https://www.faz.net/-gtl-9zwyb

Handball-Bundesliga : Der leise Abschied des Silvio Heinevetter

  • -Aktualisiert am

Nur ein Vereinswechsel? Silvio Heinevetter verlässt nach elf Jahren die Füchse Berlin. Bild: dpa

Elf Jahre trug Handball-Torwart Silvio Heinevetter das Trikot der Füchse. Die Umstände des Abschieds aus Berlin waren unschön. Nun zieht es ihn nach Melsungen. Die Aufregung darum versteht Heinevetter nicht.

          3 Min.

          Bitte keine Heldenverehrung! Auch auf blumige Abschiedsreden, Aufzählungen großer Taten von einst oder anekdotische Erinnerungen alter Weggefährten kann Silvio Heinevetter gut verzichten. „Ich wechsele den Verein“, sagt er, „da soll man sich nicht so wichtig nehmen. Es gibt schlimmere Schicksale.“ Er sei „niemandem böse“, dass es kein besonderes „Auf Wiedersehen!“ seitens der Füchse Berlin gegeben habe – das war ja gar nicht möglich in diesen Zeiten.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Es ist nicht immer leicht, sich dem neben Johannes Bitter beständigsten deutschen Handball-Torwart der vergangenen zehn Jahre zu nähern. Heinevetter ist keiner für Phrasen. Hintergründig, schlagfertig, sperrig. Einer, der zuhört. Und gern widerspricht. Keine Plaudertasche. Dass er sein öffentliches Bild nicht mehr ändern wird, daran hat er sich offenbar gewöhnt: „Der durchgeknallte Partymensch bin ich nie gewesen.“ Er ist im Gespräch besonnener als auf der Platte, wo seine Wutausbrüche und Sprints übers Feld berühmt-berüchtigt sind. Allerdings sei auch das früher schlimmer gewesen, findet Heinevetter. Deutlich wird, dass diesem Keeper mit der spektakulären Haltetechnik Facetten seines Charakters wichtig erscheinen: dass da einer ist, der mit 35 Jahren zum Kader der Nationalmannschaft gehört. Dass da einer bei den Füchsen spielte, der intern beliebt und geschätzt war – und ihren Aufstieg seit seinem ersten Spiel in der Hauptstadt 2009 ermöglicht hat.

          Jüngst erschien im „Tagesspiegel“ eine Hommage auf ihn und seine Art, erzählt aus Sicht langjähriger Begleiter wie Petr Stochl, Dagur Sigurdsson, Paul Drux und Velimir Petkovic. Heinevetter hat dieser Text gefallen, er sagt: „Vielleicht ist es nun mal so.“ Es klingt wie: Kaum zu glauben, aber wahr.

          Aus Berlin nach Kassel?

          Heinevetter hat sich einen Tapetenwechsel verordnet. Zur neuen Saison zieht er nach Kassel. Sollte die nächste Spielzeit tatsächlich im September beginnen, wird er das Trikot der MT Melsungen tragen. Aus Berlin nach Kassel? Nach Melsungen? Auch hier versteht er die Aufregung nicht. „Kassel ist schön, habe ich gehört, und ich bin zum Handballspielen da.“ Die Umstände des Abschieds aus Berlin waren unschön. Bekannt ist, dass Heinevetter und Bob Hanning, der Füchse-Manager, keine Freunde mehr werden. Heinevetter sagt: „Wenn du elf Jahre irgendwo bist, macht das etwas mit dir. Der Klub und die Stadt schlagen weiterhin in meinem Herzen.“

          Heinevetter hatte noch eine Saison in Berlin vor sich, als er im April 2019 sagte, er werde die Füchse verlassen. Zuerst erfuhr das übrigens die Mannschaft von ihm. Mit drei Torhütern im Kader wurde es Heinevetters schwierigste Spielzeit. Plötzlich kam er von der Bank. Wenn überhaupt. Nach auskurierter Knieverletzung hielt er vor der Corona-Pause richtig gut; Nationaltrainer Alfred Gislason lud ihn ein. Auch so etwas kommt nicht von ungefähr – „ich bin genauso fit wie früher, oder fitter“, sagt er. Handball ist sein Vollzeit-Job, mit viel Training und Vorbereitung auf gegnerische Würfe. Heinevetter hat den Biss und die Einstellung, als älterer Torwart weiterhin zu den Besten zu gehören.

