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Handball-Nationalspieler Schmidt : Der Siebenmeterkönig

  • -Aktualisiert am

Listig und kaltschnäuzig zugleich: Schmidt beim Torabschluss nach einem Tempogegenstoß Bild: AFP

Nur weil Uwe Gensheimer sich verletzte, nominierte Bundestrainer Martin Heuberger den Wetzlarer Kevin Schmidt für die Handball-WM. Der Neuling zahlt das Vertrauen zurück: kaltschnäuzig verwandelt er Siebenmeter um Siebenmeter.

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          Wenn der deutsche Linksaußen Kevin Schmidt an die Siebenmeterlinie geht, macht er den Eindruck, als sei diese Bürde für ihn der selbstverständlichste Job überhaupt. Er blickt konzentriert zum Hallenboden, seine Hände streichen über den Ball, Sekunden später schlägt dieser im Tornetz ein. Es ist diese Abgeklärtheit des 24 Jahre alten Bundesligaspielers der HSG Wetzlar, die selbst die kritischsten Beobachter der Handball-Weltmeisterschaft in Spanien verdutzt. Zehn von zwölf Siebenmetern hat der Hesse, der in Gießen geboren wurde, für das Team des Deutschen Handballbundes (DHB) im Turnierverlauf bisher sicher verwandelt.

          „Eine Top-Quote“, sagt Kai Wandschneider, Schmidts Coach in Wetzlar. „Vor der WM hatte ihn kein Nationaltrainer auf dem Zettel.“ Er schöpft an der Linie unbekümmert aus seinem Repertoire - mal mit harten Würfen wenige Zentimeter am Torwart vorbei; mal listig per Aufsetzer; mal riskant unter die Latte. Und er verwandelt derart souverän, dass Bundestrainer Martin Heuberger keine andere Wahl hat, als ihm diese Verantwortung zu übertragen - selbst bei knappen Spielständen. Heuberger kennt seine Stärken aus ihrer Zeit bei der Junioren-Nationalmannschaft, mit der sie 2009 Weltmeister wurden.

          Schmidt rechtfertigt das Vertrauen. Dabei debütierte er erst neun Tage vor dem WM-Auftakt beim Freundschaftsspiel gegen Schweden (26:20) im DHB-Trikot - und traf in drei Versuchen ebenso oft von der Siebenmeterlinie. Heuberger hatte ihn für den verletzten Uwe Gensheimer nachnominiert. „Seine Konstanz beeindruckt mich. Es ist erstaunlich, welche Entwicklung er nimmt“, meint Wandschneider. Anders als in der Bundesliga komme Schmidt im Nationalteam oft „kalt von der Bank“, weil er nicht der ersten Sieben angehört. Doch selbst das lasse ihn kalt, schildert Wandschneider.

          Er gilt als einer der Schnellsten

          Seiner Meinung nach ist das der Verdienst Heubergers: „Ich kenne keinen Trainer dieser Welt, der so erfolgreich mit dieser jungen Mannschaft arbeiten würde.“ Bestes Beispiel für das kongeniale Zusammenspiel zwischen Bundestrainer und Mannschaft sei das effektive Konterspiel der Deutschen. Und das ist auch eine Stärke Schmidts.

          Nicht nur in Wetzlar gilt dieser als einer der Schnellsten. Im DHB-Team ist er einer der vier Tempomacher (Dominik Klein, Tim Reichmann, Patrick Groetzki), die eine bis dato herausragende Trefferquote bei Gegenstößen herauswarfen. Und er ist der wohl frechste Nationalspieler. Vor der WM hatte Heuberger die sogenannten Trickwürfe verboten. Doch bei seinem zweiten Tor im Achtelfinale gegen Mazedonien zeigte Schmidt just eine solche Raffinesse im Torabschluss: Er täuschte einen Dreher an und lupfte den Ball dann listig über den herausgeeilten Torhüter.

          Mutig, forsch, selbstbewusst: Schmidt macht nicht den Eindruck, als sei er ein Neuling im DHB-Trikot

          Der Bundestrainer mag es ihm nachsehen. Er weiß um die Nervenstärke des Wetzlarers, der neben seiner Laufbahn als Handballprofi eine kaufmännische Lehre abschloss. Seine Abgeklärtheit hat sich vor dem Viertelfinalspiel an diesem Mittwoch gegen Spanien (18.50 Uhr) bis zum spanischen Nationaltrainer Valero Rivera Lopez herumgesprochen. Und auch einige Vereinstrainer dürften ihn noch genauer beobachten als früher. Schmidt, der in der Region um Gießen aufgewachsen ist und seit mehr als sechs Jahren das Wetzlarer Trikot trägt, hat Interesse geweckt. Doch Wandschneider mahnt - noch: „Es bleibt abzuwarten, wie der Junge die Zusatzbelastung einer WM wegsteckt.“

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