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Handball-Nationalmannschaft : Schwedische Hilfe für die deutsche Nummer eins

Andreas Wolff war eine Garant für den deutschen EM-Titel 2016. Bild: dpa

Der Kader für die Handball-WM nimmt Formen an. Der Bundestrainer reduziert seine Mannschaft nochmal. Klar gesetzt ist Andreas Wolff. Die Stärke des Torwarts hängt auch mit einer Legende zusammen.

  • -Aktualisiert am

          Ein wichtiger Mitarbeiter von Bundestrainer Christian Prokop steht weder auf der Gehalts- noch auf der Honorarliste des Deutschen Handballbundes (DHB). Und er hat auch im Alltag nichts mit ihm zu tun. Dass dieser „Mitarbeiter“ namens Mattias Andersson aber einen großen Wert für Prokop hat und die Aussichten der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der am 10. Januar beginnenden Weltmeisterschaft erheblich steigern könnte, merkt man, wenn man sich mit dem Bundestrainer über seine beiden Torhüter unterhält.

          Am vergangenen Sonntag hatte Prokop im ZDF verkündet, dass Andreas Wolff als Torwart Nummer eins ins Turnier in Deutschland und Dänemark gehen werde. Der 27 Jahre alte Kieler wird im Regelfall also beginnen und hat Silvio Heinevetter, 34, von den Füchsen Berlin auf die Bank verdrängt. Das Gefüge zwischen den beiden selbstbewussten Einzelgängern war unausgesprochen schon länger klar; Wolff dürfte sich als Stammkeeper gefühlt haben. Heinevetter brachte seine Leistung meist von der Reserve-Riege kommend. Das klappte bei der am Ende verpatzten Europameisterschaft vor einem Jahr bis zur Hauptrunden-Niederlage gegen Spanien ganz gut; Prokop ließ Heinevetter auch mal anfangen.

          Nun aber hat er sich auf jenen Mann festgelegt, der mit seinen teils unglaublichen Paraden Garant des deutschen EM-Triumphs im Jahr 2016 war – vor allem im Finale gegen Spanien trumpfte Wolff bei der kontinentalen Handballmesse in Polen auf und wurde zu einem Handball-Star. Damals noch im Trikot der HSG Wetzlar und nur Eingeweihten ein Begriff, hat Wolff nun zweieinhalb Spielzeiten beim THW Kiel hinter sich gebracht. Dort ist weder persönlich, noch was die Titelausbeute betrifft, alles nach Wunsch gelaufen: Wolff wird deswegen im Sommer 2019 nach Polen zu KS Kielce wechseln.

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Gerade im September und Oktober bekam Wolff so wenig Spielanteile von Trainer Alfred Gislason, dass Prokop begann, sich Sorgen zu machen. Prokop und die Deutschen brauchen für ihr Spiel einen Torwart in Topform. Gislason setzt aber meist auf Niklas Landin. Der ruhige Däne ist ein Anführer im Team. Wolff hatte lange daran zu knabbern, als Mann der Stunde gekommen zu sein, sich dann aber hinten anstellen zu müssen. Mit wenigen Ausnahmen hat sich für ihn an dieser Rolle nichts geändert – auch deswegen ist sein Abschied von Kiel konsequent.

          Zum Glück für Wolff und Prokop kommt zweimal im Monat für etwa zwei bis drei Tage ein 40 Jahre alter Schwede nach Kiel und arbeitet individuell mit den Torhütern. Andersson ist mit dem THW Kiel und der SG Flensburg-Handewitt deutscher Meister geworden. Er ist eine schwedische Torwartlegende. In Kiel werten sie es als Coup, diesen exzellenten ehemaligen Profi als Coach für Landin und Wolff bekommen zu haben. Es ist eine absolute Ausnahme im Handball, dass die Torhüter sich nicht selbst gegenseitig und mit der Mannschaft trainieren, sondern jemanden bekommen, der speziell mit ihnen arbeitet. Ob aus finanziellen Gründen oder weil die Tradition der Torwarttrainer fehlt – meist bleiben die Keeper sich selbst überlassen.