          Das letzte Spiel im Füchse-Trikot war das 33:35 gegen die SG Flensburg-Handewitt am 8.März. Heinevetter parierte stark. Fühlt er sich von der Corona-Pandemie ausgebremst? „Es ist doch jetzt egal, wie fit ich im März war. Ich verfolge die Nachrichten zu Corona nicht mehr so intensiv wie am Anfang. Es gehört inzwischen zu unserem Alltag.“ Beim Projekt Re-Start vertraut er der Handball-Bundesliga, tauscht sich aus, ist informiert – aber nicht als Handelnder in erster Reihe: „Ich bin Spieler, ich hoffe einfach, dass die nächste Saison planmäßig über die Bühne geht. Zur Not anfangs ohne Zuschauer.“

          Das Gesicht der Füchse?

          Hanning hat gerade noch einmal gesagt, dass der Aufstieg der Füchse zu einer nationalen Marke mit Heinevetter verbunden ist. Er und seine Freundin Simone Thomalla machten Handball in Berlin salonfähig. Das Gesicht der Füchse? Auch mit solchen „Zuschreibungen“ kann Heinevetter wenig anfangen. „Wenn die Leute, mit denen ich im Austausch bin, positiv über mich reden, ist es doch schön“, sagt er. Gedanken über die beste Parade, den schönsten Titel? „Hör auf“, sagt er, „so denke ich nicht.“ Klingt ja auch, als sei bald alles vorbei.

          Heinevetter hat im oft groben, manchmal feinen Zusammenspiel mit eigenen und fremden Fans aber doch gemerkt, dass sich etwas geändert hat. Dass er geschätzt wird, dass eine Bundesliga ohne ihn weniger wäre. In Flensburg hat ihn die Stehplatztribüne immer mit allerlei Hässlichkeiten „geadelt“. Zuletzt war es anders. Er sagt: „Sie haben gerufen, ich solle mal winken. Und ich bin diesem Wunsch nachgekommen.“ Sein neuer Klub will sein Image aufpolieren. Viel Geld, wenig Erfolg, so stellt es sich derzeit dar. Heinevetter sagt dazu nichts. Stattdessen erzählt er: „Ich will nicht von Zielen sprechen. Ich glaube einfach, dass die Mannschaft riesiges Potential hat. Ich freue mich auf Melsungen.“ Die Umstände des Wechsels seien ansonsten an die jetzige Zeit angepasst, sagt er: „Ich weiß, wann ich da sein muss, um meine Wohnung einzurichten.“ Und seinen Hund Arnie, den werde er auch mal nach Kassel mitnehmen, sagt Silvio Heinevetter.

          Weitere Themen

          Mit schrulliger Fachlichkeit

          100 Jahre „Kicker“ : Mit schrulliger Fachlichkeit

          Seit 100 Jahren prägt der „Kicker“ die deutschsprachige Fußballlandschaft – weil er den Fußball zur Hauptsache macht und Nebensächlichkeiten ignoriert.

          Topmeldungen

          Kein Virus, nur Natur: Die Corona-Pandemie hat die Flucht der Menschen aufs Land in vielen Teilen der Welt beschleunigt.

          Flucht vor Corona : Nichts wie raus!

          Ob San Francisco, Nairobi oder Paris: Enge Großstädte sind anfällig für die Ausbreitung des Coronavirus. In der Pandemie sind viele Menschen aufs Land geflüchtet. Werden sie dort bleiben – und was heißt das für Restaraunts, Theater und Kinos?
          Während die Quarantäne für die meisten Wohnblocks in Verl inzwischen aufgehoben wurde, müssen die Anwohner eines Hauses noch hinter Bauzäunen ausharren.

          Die Leiharbeiter von Gütersloh : Der Werkvertrag als Magnet

          Die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie gelten als besonders hart, nur wenige halten hier lange durch. Doch viele Arbeiter bleiben auch nach ihrer Anstellung in Deutschland – und stellen die Kommunen vor Herausforderungen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.