was irritiert ihn bloß so an diesem Bild? Ist es die Reihenfolge, die den Hallenser als Dritten hinter dem Briten James Guy und Sun Yang aus China auswies? Ist es die Zeit, 1:45,14 Minuten, die für das WM-Gold gereicht hatte, oder seine Saisonbestzeit von 1:45,38 Minuten? Nein. Manchmal ist die Realität viel einfacher als alle Interpretationsversuche von außen: „Ich brauche da immer ein bisschen, um was zu erkennen. Mir fehlt da ein bisschen Sauerstoff im Gehirn für die Augen“, sagte der 28-Jährige lachend, nachdem er, wie von offizieller Stelle geplant, in einem „sehr würdigen WM-Finale“ zur ersten Medaille für das deutsche Beckenteam in der russischen Stadt Kasan gekrault war.

          Biedermann wirkte zufrieden mit dem, was er sah, und dem, was er geleistet hatte. Allemal zufriedener als Chinas Nationalheld Sun Yang, dessen Mission, in allen Freistilrennen von 200 bis 1500 Meter Gold zu holen, schon nach dem zweiten Finale gescheitert war. Bei der Siegerehrung hob Biedermann den Daumen, strahlte vom haushohen Podest in der Heimatstätte des mehrmaligen russischen Fußballmeisters FK Rubin in die Runde.

          Er musste sich den Respekt hart erarbeiten

          Diese Zufriedenheit, sie hat viel mit dem turbulenten Weg zu tun, den Paul Biedermann in den vergangenen sechs Jahren gegangen ist. Er begann 2009 bei der WM in Rom, als der international weitgehend unbekannte Praktikant der Wasserwerke Halle zur Hoch-Zeit der Hightech-Anzüge mit jeweils Gold und Weltrekord über 400 und 200 Meter Freistil überraschte. Doch statt Respekt erntete er für dieses WM-Wunder nur Misstrauen, habe er seinen Erfolg doch einzig seiner Power-Pelle zu verdanken, unkte nicht zuletzt der bis dato auf den 200 Metern ungeschlagene amerikanische Superstar Michael Phelps. Es dauerte zwei schweißtreibende Jahre, bis Paul Biedermann das Anzugmann-Image abstreifen, bis er sich und der Konkurrenz mit zweimal WM-Bronze in Schanghai beweisen konnte, dass er auch in Badehose ziemlich schnell schwimmen kann.

          Als einer des Besten der Welt reiste der Hallenser ein Jahr später nach London. Olympia 2012 – das sollten seine Spiele werden. Doch es kam bekanntlich anders. Der fünfte Platz über seine Lieblingsstrecke –international nur eine Randnotiz. Es war ein Tiefschlag, von dem sich Deutschlands Vorzeigeschwimmer mental nur mühsam wieder erholte und dann einige Wochen nach dem Neustart die WM-Saison 2013 nach krankheitsbedingtem Ausfall frühzeitig beenden musste.

          Lange waren es vor allem Biedermanns Erfolge, die die Probleme der deutschen Beckenschwimmer kaschierten. Ein Druck, der Biedermann zusammen mit den eigenen Erwartungen wohl auf dem Weg nach London mehr belastet hatte, als er sich eingestehen mochte. Heute, da zum Beispiel der Weltmeisterschaftszweite Marco Koch mit ihm im Rampenlicht steht, sagt er: „Es ist natürlich schon angenehmer, wenn sich die Last auf mehrere Schultern verteilt.“

          Ein fast perfektes Rennen

          Im vergangenen Jahr kehrte Biedermann zurück in kontinentale Gewässer, kraulte bei der Heim-Europameisterschaft zu Einzel-Silber und mit dem 4×200-Meter-Quartett zu Gold.

          Stolz wie Paule: Biedermann mit Medaille

          Und nun, vier Jahre nach seiner letzten WM in Schanghai – wieder Bronze über seine Paradestrecke bei seiner letzten WM. Wie damals in der chinesischen Hafenmetropole ist es wieder eine vorolympische Weltmeisterschaft, das Fernziel Rio de Janeiro längst fest im Blick. Doch dieser Paul Biedermann macht den Eindruck, als würde er bei seinem dritten Olympiaanlauf vieles richtig machen. Diese WM – für die Weltelite ohnehin nicht mehr als ein spektakulärer Testwettbewerb auf höchstem Niveau – habe ihm aber auch aufgezeigt, woran er noch arbeiten müsse. „Das war fast das perfekte Rennen, so wie ich es mir vorgestellt haben, nur die letzte Wende, die ärgert mich.“ Hier hatte er wertvolle Zehntel verloren.

          Dennoch: Paul Biedermann hat sich einmal mehr in die Weltspitze zurück gearbeitet. Daher bedeute ihm diese Medaille auch „ein bisschen mehr“ als jene aus Schanghai. „Weil ich ja auch schon ein bisschen älter bin“, sagte der Doppel-Weltrekordhalter grinsend. Tatsächlich war Biedermann hinter Ryan Lochte der Senior im Final-Feld. Der Amerikaner, der eine halbe Sekunde hinter Biedermann als Vierter anschlug, hatte bei seinem Testevent etwas Erstaunliches ausprobiert: Er war nach den Rollwenden auf dem Rücken getaucht, „weil ich so schneller bin als auf dem Bauch“, erklärte der 31-Jährige. Eine Technik, die Wendenmuffel Biedermann sich für Rio sicher nicht abgucken wird.

          Paul Biedermann wird am Freitag 29 Jahre alt. Es ist der Tag, an dem er mit seinen 200-Meter-Staffel-Kumpels antritt, für die er wohl einen ohnehin eher aussichtslosen Start über 100 Meter Freistil absagen wird. Denn auch das hat der Eigenbrötler in den vergangenen Jahren gelernt: „dass Staffeln das Schwimmerleben ganz schön bereichern können“ – und sei es nur, um dem vermutlichen Schlussschwimmer des deutschen Quartetts die Ergebnisse auf der Anzeigetafel vorzulesen.

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