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Handball-EM gegen Österreich : Deutschland setzt ein sattes Ausrufezeichen

Rückhalt: Torhüter Johannes Bitter ist den Kollegen mit seinen Paraden eine große Stütze. Bild: Imago

Die EM-Reise geht weiter: Nach dem Handball-Drama gegen Kroatien besiegen die Deutschen den Frust und erreichen das Spiel um Platz fünf. Im Duell mit Österreich gelingt ein bemerkenswerter Erfolg.

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          Es wurden sogar schwarz-rot-goldene Klatschpappen verteilt in der Wiener Stadthalle. Gut, wenn die nachbarschaftliche Rivalität so etwas zulässt, selbst wenn Sponsoreninteressen im Spiel gewesen sein dürften. Weniger gut für das deutsche Handballteam, dass sich der Auswärtsspiel-Charakter damit freilich nicht kaschieren ließ am Montagabend. Rot und weiß waren die bestimmenden Farben, und das galt zunächst genauso für den Ton, den die österreichischen Zuschauer angaben.

          Ein „Fest gegen die Frustrierten“ sollte es schließlich werden, wie der Wiener „Standard“ getitelt hatte. Und danach sah es am Anfang tatsächlich aus im dritten und vorletzten Hauptrundenspiel bei dieser Europameisterschaft. Gegen eine deutsche Mannschaft, die zunächst nicht annähernd das zeigte, was sie nach dem 24:25 gegen Kroatien versprochen hatte, legten die Österreicher furios los. Doch in dieser prekären Situation riss sich das Team von Trainer Christian Prokop zusammen und stemmte sich gegen die drohende Schmach mit all ihren möglichen Weiterungen.

          Über eine 16:13-Halbzeitführung kam die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), die von Philipp Weber gesteuert wurde, auf einen exzellenten Johannes Bitter im Tor bauen konnte und in Timo Kastening mit sechs Treffern ihren besten Werfer hatte, zu einem überzeugenden und in dieser Situation auch bemerkenswerten 34:22-Erfolg: ein sattes Ausrufezeichen der zuvor Enttäuschten, und in der Stadthalle ging es atmosphärisch nun doch beinahe zu wie bei einem Heimspiel. „Wir freuen uns über diesen Sieg“, kommentierte Bitter den Auftritt: „Wir waren in einem Loch. Heute haben wir uns gepuscht.“ Und Prokop sagte: „Es war rein mental eine große Herausforderung.“ Der Coach lobte: „Die Mannschaft hat konzentriert durchgezogen.“

          Das bedeutet zugleich schon vor dem letzten Hauptrundenspiel am Mittwoch gegen Tschechien (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und im ZDF), dass die Reise weitergeht bei der Drei-Länder-EM – zum Spiel um Platz fünf am Samstag (16.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM) in Stockholm. Die letzte theoretische Chance auf das Halbfinale hatte sich erwartungsgemäß schon vor dem Anwurf erledigt. Dazu hätte als erster von mehreren unwahrscheinlichen Fällen ein weißrussischer Sieg gegen Spanien mit genau sieben oder acht Toren Unterschied eintreten müssen. Wie abwegig auch nur dieser Gedanke war, zeigte sich beim 37:28-Sieg des Titelverteidigers Spanien, der damit die Reise zur Finalrunde klarmachte, zuvor hatten die bereits qualifizierten Kroaten die Pflicht gegen Tschechien mit einem 22:21 erfüllt.

          Für den deutschen Gesamteindruck bei dieser EM war es ein wertvoller, ja ein notwendiger Erfolg gegen den Nachbarn. Auch der Bundestrainer hatte den Druck zu spüren bekommen nach dem bislang so wechselhaften Turnier. Und das Duell mit Österreich durfte durchaus als Belastungsprobe dafür betrachtet werden, wie es um die Konstellation zwischen Team und Trainer bestimmt ist. Prokop zeigte sich befremdet über die Art und Weise, wie die Debatte um seine Person geführt wurde: „Das müsste ja im Umkehrschluss bedeuten, wenn man als deutscher Trainer mit einer deutschen Mannschaft gegen Kroatien nach einem harten Fight verliert mit einem Tor, dass man selbstverständlicherweise infrage gestellt wird“, sagte er nach dem deutlichen Sieg. „Das ist schon sehr hart.“ Unterstützung erhielt er aus seiner Mannschaft. Bitter sagte zur Gemeinschaft von Team und Trainer: „Die steht, egal, was passiert. Wir sind perfekt vorbereitet worden, für uns stellt sich überhaupt keine Trainerfrage. Null.“

          Nur nicht nachlassen – das war die unmissverständliche Botschaft gewesen, die das deutsche Team nach der Niederlage am Sonntag gegen Kroatien gesendet hatte. Die Spieler um Uwe Gensheimer sowie Prokop wollten klarstellen, dass Stockholm auch ohne Halbfinale noch ein erstrebenswertes Reiseziel sei. Nicht ausgeschlossen, dass die Reiselust angesichts der Belastungen, denen die Spieler ausgesetzt sind, sich bei Manchem ohne Aussicht auf Edelmetall in Grenzen gehalten hatte. Aber die neuen Ziele waren gesteckt und bildeten zugleich so etwas wie Verbands-Räson: das gute Gefühl, das Selbstvertrauen, das Prokop mit in die Olympia-Qualifikation im April nehmen möchte.

          Und dann galt und gilt es ja noch, das Gesicht für das Publikum zu wahren und sich nicht zur Primetime im Fernsehen zu blamieren. „Reiner Wille, reine Bereitschaft“ seien gefordert, hatte Bob Hanning gesagt, der Vizepräsident des DHB – und nebenbei auch Prokop in die Verantwortung genommen. Gegen die Österreicher begann es mühsam. Nachdem der erste Wurf des österreichischen Kapitäns Nikola Bilyk gesessen hatte, bekamen die Deutschen keinen Zugriff in der Deckung. Die Entschlossenheit aus dem Kroatien-Spiel war nur noch eine ferne Erinnerung, immer wieder kamen die Österreicher frei zum Wurf.

          Für den am Knie angeschlagenen Patrick Wiencek kam Johannes Golla ins Spiel, Prokop stellte auf eine 3-2-1-Deckung um – ein guter Griff, ebenso wie der Wechsel im Tor von Andreas Wolff zu Bitter. Zwar war das deutsche Team dennoch lange damit beschäftigt, einem Rückstand hinterherzulaufen, aber Einsatz und Richtung stimmten nun. Tobias Reichmanns dritter verwandelter Siebenmeter zum 7:7 (am Ende waren es fünf) und Hendrik Pekelers zweiter Treffer nacheinander zum 9:9 waren wichtige Signale in einer kritischen Phase, und weil nun Bitter stark parierte (seine Fangquote betrug am Ende 54 Prozent) und Kastening verlässlich traf, befreite sich das deutsche Team und erarbeitet sich die Führung.

          Beim 16:12, Kastenings fünftem Treffer, betrug sie vier Tore und nur wenige Minuten nach der Pause sogar derer sechs. Das wollten sich die Deutschen nicht mehr nehmen lassen, und weil die Österreicher nach ihrem starken Beginn abbauten, bestand daran früh kein Zweifel.

          Handball-EM 2020

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