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Handball-Champions-League : Am Ende der Möglichkeiten

  • -Aktualisiert am

Enttäuschter Kieler: Niclas Ekberg gegen den FC Barcelona Bild: dpa

Der THW Kiel probiert im Final-Four-Halbfinale gegen Barcelona alles, kann aber die Ausfälle von Hendrik Pekeler und Sander Sagosen nicht kompensieren: „So viele waren wir ja auch nicht mehr.“

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          Es war ein Bild mit Symbolcharakter, als Hendrik Pekeler in seinem Spezialstiefel aus Plastik durch die riesige Arena humpelte, um vor dem Anwurf die Medaille als bester Verteidiger dieser Champions-League-Saison entgegenzunehmen. Pekeler, in Hemd und Chinos, hatte sich Mitte Mai im Viertelfinal-Rückspiel gegen Paris St. Germain einen Riss der Achillessehne zugezogen und war lediglich als Fan seiner Mannschaft nach Köln gereist.

          Schon da hatte der THW Kiel den achten Einzug ins Final Four teuer bezahlt. Im Bundesligaspiel wenig später gegen die TSV Hannover-Burgdorf traf es den deutschen Meister von 2021 noch härter: Sander Sagosen, zuletzt Dreh- und Angelpunkt mit den meisten Assists, verletzte sich an Syndesmose und Sprunggelenk und musste operiert werden. Der Norweger verfolgte den heiß ersehnten Auftritt seiner Mannschaft schweren Herzens aus Oslo.

          Ohne die beiden Säulen waren die Kieler als Außenseiter ins Halbfinale am Samstagabend gegen den FC Barcelona gegangen. Und nach einer guten ersten Halbzeit (18:19) mit verbissener Abwehrarbeit und einem bärenstarken Patrick Wiencek (sechs Tore) wurde es im zweiten Durchgang dann auch mehr und mehr die Partie eines Favoriten gegen den Unterlegenen. „Wir haben alles probiert“, sagte der Kieler Kapitän Domagoj Duvnjak später, „aber Barcelona war besser.“ 34:30 gewann der Titelverteidiger. Am Sonntagabend kann Barcelona den Titel abermals verteidigen und gewinnt die Champions League 37:35 nach nach Siebenmeterwerfen gegen den polnischen Meister Vive Kielce.

          Niemand wollte die beiden Fehlenden als Grund zu deutlich hervorheben. So tickt Kiel nicht. Zumindest ein kleines „aber“ schob der erfahrene Linkshänder Steffen Weinhold jedoch ein: „Bei einigen Zweikämpfen in der zweiten Halbzeit hat uns dann vielleicht doch dieser eine Spieler gefehlt.“ Gemeint war Abwehrchef Pekeler. Ihn ersetzte Routinier Pavel Horak im Rahmen seiner Möglichkeiten und mit ganz viel Willen – wurde aber auch einige Male ausgewackelt, wenn der Gegner mit Tempo kam.

          Am Sonntag gewann THW Kiel dann das Spiel um Platz drei gegen Ungarns Topklub Telekom Veszprem mit 3:1 im Siebenmeterwerfen und verabschiedete sich mit dem Ergebnis in die Sommerpause.  Eine Partie, zu der Trainer Filip Jicha vorher seine ganz eigene Meinung hatte: „Wir haben ein K.-o.-Spiel verloren und sind aus dem Wettbewerb ausgeschieden. Es treffen jetzt zwei Teams aufeinander, die eigentlich nicht spielen wollen.“ Der Wunsch des Coaches war unüberhörbar, die Saison möge nach fast 60 Spielen endlich enden. Nimmt man die Olympischen Spiele hinzu, sind viele Profis des THW seit zwei Jahren im Dauereinsatz. Jicha hat die gnadenlose Hatz häufig kritisiert. Geändert hat sich wenig.

          In der brütenden Hitze der Köln-Arena lieferten die Norddeutschen den Spaniern zunächst einen großen Kampf. Nach zwei Austragungen ohne Fans veranstalteten die 20.000 Zuschauerinnen und Zuschauer das lange vermisste Handballfest in bunten Farben. Vorteile bei der Lautstärke hatten die zahlenmäßig deutlich überlegenen Kieler. Und als Wiencek in der 22. Minute zum 13:12 traf, war die „weiße Wand“ voll da. 72 Prozent der Angriffe Kiels landeten im ersten Durchgang in Barcelonas Tor, das von Gonzalo Perez de Vargas nicht besonders gut bewacht wurde. Auch sein Gegenüber Niklas Landin fasste zunächst keinen Ball an. Der knappe Rückstand zur Pause war gemessen an der Qualität der Darbietung zu wenig aus Kieler Sicht.

          „So viele waren wir ja auch nicht mehr“

          Weil einiges misslang, das 7:6 nicht so sicher war wie sonst, weil auch Sagosen-Ersatz Nikola Bilyk gehemmt wirkte und die Kräfte verteilt werden sollten, probierte Filip Jicha alles aus, was sein Kader hergab. Die Erfolgsquote sank aber zunehmend. „Wir haben im Training viele Szenarien getestet“, sagte der gute Rückraumspieler Harald Reinkind erstaunt, „und wir haben sie alle spielen müssen.“ Duvnjak zählte auf: „Wir haben alles versucht. Die 6:0-Abwehr, die 3:2:1, die 5:1, im Angriff sechs gegen sechs und sieben gegen sechs.“ Es hätte schon alles bis in Detail funktionieren müssen, schloss sich Nationalspieler Rune Dahmke an, aber: „Irgendwann weiß man dann auch nicht mehr, wen man da noch hinstellen soll. So viele waren wir ja auch nicht mehr.“

          Helfen können hätte eine späte Landin-Gala, wie man sie schon oft gesehen hat. Doch nicht der Däne, sondern sein Gegenüber fand immer besser ins Spiel, und so zog Perez de Vargas dem THW den Zahn. Er hätte lieber gegen eine Kieler Mannschaft in Bestbesetzung gespielt, sagte Perez später, während Landin enttäuscht anmerkte: „Ich habe gar nicht den Tag erwischt, den ich erwischen wollte.“

          500.000 Euro als Trostpflaster

          Enttäuschung ja, aber am Boden zerstört war keiner im Kieler Lager. Schon die Qualifikation für den Saisonhöhepunkt war im engen Teilnehmerfeld ein Erfolg. Die etwa 500.000 Euro, die der THW aus Köln mitnimmt, sind mehr als ein Trostpflaster am Ende einer Saison, die die Kieler als DHB-Pokalsieger und Meisterschaftszweiter hinter dem SC Magdeburg beenden. Dass sie eine gute Spielzeit in Köln nicht krönen konnten, war erklärbar, erwartbar und mithin kein Beinbruch.

          Dass sie auf Hendrik Pekeler und Sander Sagosen aber noch lange werden verzichten müssen, lässt die Sorgenfalten bei Trainer Jicha und Geschäftsführer Viktor Szilagyi tiefer werden. Sicher muss der Klub hier nachbessern, um aussichtsreich genug in die Spielzeit 2022/23 zu gehen. Was die Kadertiefe angeht, war die Konkurrenz den Kielern in Köln überlegen. Das ist natürlich vor allem eine Frage des Geldes.

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