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Olympia 2016 in Rio : Warum Biedermann nachts Kacheln zählt

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Alles für Olympia: Paul Biedermann nimmt einiges auf sich. Bild: Reuters

Für Schwimmer Paul Biedermann soll Olympia 2016 ein gelungenes Karrierefinale sein. Doch die Bedingungen in Rio werden schwierig sein. Daher absolviert Biedermann eine kuriose Vorbereitung.

          Wasser, lehrt das Lexikon, sei eine durchsichtige, weitgehend farb-, geruchs- und geschmacklose Flüssigkeit. Wasser ist aber auch, so lehrt Paul Biedermann: nass. Manchmal ist es sogar noch etwas frischer als sonst. Und hält mit ebenjener Eigenschaft den Sportlerkörper davon ab einzuschlafen, wenn der Sportlerkopf entschieden hat, abends um zehn noch mal zu trainieren.

          Eine Woche lang machte Deutschlands Starschwimmer sich Abend für Abend auf. Kacheln zählen statt Schäfchen. Es war ein erster Testlauf für den olympischen Ernstfall: Bei den Spielen in Rio de Janeiro werden die Finalabschnitte der Beckenschwimmer um 22 Uhr starten, die Vorläufe ab 13 Uhr aufgerufen. Warum? Damit Rechteinhaber NBC dem heimischen Publikum in den Vereinigten Staaten die Rennen von Michael Phelps und Co. zur besten Sendezeit servieren kann. Seinen finalen Auftritt hatte sich Biedermann, der seine Karriere nach seinen dritten Spielen beenden will, dann doch anders vorgestellt.

          „Wenn man die Athleten aus ihrem gewohnten Trainingsrhythmus rausreißt, nur um es dem US-Fernsehen recht zu machen, das hat dann nicht mehr viel mit Respekt zu tun“, sagt der 29-Jährige: „Es ist einfach nur schade, dass mal wieder an alle gedacht wurde, nur nicht an die Athleten. Olympische Spiele sind für die Athleten und nicht für große Sponsoren.“ Schon 2008 hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) für den lukrativen amerikanischen TV-Markt an der Uhr gedreht. In Peking hieß es: Finals am Morgen, Vorläufe am Abend. Zwei Olympiaden später sollen nun auf der anderen Seite der Erde zu nachtschlafenden Zeiten Höchstleistungen gebracht werden.

          Wie andere Nationalverbände hat auch der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) seine Olympiahoffnungen daher aufgefordert, diesen Rhythmus mehrfach zu testen, um Erinnerungsreize zu schaffen, vor allem aber, „um den Kopf zu beruhigen“, sagt Verbandsarzt Dr. Michael Ehnert. Denn: „Je mehr Risikofaktoren ich kenne, desto besser kann ich damit umgehen.“ Derzeit gibt es jedoch noch mehr Fragen als Antworten: Welche Auswirkungen hat der veränderte Rhythmus auf Schlaf und Regeneration? Wie reagiert mein Körper auf die nächtlichen kohlenhydratreichen Mahlzeiten? Wie steht es um Konzentration, Reaktionszeiten und Leistungsfähigkeit?

          In Rio muss Biedermann zu ungewohnten Zeiten ins Wasser.

          Tatsächlich gäbe es zwar Daten von Schichtarbeitern, die bestätigten, dass eine Umstellung zwar nicht einfach sei, man sich aber dran gewöhnen kann. Was allerdings den Leistungssport angeht, „da haben wir keine wissenschaftlich belegten Erkenntnisse oder wegweisenden Erfahrungen“. Auch deshalb begleitet der Hamburger Sportmediziner die Nachtschichten mit einer Beobachtungsstudie, lässt Empfindungen protokollieren, Ruhepuls messen und Blutwerte testen.

          Die subjektiven Erfahrungen waren so unterschiedlich wie die Schwimmer selbst. Einschlafprobleme, Heißhungerattacken, Energielöcher. Wieder andere fühlten sich recht wohl mit der Umstellung. „Gerade Frauen scheinen das generell etwas leichter wegzustecken als Männer“, sagt Ehnert.

          Auch Paul Biedermann hat in dieser ersten Testwoche kaum negative Erfahrungen gemacht. Der Tagesablauf: 10.30 Uhr aufstehen, 12 Uhr Frühtraining, 18 Uhr Mittagessen, 22 Uhr eine zweite Trainingseinheit, Abendbrot um ein Uhr nachts. „Das war schon eine Umstellung, aber mein Körper kann darauf anscheinend relativ schnell reagieren.“ Biedermann glaubt zwar, dass sich diese sportlerunfreundlichen Zeiten „ein bisschen“ auf die zu erwartenden Leistungen auswirken werden. Darüber hinaus scheint aber weder bei ihm noch bei den meisten deutschen Schwimmern die Verunsicherung sonderlich groß. Sie sind es gewohnt, dass bei sportlichen Großereignissen nicht zwangsläufig der Sportler im Vordergrund steht.

          Im nächsten Testlauf gelte es nun, die Intensitäten zu erhöhen und die individuellen Lösungsansätze zu testen: Ernährung anpassen, autogenes Training, Melisse oder vielleicht Melatonin gegen Einschlafprobleme. Für Paul Biedermann heißt das: „Ohropax, Schlafbrille und Alufolie für die Fenster.“ Auch Biedermanns Trainer Frank Embacher ist sich sicher: „Wenn Paul schlafen kann, dann sehe ich keine Probleme.“ Embacher glaubt ohnehin, dass die mittäglichen Zeiten problematischer werden, „weil der Biorhythmus dann völlig im Keller ist“.

          Damit der Biorhythmus genug Zeit hat, sich auf die ungewohnten Gegebenheiten einzustellen, wird das deutsche Team drei Wochen vor den ersten Wettbewerben ins südbrasilianische Florianópolis reisen und mit der Umstellung beginnen. Das sei dann auch genug Zeit, glaubt Embacher, um seinen Schützling mental auf seine finale Aufgabe vorzubereiten. Schließlich sei Biedermann zum Ende der Testphase schon „aggressiver“ geworden. „Da war er sehr schnell auf die Palme zu bringen“, was wohl auch damit zusammenhänge, dass er allein seine nächtlichen Bahnen habe ziehen müssen. „Da ist die Motivation dann auch nicht ganz so groß.“

          Und so war es zunächst eben nur das nasse, kalte Wasser, das dem Weltrekordler den nötigen Tritt verpasst hat: „Da merkt man dann sehr schnell: o.k., aufwachen jetzt, arbeiten.“ Für ein gelungenes Karrierefinale in Rio hofft Paul Biedermann, dass dann auch Aufregung und Adrenalin ihren Teil beisteuern werden.

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