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Handball-WM als Härtefall : Nur nicht nachdenken

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Schmerzen beim Aufstehen: Patrick Wiencek hat es als Kreisläufer besonders schwer bei der Handball-WM. Bild: AFP

Partien im Zwei-Tages-Rhythmus sind gängig, zwei Spiele binnen 24 Stunden nicht selten. Seit vielen Jahren beklagen Handballer die Überbelastung. Der WM-Spielplan erscheint manchem als Rückfall in schlimmste Zeiten.

          Patrick Wiencek ist eine ziemlich wuchtige Erscheinung. 110 Kilogramm, verteilt auf 2,01 Meter, so steht es in den offiziellen Dokumenten bei der Handball-Weltmeisterschaft. Was dort nicht steht, ist sein Spitzname, Bam Bam. Der komme wohl daher, dass er früher „gerne manchmal in der Abwehr bisschen härter gespielt“ habe, sagt Wiencek. Seine Stimme lässt ihn zwar viel sanfter erscheinen, aber dennoch: Dieser Wiencek ist ein Kerl, wie er im Handball-Buche steht, zumindest in jenem, in dem Männer wie er als verwegene Gestalten beschrieben werden, die sich ohne Rücksicht auf Verluste ins Getümmel werfen, die zupacken und einstecken, die über Grenzen gehen – vor allem die des eigenen Körpers.

          Es ist der Tag nach dem 25:25 der Nationalmannschaft gegen Frankreich. Zwei Tage nach dem 22:22 gegen Russland. Wenn man den 29 Jahre alten Wiencek über die Folgen sprechen hört, klingt er beinahe eher nach einem alten Mann als nach einem Profisportler in seinen besten Jahren. „Es ist schwer, wenn man morgens aufsteht und die Knochen tun weh“, sagt der Profi vom THW Kiel. „Man versucht, sich in Bewegung zu halten, wenn man ein bisschen in Bewegung ist, geht das auch wieder.“

          Spielplan der Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark

          Was man tun könne zwischen zwei solchen Spielen binnen 24 Stunden? Nicht viel. „Wir sind Handballer, wir kennen das nicht anders“, sagt Wiencek, ganz nüchtern, ohne Klage. „Der Körper kann gefühlt mehr, als man denkt.“ Der Rhythmus des Handballs ist unnachgiebig. Am Donnerstagabend spielte die deutsche Mannschaft noch in Berlin gegen Serbien, am Samstagabend in Köln gegen Island gewann sie 24:19.

          Es sind vor allem die Top-Spieler bei den Top-Klubs, die extremen Belastungen ausgesetzt sind, bis zu 80 Spielen im Jahr – und nun bei der WM jeden zweiten Tag, manchmal an zwei Tagen nacheinander. Der isländische Nationaltrainer klagte in diesen Tagen nun darüber, dass seinem Team gleich vier Spiele in fünf Tagen bis zum Abschluss der Tortur am Sonntag gegen Frankreich (22:31) zugemutet wurden. Ist das noch zu verantworten?

          Das ewige Dilemma

          Für Patrick Luig ist es ein „echtes Problem“. Luig ist seit Januar Bundestrainer für Wissenschaft und Bildung beim Deutschen Handballbund (DHB), vorher hat er sich bei der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) mit dem Thema Sportverletzungen befasst. „Unter den gegebenen Bedingungen ist diese Anzahl an Spielen in der kurzen Zeit ganz schwierig“, sagt der promovierte Trainingswissenschaftler. „Entweder die Spieler bekommen es jetzt zu spüren, oder sie werden es im Nachgang bei ihren Klubs zu spüren bekommen. Das ist das Dilemma, in dem wir seit Ewigkeiten drinstecken.“

          Handball-WM 2019

          Theoretisch, sagt Luig, könnte man die Spieler auf diese Belastung vorbereiten. „Aber diese Zeit hat Christian Prokop nicht, wenn er die Mannschaft vier Wochen beisammen hat.“ Die möglichen Folgen der dauerhaften Überbelastung, so Luig, können vielfältig sein: akute Verletzungen, chronische Beschwerden, Überbelastungssyndrom, Leistungsabbau, auch psychische Probleme.

          Mehrere Trainer haben während dieser WM schon Alarm geschlagen. „Wir sind zu den schlimmsten Zeiten des Sports zurückgekommen“, sagte Frankreichs Nationalcoach Guillaume Gille. Der frühere deutsche und heutige japanische Nationaltrainer Dagur Sigurdsson warnte vor der Gefahr eines Burnouts.

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