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Fußball-Weltverband : Fifa-Krise entwickelt sich zur Schlammschlacht

Was kommt da noch alles auf die Fifa und Präsident Joseph Blatter zu. Bild: AP

Die Strafverfolger sehen die neuen Vorwürfe gegen die Fifa-Führung und die Freistellung von Valcke mit großer Spannung. Die Krise des Fußball-Weltverbandes wird nun auch zu einer persönlichen Abrechnung.

          3 Min.

          Nach den aktuellen Bestechungsvorwürfen gegen die Führung des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa) sowie der Freistellung des Fifa-Generalsekretärs Jérôme Valcke entwickelt sich die Fifa-Krise zur Schlammschlacht und zu einer persönlichen Abrechnung zwischen früheren Gefolgsleuten sowie Geschäftspartnern. Zugleich reagierten am Freitag die Schweizer Strafverfolger auf die neuesten Verdachtsmomente.

          Johannes Ritter
          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft in Bern wertete die öffentlichen Vorwürfe auf Anfrage als „interessante Aussagen“, die man analysieren werde. Im Übrigen betonte sie, dass sich das Strafverfahren im Zusammenhang mit der umstrittenen Vergabe der WM-Turniere 2018 (Russland) und 2022 (Qatar) nach wie vor gegen Unbekannt richte. Zudem könnte die Fifa-Ethikkommission nun Verfahren gegen Valcke und auch Fifa-Chef Joseph Blatter einleiten. Blatter, der seinen Rücktritt längst bekannt gegeben hat, will eigentlich noch bis zur Präsidentenwahl im Februar nächsten Jahres weitermachen.

          Die kleine Schweizer Rechteagentur JB Sports Marketing war am Donnerstag an die Öffentlichkeit gegangen und hatte schwerwiegende Behauptungen aufgebracht. Demnach soll Valcke als Chef der hauptamtlichen Fifa-Administration für einen Ticket-Vertrag an vier WM-Turniere zwischen dem Jahr 2010 und 2022 eine Gewinnbeteiligung zugesichert worden sein. Zudem hätte Valcke schon vor der WM-Wahl für 2022, die im Dezember 2010 in Zürich stattfand, gesagt, dass dieses Turnier an Qatar ginge. Valcke bestreitet die Vorwürfe.

          Die Vertreter der Agentur legten Dokumente vor, in denen auch der Name des Fifa–Präsidenten Joseph Blatter auftauchte. So hätte ein an früheren Ticketverträgen für die WM 2006 in Deutschland beteiligter japanischer Geschäftsmann im Jahr 2003 zwei Millionen Euro gefordert, um diese angeblich Blatter als Schmiergeld für geleistete Dienste zu zahlen. Der Japaner bestreitet dies. Gemeint ist der frühere Marketingmanager Haruyuki Takahashi von der Agentur Dentsu, heute Mitglied im Organisationskomitee für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

          Generalsekretär und Blatter-Vertrauter Jerome Valcke (links) wurde suspendiert.
          Generalsekretär und Blatter-Vertrauter Jerome Valcke (links) wurde suspendiert. : Bild: dpa

          Zugleich entstand aus den Aussagen der Agenturvertreter von JB Sports Marketing ein neuer Tatverdacht. Im Fall von Valckes mutmaßlichen Bestechungszahlungen behaupteten sie, dafür Bargeld „in Höhe eines sechsstelligen Dollarbetrags“ aus dem Schließfach einer Bank in Zürich geholt und die Notenbündel in einen Koffer verstaut zu haben. Hier könnte es am Ende um Geldwäsche gehen. Vielleicht ermitteln sogar schon die Schweizer Staatsanwälte.

          Ob das so ist, beantwortete Benny Alon, der als Berater für JB Sports Marketing arbeitet, auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Freitag zunächst so: „Das weiß ich nicht.“ Dann schob der frühere Fußballspieler aus Israel nach: „Warum sollte man das tun? JB Sports hatte einen Vertag mit der Fifa. Das ist doch nicht illegal.“ Die Bundesanwaltschaft in Bern wollte sich zu diesem Thema nicht äußern: Über einzelne Verfahrensschritte könne man keine Auskunft geben, sagte die Sprecherin.

