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Handball-Nationalmannschaft : Aus der zweiten Liga zur WM?

Rückgriff auf die Vergangenheit: Martin Strobel ist zurück im Nationalteam. Bild: Christina Pahnke / sampics

2016 hat er sich eigentlich aus dem Nationalteam zurückgezogen. Nun ist er vor der anstehenden WM überraschend zurück im Kader. Warum Martin Strobel ein Strukturproblem des deutschen Handballs lösen soll.

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          Keine Experimente – das Motto des alten Adenauer hat sich auch der noch recht jugendlich daherkommende Christian Prokop zu eigen gemacht. Zweieinhalb Monate sind es noch bis zur Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark, und Prokop, der Bundestrainer, will bis dahin nichts völlig Neues mehr aus der Kiste zaubern. Insofern war es auch nicht als Experiment zu betrachten, dass Prokop für den aktuellen Vorbereitungslehrgang in Wetzlar Martin Strobel berief. Strobel? Genau, den Martin Strobel, der schon bis 2016 im Nationalteam gespielt hatte, sich nach dem EM-Sieg aber zurückzog und zuletzt mit dem HBW Balingen-Weilstetten in die zweite Liga abstieg. Der 32 Jahre alte Strobel, ein Rückgriff auf die Vergangenheit, soll bei der Heim-WM ein Strukturproblem des deutschen Handballs lösen – und in der Szene, gerade in der Bundesliga, fragen sich viele: Kann das gutgehen?

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          Es ist zumindest ungewöhnlich, dass eine Mannschaft mit leisen Titel-Ambitionen mit einem Spielmacher aus der zweiten Liga in ein Weltturnier geht. Eine Entscheidung „mit Weitsicht“ hingegen nannte Prokop die Rückholaktion vor dem Auftakt in die EM-Qualifikation am Mittwoch gegen Israel, was die Entschlossenheit des Bundestrainers noch mal unterstrich.

          „Man hat gar nicht gemerkt, dass er weg war“

          In Wetzlar nun stand Strobel schon einmal in der ersten Sieben. Sein Tatendrang war zu erkennen, noch bevor der erste Ball geworfen war. Und als es losging, hatte man tatsächlich nicht das Gefühl, dass da einer spielte, der schon ziemlich lange nicht mehr dabei war. Es habe ihm „unglaublich viel Spaß gemacht“, sagte Strobel nach dem erwartet deutlichen 37:21. Zwar könne noch nicht alles „ganz sofort“ funktionieren, aber für den Anfang sei es „schon ganz gut“ gewesen. Sein Kapitän wurde da noch etwas konkreter. „Dem Martin“, sagte Uwe Gensheimer, „brauchst du nicht viel zu erklären“. Natürlich sei der eine oder andere Spielzug im Vergleich zu damals neu oder nicht mehr im Programm. Aber: „Sein Spielverständnis ist groß genug, dass er in kurzer Zeit wieder reinkommt. Man hat gar nicht gemerkt, dass er weg war.“

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Strobel bot in den ersten 17 Minuten, in denen er durchgängig auf dem Feld war, eine Leistung, an der es nichts auszusetzen gab: Präzision, hohes Tempo, keine Fehler – allerdings auch keine Torgefahr, das ist Strobels Sache nun mal nicht. Damit wurde es aus dem Zentrum erst etwas, als der zehn Jahre jüngere Tim Suton vom TBV Lemgo die Position von Strobel übernahm. Prokop wollte den einen dann auch nicht ohne den anderen bewerten, aber dass er auch mit Strobel zufrieden war, wurde schon deutlich. „Von beiden Mittelleuten war ich sehr angetan“, sagte er. „Martin hat mit unheimlich viel Pass-Geschwindigkeit das Spiel angetrieben, er hat sehr variabel spielen lassen.“ Suton habe „dazu Torgefahr gebracht und das Spiel etwas anders geleitet, aber ebenfalls erfolgreich“. Wobei man zum einen natürlich sagen musste, dass die in allen Belangen unterlegenen Israelis längst kein Maßstab waren. Und zum anderen, dass es sich bei beiden um Lösungen handelt, die eher aus der Not heraus geboren sind.

          Deutschland sucht den Spielmacher – das war seit dem Abschied von Markus Baur nach der WM 2007 lange Zeit ein Thema, dann galt es als erledigt. Nicht, weil sich ein vergleichbarer Nachfolger gefunden hätte, auch Strobel war das damals nicht, sondern weil es Trainer Dagur Sigurdsson gelang, die Lücke strukturell zu schließen: mit Spielern, die eigentlich auf den Halbpositionen zu Hause sind. Inzwischen aber hat sich der Wind wieder gedreht, mit Blick auf den Trend im Welthandball und das deutsche Fiasko bei der EM im Januar ist wieder ein Spezialist gefragt. Und wenn es – auch wegen Verletzungen anderer Kandidaten – einer aus der zweiten Liga ist.

          „Die Liga ist nicht ausschlaggebend, sondern die Leistung und die Art und Weise, wie er Handball spielt“, sagte Prokop dazu dem ZDF. „Martin ist eine Spielmaus, ein typischer Playmaker, der ein Spiel lesen kann, der taktische Marschrouten umsetzt, seine Nebenleute super in Szene setzt. Zudem ist er ein sehr charakterstarker, anerkannter Spieler in diesem Team.“ Wenn auch keiner, der lautstark den Ton angibt wie einst Baur. Für Prokop, den ohnehin kritisch beäugten Bundestrainer, hängt so eine Menge an Strobel. Und daran, ob das Konservative in diesem Fall eine Zukunft hat.

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