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Bundesliga-Kommentar : Gefeiert und gefeuert

  • -Aktualisiert am

„Ich kann nicht langfristig planen und kurzfristig verlieren“: Otto Rehhagel. Bild: dpa

Die Erfolge der Vergangenheit helfen Fußballtrainern kaum. Was richtig und was falsch ist in der Frage, ob man an einem Coach festhält oder nicht, lässt sich allerdings nie beantworten.

          Otto Rehhagel war bekanntermaßen manchmal etwas eigenwillig, aber er hat der Fußballwelt im Verlauf seiner Trainerkarriere ein paar Weisheiten mitgegeben, die in ihrer Langlebigkeit den Bonmots von Sepp Herberger in nichts nachstehen. „Ich kann nicht langfristig planen und kurzfristig verlieren“, sagte der spätere Bremer Dauerbrenner, als er noch als Feuerwehrmann der Liga galt, dem nur die prekären Aufgaben zugetraut wurden – und eine solche war es, als er 1980 Fortuna Düsseldorf vor dem Abstieg retten sollte.

          An der Gültigkeit dieses Kernsatzes der Rehhagelschen Fußballlehre hat sich in knapp vier Jahrzehnten nichts geändert. Langfristig planen ist allenfalls in Freiburg möglich, und alte Erfolge kommen in ihrer Bedeutung gleich hinter der Zeitung von gestern. Dirk Schuster etwa wurde vor seinem ersten Spiel beim FC Augsburg als „Trainer des Jahres 2016“ geehrt, weil er in der Spielzeit zuvor mit dem Sensations-Aufsteiger SV Darmstadt 98 noch sensationeller den Klassenverbleib geschafft hatte. Als das Jahr kalendarisch beendet war, hatte Schuster keinen Job mehr, nachdem man in Augsburg erstaunlicherweise doch bemerkt hatte, dass die Spielidee des Trainers nicht mit der des Vereins übereinstimmte.

          Viel spektakulärer aber ist es in dieser Woche in England zugegangen, als Claudio Ranieri seinen Posten bei Leicester City räumen musste. Im Sommer hatte der Italiener eine wunderbare Cinderella-Story geschrieben, die in der Premier League mit dem Meistertitel des größtmöglichen Außenseiters das spektakulärste Ende gefunden hatte. Er wurde vom Internationalen Fußballverband (Fifa) zum „Fifa-Trainer des Jahres“ gekürt – und ist nun arbeitslos, weil der Überraschungscoup Folgen hatte. Der Titelverteidiger schwebt in Abstiegsgefahr.

          In Wolfsburg hat es in dieser Saison Dieter Hecking erwischt – als der ambitionierte Klub in die Krise geriet, musste der Trainer gehen. Auch Hecking hatte große Erfolge mit dem VfL gefeiert, der vor zwei Jahren als der gefährlichste Konkurrent der Bayern galt. Auch deshalb war Hecking nach dem Pokalsieg und Platz zwei in der Bundesliga zum „Trainer des Jahres 2015“ ausgerufen worden. Der Vertrag wurde bis 2018 verlängert – und Hecking nach dem siebten Spieltag entlassen. Dafür hat er nun Mönchengladbach wieder in die Spur gebracht. Beim VfL ging die Krise munter weiter, was am Sonntag in der Trennung vom Hecking-Nachfolger Ismaël mündete.

          Was richtig und was falsch ist in der Frage, ob man an einem Trainer festhält oder nicht, lässt sich nie beantworten, weil niemand weiß, wie die Geschichte weitergegangen wäre. Sobald die Ergebnisse aber nicht passen, wird die Qualität eines Trainers immer in Frage gestellt, egal wie erfolgreich er vorher war. Auch Carlo Ancelotti musste sich – ja, auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung – schon Kritik anhören, weil es beim FC Bayern nicht so rund lief wie gedacht.

          Ein 5:1 gegen Arsenal und ein 8:0 gegen den HSV später wird den Münchnern gleich wieder der Triumph in der Champions League zugetraut. Obacht: Der Italiener wäre dann ein Kandidat für den „Trainer des Jahres“. Oder, nicht minder gefährlich, für ein Denkmal. Davor hat Trainerphilosoph Hans Meyer immer gewarnt: „Da kann man leicht gegen pinkeln.“ Rehhagel übrigens bewahrte die Fortuna damals vor dem Abstieg, wurde Pokalsieger – und ein halbes Jahr später entlassen.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

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