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Vielseitigkeits-EM : Keine Underdogs im Triathlon zu Pferd

  • -Aktualisiert am

Spritztour: In den Highlands baut Michael Jung auf seinen achtjährigen Wallach Takinou. Bild: dpa

Bei der EM in der schottischen Postkartenidylle von Blair Castle haben die Vielseitigkeitsreiter und Olympiasieger Michael Jung beste Chancen. Sie können das nachholen, was vor ein paar Wochen in Aachen nicht so recht klappen wollte.

          Thomas Müller wäre gerne in Schottland geblieben. Als bekennender Freund des Reitsports wäre es das gewesen: einfach weiterreisen. Vom Fußball-Länderspiel in Glasgow zur Vielseitigkeits-Europameisterschaft vor der Postkarten-Idylle von Blair Castle. In zwei Autostunden wäre der Stürmer dort gewesen. Immer nordostwärts. Eines haben die deutschen Mehrkämpfer im Sattel mit den Fußballprofis gemein: Nach der Dressur und vor dem Geländeritt an diesem Samstag sind sie in etwa so favorisiert wie es die Fußballprofis vor dem Anpfiff in Glasgow waren. Das Resultat fiel mit 3:2 dann doch knapper aus als gedacht. Die deutschen Mehrkämpfer im Sattel sind Titelverteidiger. 2011 gewannen sie in Malmö wie schon zwei Jahre zuvor in Luhmühlen, zudem war Michael Jung jeweils in der Einzelwertung vorn. Schöne Aussichten also, zumal die Equipe mit Weltmeisterin Sandra Auffarth, Olympiasieger Jung, Ingrid Klimke und Dirk Schrade ausgesprochen prominent besetzt ist.

          Das Championat in den Highlands bietet somit die große Chance, nachzuholen, was vor ein paar Wochen in Aachen nicht klappen wollte. In den olympischen Reitdisziplinen mussten sich die deutschen Reiter bei den kontinentalen Titelkämpfen in Dressur wie Springen mit Silber und Bronze begnügen. Warum die Vielseitigkeitsreiter mit der EM in Schottland statt in der Soers ausscherten? Der Titelsponsor der Vielseitigkeitsreiter aus der Branche der Uhrmacher (Longines) ist der Konkurrent von Rolex, mit dem die Aachener seit Jahren verbandelt sind. Der Triathlon hoch zu Pferd ist inzwischen zur Paradedisziplin der deutschen Reiter geworden. Weg vom Aschenputtel-Dasein, hin zu Glanz und Gloria, seitdem die Bundestrainer Hans Melzer und Chris Bartle die schöne Qual der Wahl haben. Die beiden bilden ein ideales Gespann, wobei sich mancher Brite ärgern mag, dass ausgerechnet der Engländer Bartle den Germans den letzten Schliff gibt.

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          Die Briten waren über Jahrzehnte die dominierende Größe in diesem kernigen Sport und können jetzt nicht einmal verlässlich auf ihren Heimvorteil bauen. Das hat sich zuletzt beim Turnier vor einer Woche in Burghley gezeigt. Der Kurs dort zählt zu einer weltumspannenden Classic-Serie, quasi einem Grand Slam der Querfeldeinreiter. Dort hat Michael Jung mit seinem Gold-Pferd Sam gewonnen. Umjubelt und verehrt von einem Publikum, bei dem sein Autogramm oder ein Selfie mit ihm höher im Kurs stand als eines der von Jung distanzierten Briten. Für Patrioten von der Insel will das was heißen. Eine Woche vor der EM konnte sich Jung den Luxus erlauben, Sam zu satteln, weil er nicht nur über ein Pferd der Extraklasse verfügt. In den Highlands baut er auf den Wallach Takinou, mit acht Jahren das jüngste Pferd im Starterfeld. Die Dressur am Donnerstag ließ sich bestens an, für den Cross-Country-Kurs mit seinen Steigungen hält der Reitmeister Takinou sogar geeigneter als Sam.

          Mit Ausnahme von Jung sind die deutschen Reiter schon am 2. September zusammen nach England gefahren, von Rotterdam aus mit der Fähre. Vorbereitet haben sie sich praktischerweise auf der Reitanlage von Bartle in Sussex. Bettina Hoy, eine aus der Reisegruppe, die vor Blair Castle ebenso wie Peter Thomsen als Solist für Deutschland am Start ist, kennt sich hier bestens aus. Sie hat zusammen mit ihrem früheren Mann Andrew Hoy lange in England gelebt und trainiert, hat im Gegensatz zu den anderen fünf bei ländlichen Turnieren schon ihre Erfahrungen mit dem Schauplatz im schottischen Hochland gemacht.

          Es ist ein magisch anmutendes Fleckchen Erde, das schon die Schottland-Seligkeit von Männern wie Mendelson-Bartholdy und Theodor Fontane bediente. Das Tal, umgeben von sanften Hügeln, gleicht einem Amphitheater der Natur. Es wäre der passende, erhabene Ort, um Ingrid Klimke endlich einen Platz ganz oben auf dem Podest zu bescheren. Als Teammitglied hat sie es bei Welt- und Europameisterschaften geschafft, in der Einzelwertung aber steht der Triumph noch aus. Hale Bob, ein Oldenburger Wallach, den alle Bobby nennen, „ist in der Form seines Lebens“, urteilt Bundestrainer Melzer. Und Ingrid Klimke blickt als Punktbeste der Turnierserie „Classics“ vor Jung auf die bislang beste Phase ihrer Karriere zurück. „Wir wollen mal schön mit den Beinen auf dem Boden bleiben“, warnt Melzer vorsorglich. „Zuviel Selbstbewusstsein und Euphorie haben wir schon bitter bezahlen müssen. 2009 in Fontainebleau fühlten wir uns sehr selbstsicher, und am Ende ist die ganze Mannschaft geplatzt. Aber es stimmt schon, wir schwimmen zur Zeit auf einer Riesenwelle des Erfolgs. In Badminton, Luhmühlen und Burghley waren wir sehr gut.“

          Also Deutschland vorneweg am Sonntag bei der Siegerparade vor Blair Castle? An die 40 000 Eintrittskarten sind für dieses Wochenende verkauft, die mobile Ladenlandschaft rund um den Turnierplatz gleicht einer Messe für all das, was der Brite für ein Country-Life für unverzichtbar hält. Und für Anfänger wie Fortgeschrittene, Wettbewerbe mit Ackergäulen und Edlerem hat der Duke of Atholl wie alle Jahre wieder seine grüne Wiese freigegeben. Das Nebeneinander von Basis und Elite funktioniert. Und der Zuschauer, so der vorherrschende Eindruck, kommt mit mindestens zwei Hunden zum Turnier. Mit nur einem Vierbeiner mag sich so mancher schon als Underdog fühlen. So bekommt der Begriff einen ganz eigene Begrifflichkeit. Die deutschen Reiter, soviel seht fest, sind alles andere als die Underdogs dieser Europameisterschaften.

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