          Wurfübungen, Krafttraining, Fußarbeit, Schnelligkeit, Videoanalyse, das zählte Andersson jüngst in einem Interview mit der „Handballwoche“ auf – als Schwerpunkte der Arbeit, wenn er von Malmö nach Kiel reist, um sich mit den Weltklassetorhütern Landin und Wolff zu beschäftigen. Während der Däne sehr ruhig agiert und vor allem flache Würfe verlässlich abwehrt, ist Wolff mit seinen 198 Zentimetern und seiner bärigen Kraft der Mann für spektakuläre Paraden, auch und gerade bei Gegenstößen, wenn er – mit enormer Beweglichkeit – seine Beine nach oben schleudert. Wie zu hören ist, soll Wolff das Training mit einer Koryphäe wie Andersson sehr gefallen, gerade in den Monaten, als es nicht so gut lief für ihn. Immer gut, sich von Torwart zu Torwart austauschen zu können, und zwar ohne Konkurrenzsituation.

          Das ist auch bei dem 39 Jahre alten Bundestrainer angekommen, und es hat Prokop beruhigt. Tatsächlich ist Wolff in den vergangenen Wochen wieder besser in Form gekommen und wehrte beim jüngsten Heimsieg in der Bundesliga gegen die Bietigheimer 17 Würfe ab. Der Trend allerdings bleibt, dass Gislason in den vermeintlich schweren Spielen wie zuletzt beim Sieg in Hannover Landin beginnen lässt. Prokop weiß das. Aber er sieht auch, dass Wolff beim THW Kiel zusammen mit Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler trainiert und spielt. Es ist ein großer Vorteil, wenn eine Nationalmannschaft den zentralen Block aus Torwart und Innenverteidigung aus einem Verein besetzen kann. Auch deswegen hat Bundestrainer Prokop seine Nummer eins im deutschen Tor schon deutlich vor Beginn der WM benannt.

          Am Freitag reduzierte der Bundestrainer seinen Kader noch einmal von 28 auf 18 Spieler. Beim Start in die WM-Vorbereitung verzichtet Prokop etwas überraschend auf Europameister Kai Häfner. Der Rückraumspieler der TSV Hannover-Burgdorf ist nicht unter den 18 Spielern, die der Coach in Berlin für den am 28. Dezember beginnenden WM-Feinschliff berief. Stattdessen nominierte er für den rechten Rückraum neben Steffen Weinhold den 21 Jahre alten Franz Semper. Auch der junge Spielmacher Tim Suton ist dabei. Der frühere Weltmeister-Torhüter Johannes Bitter bleibt dagegen wie erwartet in der Reserve. „Wir haben eine sehr tolle und schlagkräftige Mannschaft beisammen, auf die wir uns freuen können“, sagte Prokop am Freitag bei einer Pressekonferenz am Vorrundenspielort der deutschen Mannschaft in Berlin. Angeführt wird die Mannschaft von Kapitän Uwe Gensheimer, Keeper Wolff und anderen erfahrenen Akteuren wie Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek oder Abwehrhüne Finn Lemke. Auch der Zweitliga-Spieler Martin Strobel ist dabei und soll die Probleme auf der Rückraum-Mitte-Position lösen. Häfner war 2016 gemeinsam mit Strobel, Pekeler und Wolff sensationell Europameister geworden. Zuletzt war er von Prokop aber nicht mehr berücksichtigt worden.

          Der Kader der deutschen Handballer für die WM-Vorbereitung

          Handball-Bundestrainer Christian Prokop nimmt am 28. Dezember mit 18 Spielern die Vorbereitung auf die Heim-Weltmeisterschaft im Januar auf. Bis zum Eröffnungsspiel am 10. Januar gegen Korea muss Prokop seinen Kader auf maximal 16 Spieler reduzieren.

          TOR                                       

          Andreas Wolff (THW Kiel)               
          Silvio Heinevetter (Füchse Berlin)

          KREIS                                     

          Patrick Wiencek (THW Kiel)               
          Hendrik Pekeler (THW Kiel)               
          Jannik Kohlbacher (Rhein-Neckar Löwen)                                            

          RÜCKRAUM RECHTS                            

          Steffen Weinhold (THW Kiel)               
          Franz Semper (SC DHfK Leipzig)                                                 

          RÜCKRAUM MITTE                            

          Martin Strobel (HBW Balingen-Weilstetten)           
          Fabian Wiede (Füchse Berlin)          
          Tim Suton (TBV Lemgo)                                                      

          RÜCKRAUM LINKS                            

          Steffen Fäth (Rhein-Neckar Löwen)     
          Finn Lemke (MT Melsungen)           
          Fabian Böhm (TSV Hannover-Burgdorf)  
          Paul Drux (Füchse Berlin)          

          RECHTSAUßEN                              

          Tobias Reichmann (MT Melsungen)           
          Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen)                                         

          LINKSAUßEN                               

          Uwe Gensheimer (Paris Saint-Germain)    
          Matthias Musche (SC Magdeburg)

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