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Hertha BSC entlässt Trainer : Reich, aber planlos

  • -Aktualisiert am

Seine Zukunft bei der Hertha ist offen: Ob Pal Dardai wieder Jugendtrainer wird, soll noch diskutiert werden. Bild: AFP

374 Millionen vom Investor und doch muss in Berlin mal wieder der Trainer gehen. Nötig aber wäre eine Strategie. So verkommt die Hertha zum klubgewordenen Beispiel, wie man viel Geld ohne Ertrag verbrennen kann.

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          Probleme und Ärger im Berufsleben führen nicht selten zu Schlafstörungen. Von daher war es kaum verwunderlich, dass Pal Dardai vor zwei Tagen berichtete, er habe nach dem 1:1 gegen den FC Augsburg die halbe Nacht wach gelegen. Dardai ist lange genug Trainer, er weiß, was passiert, wenn die Ergebnisse ausbleiben.

          Wissen war nie wertvoller

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          Am Montag wurde aus seinem unguten Gefühl dann Gewissheit. Hertha BSC entband ihn von seinen Aufgaben als Cheftrainer der Bundesliga-Mannschaft. Hinterhergerufen wurde ihm das handelsübliche Kommuniqué der Branche. Manager Fredi Bobic bedankte sich für die Arbeit, wenige Stunden später stellte er den Nachfolger vor.

          Bis zum Saisonende soll Tayfun Korkut die taumelnde Hertha vor dem Abstieg retten. Es ist wie immer in den vergangenen Jahren. Wenn die Tage kurz sind und die Gemütslage innerhalb des Klubs so trüb wie das Berliner Winterwetter ist, tauscht Hertha den Trainer aus. Covic, Klinsmann, Nouri, Labbadia, Dardai und nun Korkut. Seit dem Einstieg des Investors Lars Windhorst im Juni 2019 hat der Klub sechs verschiedene Trainer beschäftigt – mehr als jeder andere Bundesligaverein während dieser Zeit.

          Hertha BSC tritt auf der Stelle

          Gebracht hat das ständige Wechselspiel nichts. Hertha tritt auf der Stelle, im dritten Winter nacheinander kann das Ziel nur lauten, im kommenden Sommer noch erstklassig zu sein – und das trotz enormer Zuwendungen. 374 Millionen Euro hat Windhorst bisher investiert. Hertha BSC verkommt zum klubgewordenen Beispiel dafür, wie man viel Geld ohne jeden Ertrag verbrennen kann.

          Dardai trifft daran genauso viel oder wenig Schuld wie seine Vorgänger. Ein jeder für sich mag Fehler gemacht haben. Im Fall von Dardai waren es das Kokettieren mit dem eigenen Rücktritt und die mangelnde Einbindung bestimmter Spieler, die den Klub viel Geld kosten und die Manager Bobic lieber auf dem Platz statt wie von Dardai angeordnet auf der Bank gesehen hätte. Die spielerisch enttäuschenden Vorstellungen dürften Bobic in dem Verdacht bestärkt haben, dass mit diesem Trainer keine Weiterentwicklung zu erreichen ist.

          All das darf aber nicht dar­über hinwegtäuschen, dass es im kompletten Verein an einer Strategie fehlt, wie die einst vollmundig vom Investor ausgerufenen Ziele zu erreichen sind. Dafür wäre im ersten Schritt interne Einigkeit zwischen Investor und Klub notwendig. Ein klarer Kurs ist nicht in Sicht, daran hat auch die Verpflichtung von Bobic nichts geändert. Der in Frankfurt erfolgreiche Manager scheitert in Berlin bisher genauso wie sein Vorgänger Michael Preetz daran, eine Vision für den gesamten Klub zu entwerfen.

          Die Personalie Korkut passt nach den dürftigen Transfers ins Bild. Dessen Verpflichtung löst in Berlin kaum Begeisterung aus. Wie auch? Korkuts Arbeitspapier ist bis zum kommenden Juni befristet. Die Botschaft dahinter ist eindeutig, die Verantwortlichen wollen mal wieder Zeit gewinnen. Korkut soll den Übergangstrainer geben, bis dann zur neuen Saison ein vermeintlich klangvoller Name übernimmt. Nur, warum sollte sich ein tatsächlich renommierter Trainer Hertha antun nach drei Jahren Schlingerkurs? Im Verein träumt man sich einer vermeintlich rosigen Zukunft entgegen und vergisst dabei die Gegenwart.

          Ein Blick auf die andere Stadtseite könnte helfen. Bei Union war Urs Fischer schon Trainer, als Windhorst bei Hertha BSC einstieg. In Köpenick wissen die Verantwortlichen um die Stärken und Schwächen ihres Trainers, es gibt eine kluge Strategie, nach der die Mannschaft verändert wird. Zur Belohnung darf Union in dieser Saison im Europapokal antreten. Davon ist Hertha im dritten Jahr des Investors Windhorst weiter entfernt denn je.

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