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Spaniens Nationalmannschaft : Alte Schönheit mit neuem Punch

Noch fast einsatzbereit: Der neue spanische Nationaltrainer Luis Enrique scheint mitspielen zu wollen. Bild: dpa

Die spanische Fußball-Nationalmannschaft hat wie das deutsche Team eine missratene WM hinter sich. Gegen England und Kroatien setzt der neue Nationaltrainer Luis Enrique auf Spielmacher Isco und Rückkehr zu altem Glanz.

          Wäre die deutsche WM-Blamage nicht gewesen, die Spanier hätten als Versager des russischen Turniers gelten dürfen. Seit Jahren liefert die Primera División reihenweise Champions-League-Sieger (sieben in den vergangenen zehn Jahren) und Europa-League-Gewinner (sechs in den zurückliegenden zehn Jahren). Und wer behauptet, das seien doch stets dieselben, hätte es immerhin mit vier dauererfolgreichen Vereinsmannschaften zu tun – Real Madrid, FC Barcelona, Atlético Madrid und FC Sevilla. Zustände, von denen selbst historische Fußballnationen nicht einmal zu träumen wagen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Und doch ist bei der „Selección“ seit längerem der Wurm drin. Der Zyklus des schönen Spiels, das Xavi, Iniesta, Silva und die anderen populär gemacht haben, kam nach den drei großen Titeln 2008, 2010 und 2012 früher an sein Ende als gedacht. Fortan schaute man dem Altern wunderbarer Spieler zu, sah ihren Stil überreif, klassizistisch und sauer werden, und vielleicht hat auch die Entwicklung des internationalen Fußballs noch einmal eine athletische Beschleunigung des Spiels gebracht, die dem Tiki-Taka einfach nicht guttut. In all den flauen Jahren hat sich kein einziger neuer Spieler als verlässliche Führungsfigur im Team etabliert.

          Neuanfang nach Abschieden

          Erst jetzt, nach der Trainer-Farce kurz vor WM-Beginn und der Regierungserklärung des neuen Coachs Luis Enrique vor zehn Tagen, steht „La Roja“ gegen England (Samstag, 20.45 Uhr bei DAZN) und Kroation plötzlich vor dem Neuanfang. Er geht tiefer als alles zuvor: ohne Andrés Iniesta und David Silva, die Herren des filigranen Handwerks. Ohne den katalanischen Innenverteidiger Gerard Piqué, der keine Lust mehr auf Pfiffe und Beschimpfungen in nichtkatalanischen Stadien hat. Und verblüffenderweise auch ohne Jordi Alba vom aktuellen Meister FC Barcelona, noch immer der beste Linksverteidiger des Landes. Luis Enrique, selbst ehemaliger Barça-Akteur und als Trainer ein sensationeller Triple-Gewinner mit den Katalanen im Jahr 2015, hat ihn ohne weitere Erklärung zu Hause gelassen. Auch WM-Teilnehmer Koke von Atlético Madrid fehlt, während Iago Aspas für den verletzten Sturmführer Diego Costa einspringen könnte.

          Es gibt viel zu tun: Luis Enrique (links) beim Training in Wembley

          Dass Alba nicht nominiert wurde, war ein Hinweis auf Kommendes. Man hätte ja auf die alte katalanische Verbindung gewettet, aber nichts davon. Nur Mittelfeldmann Sergi Roberto, einer der Lieblingsschüler von Luis Enrique, der bei der WM nicht mitmachen durfte, wurde in die Auswahl zurückgerufen. „Es wird noch mehr Überraschungen geben“, sagte der Trainer, um gleich das Terrain zu markieren. Dass er den erfahrenen, aber nicht mehr taufrischen Innenverteidiger Rafael Albiol vom FC Neapel in den Kader zurückbeorderte, stieß auf milde Verwunderung, denn Albiol ist kein Ersatz für Piqué. Den Ballbesitzfußball, so viel ließ der Coach durchblicken, wolle er nicht aufgeben. „Keine Revolution, sondern Evolution.“ Luis Enrique hat auch schon eine neue Leitfigur. Nicht ganz zufällig ist es der einzige Spieler der „Roja“, der bis zum freudlosen Ausscheiden der Spanier im WM-Achtelfinale gegen Gastgeber Russland so etwas wie Biss und Originalität erkennen ließ: Francisco Román Alarcón Suárez, genannt Isco.

          Man könnte auch sagen: Es wird Zeit. Isco ist 26 Jahre alt, der begabteste Spielgestalter der jüngeren Generation – und hatte im Verein, unter Real-Trainer Zinédine Zidane, noch nicht einmal einen Stammplatz. In der Selección soll er mit Dribblings und Überraschungspässen helfen, eine tief stehende Verteidigung aufzuschlitzen, und die alte Schönheit mit neuem Punch paaren. Er fühle sich nicht als Star, tat Isco vor der Nations-League-Partie gegen England kund, sondern wichtig und akzeptiert. Siegreiche Teams hingen nie von einem einzigen Spieler ab, sondern vom Kollektiv. Völlig korrekt gesagt. So macht man das heute. Auf dem Rasen erwarten sie von ihm aber, dass er etwas wilder auftritt.

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