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Fabian Heinle landete im Weitsprung letztlich auf dem Silber-Rang. Bild: dpa

Leichtathletik-EM : Warum die Technik Chaos auslöst

  • -Aktualisiert am

Weitspringer Fabian Heinle zeigt bei der EM den Wettkampf seines Lebens. Doch die Mess-Technik sorgt für ein großes Durcheinander. Der Grund für die Probleme ist kurios.

          Ein Maßband ansetzen und ausrollen ist keine komplizierte Sache. Es dauert nur eine Weile, bis es glattgezogen ist und der exakte Abstand zwischen Absprungbalken und Landestelle in der Grube abgelesen werden kann. Zu lange in modernen Medienzeiten, in denen ja alles schnell gehen muss. Zum Glück gibt es technische Weiterentwicklungen. Videomessung zum Beispiel ist eine tolle Sache – wenn sie funktioniert.

          Beim Weitsprung der Männer während der Leichtathletik-EM am Mittwochabend in Berlin hat sie für ein veritables Chaos gesorgt. Sprünge, bei denen das Augenmaß schon von acht Metern ausging, wurden deutlich geringer gemessen. Mehrere Springer fühlten sich benachteiligt. Protest und Gegenprotest wechselten sich ab. Mitten drin in dem Durcheinander stand Fabian Heinle, ein freundlicher junger Mann aus Schwaben, der in Berlin den Wettkampf seines Lebens zeigte, aber im Laufe des Abends nie so genau wusste, wie es eigentlich steht.

          Dass er eine Medaille gewonnen hatte, war ihm klar, welche Farbe sie hatte, erschloss sich ihm aber erst vier Stunden nach dem letzten Sprung. „Nachts um halb zwei war ich sicher, dass es Silber war.“ Benachteiligt fühlte der 24-Jährige sich nicht. „Ich bin nicht nachtragend“, sagte der stille Stuttgarter, der sich „eher innerlich“ freut. 8,13 Meter hatte er im ersten Durchgang vorgelegt, 8,13 Meter hatte aber auch der Ukrainer Serhii Nykyforow anzubieten. In einem solchen Fall entscheidet die größere zweite Weite über die Plazierung. Der Ukrainer war besser. Heinle setzte 8,02 Meter in den Sand, das hätte ihm gereicht, der Sprung wurde aber mit 7,77 ausgewiesen.

          Also musste er noch mal ran. Und obwohl er schon müde war in der Hitze von Berlin, legte er noch mal alles rein in seinen letzten Versuch. Heinle ist der Typ schneller und leichter Springer, knapp 1,90 Meter groß, gerade mal 70 Kilo schwer. Im Spitzentempo erreichte er elf Meter pro Sekunde. „30 Meter fliegend laufe ich in 2,78 Sekunden.“ 18 Schritte Anlauf, das Brett noch mal exakt getroffen, wieder 8,13 Meter. Das musste Silber sein. Und war es auch. Doch erst musste alles noch mal gecheckt werden. Wie sich später herausstellte, war die Videomesstechnik vom Lichteinfall im Stadion irritiert worden. Statt der hintersten Abdruckstelle nahm es bisweilen am Schatten davon Maß. Im Nachhinein wurden alle fraglichen Weiten korrigiert, das Ergebnis quasi amtlich bestätigt. Gold ging an den Griechen Miltiadis Tentoglou, dessen 8,25 Meter über jeden Zweifel erhaben waren. „Die Technik löst Probleme, die wir ohne Technik gar nicht hätten“, sagte Jürgen Kessing, Präsident des deutschen Leichtathletik-Verbandes.

          Fabian Heinle zog aus dem ganzen Durcheinander das erfreuliche Fazit, drei Acht-Meter-Sprünge gezeigt zu haben: „Die beste Serie meiner Karriere.“ Aus dem Nichts kam der Erfolg für den Linkshänder und Linksfüßer, der mit rechts abspringt, aber auch nicht. Beim Studieren der Antrittsliste hatte er sich schon ausgerechnet, vorne mitspringen zu können. Große Sprünge für die Zukunft kündigt er aber nicht an. „Die Weltelite ist schon noch ein Stück weg.“ Aber einen weiteren Nutzen kann er dennoch aus dem emotionalen Abend ziehen. Heinle studiert „technische Informatik“ in Esslingen. Der Frage nach der Messgenauigkeit im Weitsprung „wäre ein Thema für meine Bachelorarbeit“.

          Heike Drechsler: Kampfrichter-Team hat mit Mess-Chaos „nichts zu tun“

          Die zweimalige Olympiasiegerin Heike Drechsler hat die Kampfrichter nach dem Mess-Chaos im Weitsprung-Finale bei der Leichtathletik-EM in Berlin ausdrücklich in Schutz genommen. „Unser Kampfrichterteam hat mit der ganzen Sache nichts zu tun. Wir haben unsere Arbeit gemacht. Das war alles korrekt“, sagte die 53 Jahre alte frühere Spitzenathletin der Deutschen Presse-Agentur. Drechsler war an dem Wettkampf am Mittwochabend als Kampfrichterin beteiligt, sie ebnet nach den Weitsprüngen mit einem Schieber die Sand-Oberfläche.

          Mehrere Athleten hatten beklagt, dass aus ihrer Sicht zu kurze Weiten gemessen worden seien. Der vierte Versuch des späteren Silbermedaillengewinners Fabian Heinle aus Stuttgart war zunächst nur mit 7,77 Metern gemessen worden. Nach einem Protest wurde die Weite später auf 8,02 Meter korrigiert. Es habe sich um technische Probleme gehandelt, betonte Drechsler. „Die Kampfrichter können am wenigsten dafür - die machen einen sehr, sehr guten Job. Aber so etwas passiert. Wir sind Menschen und keine Maschinen. Mit dem Bandmaß wäre es allerdings schneller gegangen.“ Die Weiten werden inzwischen nicht mehr von Hand, sondern elektronisch gemessen. (dpa)

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