          Eine Entscheidung, die nachwirkt: 2010 bekam Qatar die WM 2022 zugesprochen.
          Eine Entscheidung, die nachwirkt: 2010 bekam Qatar die WM 2022 zugesprochen. : Bild: dpa

          In jedem Fall stellen sich weitere Fragen. Auch zu den wahren Beweggründen von JB Sports, an die Öffentlichkeit zu gehen. Angeblich wollte man mit den Enthüllungen in Zürich gar nicht den Generalsekretär stürzen, so behauptet es zumindest Alon. „Valcke und ich waren enge Freunde“, sagte Alon der F.A.Z. Vielmehr habe er das öffentliche Augenmerk auf die aus seiner Sicht überaus fragwürdige Rolle der Byrom-Brüder lenken.

          Diesen Mexikanern gehört die Firma Match, die vom Ticketverkauf über die Technik bis hin zu Unterkunft und Transporten vertraglich für zahlreiche Dienstleistungen der Fifa verantwortlich ist. „Warum darf eine einzige Familie bedeutende Fifa-Geschäfte mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Dollar abwickeln?“ fragt Alon. Anfang des Jahres war ein Verfahren gegen einen leitenden Angestellten von Match wegen angeblich illegaler Ticketgeschäfte bei der WM in Brasilien von den Justizbehörden in Rio de Janeiro eingestellt worden.

          Fifa-Skandal : Generalsekretär Valcke von Aufgaben entbunden

          Valcke war möglicherweise besonders empfänglich für finanzielle Zuwendungen illegaler Art. So ist es zumindest in Fifa-Kreisen zu hören. Dort ist bekannt, dass der ehemalige Fernsehjournalist aus Frankreich einen auffällig exklusiven Lebensstil pflegt und dafür auch immer viel Geld braucht. Vor und während der WM in Brasilien ging der Ferrari-Liebhaber nicht ins Fifa-Hotel, sondern mietete sich das Luxusappartement von Ronaldo in Rio de Janeiro für sich und seine Familie.

          Zu hören ist auch aus der Fifa-Administration, dass der Verband schon vor den neuen Anschuldigungen in den vergangenen Wochen Verhandlungen mit dem Generalsekretär über einen Auflösungsvertrag geführt hatte. Valcke hatte selbst nach der Rücktritts-Ankündigung Blatters betont, dass er keine Zukunft mehr für sich sähe bei der Fifa.

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          Die Ethikkommission des Weltverbands wollte auf Nachfrage der F.A.Z. nicht kommentieren, ob sie schon gegen Valcke oder sogar Blatter vorgeht. Der Sprecher sagt nur allgemein: „Bei Vorliegen eines Tatverdachts, dass gegen das Ethik-Reglement verstoßen wurde, wird die Ethikkommission die Verdachtsmomente erst analysieren. Liegt dann ein klar begründeteter Verdacht vor, wird eine Untersuchung eingeleitet. So ist das übliche Vorgehen.“ Die Fifa teilte am Freitag mit, dass der stellvertretende Generalsekretär Markus Kattner nun die Aufgabe von Valcke bis auf weiteres übernehmen wird.

          Blatter baut FIFA-Mitarbeiter auf

          Joseph Blatter, scheidender Fifa-Präsident, sorgt sich um die Arbeitsmoral der Mitarbeiter des Fußball-Weltverbandes. Nach der Suspendierung von Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke schrieb Blatter am Freitag eine E-Mail an seine mehr als 400 Mitarbeiter: „Ich bitte Sie alle, hart weiterzuarbeiten, um das Spiel, das wir lieben, weiter zu entwickeln, voranzubringen und zu feiern.“ Der Weltverband sei in der Lage, den schweren Korruptionsvorwürfen standzuhalten.

          Am Vorabend hatte die Fifa Valcke mit sofortiger Wirkung von seinem Posten entbunden. Die Marketingfirma JB Sports Marketing hatte behauptet, Valcke bereichere sich bei Geschäften mit WM-Tickets. Dieser wies die Anschuldigungen zurück.

          „Seien Sie versichert, dass die Fifa weiter in ihre Fähigkeiten vertraut, die derzeit schwierige Situation zu überwinden und ihre Reputation wieder herzustellen zum Wohle des Spiels“, zitierte die Nachrichtenagentur AP aus der E-Mail. Blatter will am 26. Februar des kommenden Jahres das Amt aufgeben. Dann soll ein Nachfolger an der Fifa-Spitze gewählt worden. (dpa)

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