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Absagen vor EM 2020 : Die Handballer und das Spiel mit dem Feuer

Daumen hoch bei Bundestrainer Christian Prokop – trotz zahlreicher Absagen für die Handball-EM, trotz der Überbelastung einiger Profis. Bild: dpa

Prominente Namen fehlen beim deutschen Handball-Team bei der EM. Nun fallen mit Fabian Wiede und Steffen Weinhold noch zwei zentrale Figuren aus. Dabei gibt es einen Beigeschmack. Für den Bundestrainer ist das doppelt bitter.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Seit Anfang der Woche wusste Christian Prokop, dass ein weiterer wichtiger Spieler für die Handball-Europameisterschaft ausfallen würde. Am Freitagmorgen wirkte der Bundestrainer bei einer Telefonkonferenz immer noch unglücklich über diese „sehr bittere Nachricht“. „Es bricht starke individuelle Qualität weg auf einmal“, sagte Prokop, „wir wollen das als Team kompensieren. Es ergeben sich neue Rollen für andere Spieler. Wir müssen schnell Lösungen finden.“

          Erst Fabian Wiede am Mittwoch, dann Steffen Weinhold am Freitag: Zwei zentrale Figuren fehlen der ersten Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) nun bei der Dreiländer-EM in Norwegen, Österreich und Schweden. Wiede war der auserkorene Regisseur, Weinhold die Nummer eins im rechten Rückraum und zudem eine erfahrene Führungsfigur. Nun soll Wiedes Berliner Vereinskollege Paul Drux die deutschen Angriffe steuern; auf Weinholds Position werden sich Kai Häfner und Franz Semper abwechseln.

          Von den hohen Zielen wollte Prokop am Tag der Bekanntgabe des Siebzehner-Kaders für die EM indes nicht abweichen. „Wir sollten bewusst und konsequent an unseren Zielen festhalten“, sagte er, „wir haben genug Qualität, und das Halbfinale ist möglich. Doch der individuelle Verlust, der Erfahrungsverlust ist natürlich da.“ Wie sehr den Bundestrainer die Absagen getroffen haben, zu denen auch die seines Lieblingsspielers Martin Strobel und der anderen beiden Spielmacher Simon Ernst und Tim Suton zählen, war seinen Worten zur öffentlichen Erwartung an ihn und sein Team zu entnehmen: „Ich hätte nichts dagegen, wenn der Druck und die Erwartungen minimiert werden.“ Nach der Vorrunde in Trondheim mit Spielen gegen die Niederlande, Spanien, und Lettland warten in der Hauptrunde vier Spiele in Wien mit wahrscheinlich Kroatien als stärkstem Gegner auf den DHB.

          Überraschendes Comeback: Johannes Bitter kehrt ins Tor der deutschen Handballer zurück, acht Jahre nach seinem Rücktritt.
          Überraschendes Comeback: Johannes Bitter kehrt ins Tor der deutschen Handballer zurück, acht Jahre nach seinem Rücktritt. : Bild: dpa

          Einige prominente Namen fehlen in Prokops Gruppe für die EM. Silvio Heinevetter ist nicht dabei, auch Patrick Groetzki und Finn Lemke bleiben daheim. Prokop hat nicht nach alten Verdiensten nominiert, sondern nach aktueller Bundesligaform. Gerade dem erfahrenen Torhüter Johannes Bitter, der ein Comeback gibt, ist auf dem Feld und daneben eine wichtige Rolle zugedacht. Rechtsaußen wird Timo Kastening neben Tobias Reichmann auflaufen, für Lemke steht Johannes Golla im Kader.

