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Dortmund gegen Schalke : Das Revier-Derby ist überall

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Schwarz-gelb und blau-weiß: Auf den Rängen ist das immer eine emotionale Sache. Bild: dpa

Am Hochofen, im Büro, in der Kneipe und in den sozialen Netzwerken - das Duell Dortmund gegen Schalke ist der heißeste Nachbarschaftsstreit in Deutschland.

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          Enatz hatte das Stadiongelände noch nicht verlassen, da wurden die ersten Mitglieder seiner Whatsapp-Gruppe bereits unruhig. Warum er seinen Status noch nicht geändert habe, wollten seine Dortmunder „Freunde“ wissen - nicht mal eine Minute nach dem Abpfiff des Revierderbys. Enatz wohnt in Dortmund, ist aber Fan des FC Schalke 04, und seine Lieblingsmannschaft hatte gegen Borussia Dortmund verloren. Insofern wäre es am späten Nachmittag geboten gewesen, seinen bis dahin gültigen Status „Derbysieger“ zu ändern.

          Für Fans wie Enatz erschöpft sich das in ihren Augen wichtigste Spiel des Jahres nicht in neunzig Minuten Fußball. Das Derby übt auf viele Menschen eine Faszination aus, die weit über das Geschehen auf dem Rasen hinausgeht. Es fängt früher an und wirkt länger nach als jedes andere Spiel. „Der ganze Monat ist anders“, sagt Enatz. „Die Frotzeleien nehmen kein Ende. Und die, die sich gerade stärker fühlen, lassen ihre Siegesgewissheit heraushängen.“

          Voller Einsatz: Das Derby zu gewinnen, gehört für Spieler im Revier quasi ungeschrieben zum Arbeitsvertrag

          Vor dem 147. Revierderby an diesem Sonntag (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) in Dortmund sind das die Borussen. Viele von ihnen amüsieren sich königlich darüber, dass der Schalker Trainer André Breitenreiter, ein Derby-Novize, eine Woche vor dem großen Match die Chancen der eigenen Mannschaft gering eingeschätzt hatte, weil sie so jung sei und „vorne keinen absoluten Knipser“ habe. Der Fußballlehrer hatte in diesem Zusammenhang von einem „Bonusspiel“ gesprochen. Auch wenn Breitenreiter diese Sichtweise inzwischen relativiert hat, empfinden Dortmunder seine Worte als lustige Derby-Ouvertüre. „Da muss man ja fürchten, dass Schalke gar nicht antritt“, sagt Sandra Müller. „Aber ich hoffe, dass sie doch kommen, ihr Angstgehabe dürfen sie gerne mitbringen.“ Die junge Frau ist am Borsigplatz geboren; dort, wo 1909 auch die Wiege des BVB stand. Auf der berühmten Südtribüne ist sie Teil der „gelben Wand“ aus mehr als zwanzigtausend Menschen aus allen möglichen Bevölkerungsschichten.

          Am Hochofen, im Büro, auf der Kegelbahn, in der Kneipe und natürlich in den sozialen Netzwerken - überall ist Derby, lange bevor die Fans das Stadion in Schwarz-Gelb und Königsblau tauchen. Und alle sind getrieben von der Furcht, am Montag nach dem Spiel am Arbeitsplatz, am Stammtisch oder im Sportverein von den Anhängern des Rivalen verspottet zu werden. Schon deshalb sei die Anspannung auf der Tribüne groß, sagt Sandra Müller. Vielen liefert der wohl berühmteste Nachbarschaftsstreit Deutschlands einen willkommenen Anlass, sich zu reiben, sich abzugrenzen.

          Das spüren auch die Protagonisten. „Kein anderes Fußballspiel in Deutschland polarisiert so stark wie das Revierderby“, sagt Andreas Möller, der für beide großen Ruhrgebietsvereine gespielt hat. Was für einen immensen Stellenwert der Derbysieg bei den Fans besitzt, werde jedem neuen Spieler „schon bei der Vertragsunterschrift eingebleut“. Die Pflicht, den Erzrivalen zu bezwingen, sei zwar „kein ausdrücklicher Vertragsinhalt“, aber deshalb nicht weniger klar definiert. Als Möller einst nach sechs Jahren seinen „ungewöhnlichen Wechsel“ von Dortmund nach Gelsenkirchen vollzog, hatte er es „auf“ Schalke zunächst schwer. An der Tankstelle seines Vertrauens - in Dortmund - aber sammelte er Sympathiepunkte. Der Mitarbeiter, der ihn „jahrelang kurz angebunden“ bedient hatte, gab sich als Schalke-Fan zu erkennen und betrachtete Möller plötzlich als einen der Seinen. „Auf einmal hat er sich richtig mit mir unterhalten.“

          Wer jubelt am Ende mit seinen Fans? Dortmund?

          Nicht nur das Arbeitermilieu ist von der Faszination dieser einmaligen Rivalität gepackt. „Derby ist cool, weil man so viele Leute im Bekanntenkreis hat, die die anderen Farben tragen“, sagt ein Bankangestellter aus Marl. Der Mann berät vermögende Privatkunden. Aber wenn es um Schalke und Dortmund geht, legt er die Attitüde des Bankers ab. Auf seinem Schreibtisch thront ein königsblauer Kaffeebecher mit Schalke-Emblem, als Gegenstück zu den durchgestylten Designertassen, die für Besucher bereitstehen. Den Becher spült der Besitzer immer selbst - aus Sorge, das Porzellan könnte Schaden nehmen oder, was noch schlimmer wäre, eine „Zecke“, (heißt im rauen Schalke-Jargon so viel wie: „Dortmunder“) könnte sie anfassen.

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