          Prokop sagte, dass dem Lehrgang vom 2. Januar an in Frankfurt eine große Bedeutung zukommt. Schließlich muss sich der Rückraum um Drux einspielen. „Paul wird schwerpunktmäßig Mitte spielen. Ich möchte dort einen Mix aus Spielfreude, Dynamik und Verantwortung für den Ball sehen“, sagte Prokop. Auch Marian Michalczik und Philipp Weber sollen sich als torgefährliche Ballverteiler versuchen. Zwei Testspiele danach bekommen durch die Absagen einen großen Wert. „Es wird beim Lehrgang und in den Spielen noch einmal kleine Änderungen in der Themensetzung geben“, sagte Prokop.

          Drei Wochen vor Beginn der EM gibt es aber einen Beigeschmack. Sowohl Wiede als auch Weinhold werden die letzten Saisonspiele 2019 für ihre Klubs bestreiten, ehe sie sich operieren lassen beziehungsweise pausieren. Aus Sicht der Spieler und der Vereine ist es natürlich nachvollziehbar, sich den EM-Monat Januar als Reha-Zeit zu nehmen. Für Prokop und den DHB ist es aber doppelt bitter. Der Bundestrainer versuchte zumindest nach außen, sich damit nicht allzu lange aufzuhalten: „Ich habe Verständnis für beide. Wir brauchen fitte, überzeugte Spieler. Wir wollen neun Spiel innerhalb von kürzester Zeit bestreiten. Ich bin motiviert für die, die da sind.“

          Handball-EM 2020: Spielplan, Termine, Ergebnisse, Tabellen

          So nimmt das Thema Belastung der Handballprofis in diesen Tagen noch einmal an Fahrt auf. Drei Spieltage sind es noch, bis am 29. Dezember endlich Ruhe ist. Drei handballfreie Tage später geht es für die siebzehn Auserwählten mit der EM weiter. Bangen Blickes wird Prokop die letzten Spiele des Jahres verfolgen. Bezogen auf die vielen Verletzungen sagte er: „Mittlerweile kann man schon sagen, dass das Ende der Fahnenstange hoffentlich erreicht ist.“

          Prokop wird auf dem erhofften Weg ins Halbfinale offensiv improvisieren müssen, und von der traditionell starken Abwehr wird noch mehr abhängen. Doch schon vor Turnierstart klein beigeben, komme natürlich nicht in Frage, sagte der Bundestrainer: „Wir wollen die Sportwelt wieder in unseren Bann ziehen. Wir müssen den Widrigkeiten die Stirn bieten und mit viel Feuer spielen. Wenn wir das erreichen, werden wir auch erfolgreich sein. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Mannschaft großen Hunger auf Erfolg haben wird.“ Prokop selbst wirkte am Ende des Gesprächs auch wieder zuversichtlicher als am Anfang.

          Handball-Europameisterschaft 2020

          Linksaußen: Uwe Gensheimer (Rhein-Neckar Löwen), Patrick Zieker (TVB Stuttgart).

          Rückraum links: Fabian Böhm (TSV Hannover-Burgdorf), Philipp Weber (SC DHfK Leipzig), Julius Kühn (MT Melsungen).

          Rückraum Mitte: Paul Drux (Füchse Berlin), Marian Michalczik (TSV GWD Minden).

          Rückraum rechts: Franz Semper (SC DHfK Leipzig), Kai Häfner (MT Melsungen).

          Rechtsaußen: Tobias Reichmann (MT Melsungen), Timo Kastening (TSV Hannover-Burgdorf).

          Kreis: Hendrik Pekeler (THW Kiel), Jannik Kohlbacher (Rhein-Neckar Löwen), Patrick Wiencek (THW Kiel), Johannes Golla (SG Flensburg-Handewitt).

          Tor: Andreas Wolff (KS Vive Kielce/Polen), Johannes Bitter (TVB Stuttgart).

          Das deutsche Team trifft sich am 2. Januar in Frankfurt zur direkten EM-Vorbereitung und startet nach Länderspielen gegen Island (Mannheim, 4. Januar) und Österreich (Wien, 6. Januar) in die EM, die vom 9. bis 26. Januar stattfindet.

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