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Darmstadts „Toni“ Sailer : „Jeder schwitzt und kotzt“

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Immer auf Ballhöhe: „Toni“ Sailer plant mit Darmstadt die nächste Sensation Bild: dpa

Beim Barte des Propheten: Angreifer „Toni“ Sailer wähnt sich nach dem Aufstieg mit Darmstadt 98 immer noch in einem Traum – und arbeitet schon vor dem Bundesligastart gegen Hannover 96 hart für das nächste Fußballwunder.

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          Unruhe. Freudentränen. Ein bisschen Angst. Entschlossenheit. Genau beschreiben kann Marco Sailer nicht, welche Gefühle ihn in den vergangenen beiden Jahren immer wieder übermannt haben. Leere. Erschöpfung. Unfassbare Freude. Der 29-jährige Stürmer von Darmstadt 98 hat „im Wissen, den großen Traum erreicht zu haben“, in den vergangenen 24 Monaten alles durchlebt. Eine regelrechte Achterbahnfahrt, Vorwärts- und Rückwärtsloopings inklusive. Begriffen aber hat er das alles noch nicht. Das komme erst, wenn das Spiel gegen Hannover am Samstagnachmittag (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesligaticker auf FAZ.NET) angepfiffen wird, davon ist Sailer überzeugt. Dann sind „wir endgültig in der Bundesliga angekommen“.

          In den vergangenen beiden Jahren ist Sailer auf einer Welle der Begeisterung geritten. Eine Welle, die ihn von der dritten Liga in die Bundesliga getrieben hat. Künftig spielt er gegen Bayern München und den VfL Wolfsburg. Vor zwei Jahren hießen die Gegner noch SV Elversberg oder Wacker Burghausen. Sailer kam nach Darmstadt, nachdem die Mannschaft sportlich aus der dritten Liga abgestiegen war. Nur weil den Kickers Offenbach die Lizenz entzogen wurde, mussten die Blau-Weißen nicht in die Regionalliga. Er kam mit dem Ziel, weiter drittklassig zu spielen. In Heidenheim hatte der Stürmer zuvor nur ein Tor in 22 Spielen geschossen. Nun war sein Vertrag ausgelaufen und nicht verlängert worden. Sailer stand vor der Arbeitslosigkeit.

          Am Ziel aller Träume, mit gewachsenem Bart

          In Darmstadt fand er mit Dirk Schuster einen „super Trainer und eine tolle Mannschaft“. Dem vorjährigen Fast-Absteiger gelang mit Sailer als Stammspieler der Aufstieg. Darmstadt schrieb an einem Fußballmärchen und stellte auch die zweite Liga auf den Kopf – und Sailer war mittendrin. Eine „unwirkliche Situation“ für „Toni“, der seinen Spitznamen dem ehemaligen österreichischen Ski-Olympiasieger verdankt.

          Im letzten Drittel der Saison gab Sailer ein Versprechen ab: Der Bart wächst, solange Darmstadt nicht verliert. Und Darmstadt verlor nicht mehr. Zweiter. Aufstieg. Bundesliga. Sailer war am Ziel seiner Träume. Und der Bart war gewachsen. In den Tagen nach dem Aufstieg fragte er sich noch, gegen welche Mannschaft die Lilien in der Beletage überhaupt gewinnen könnten. Mittlerweile ist das anders. Die erfahrenen Neuzugänge machen Sailer Hoffnung. Und die Vorbereitung, die sich von den vergangenen nicht unterscheidet: „Jeder schwitzt und kotzt – das ändert sich von der Kreisliga bis zur Bundesliga nie.“

          Und der Bart? Der wächst weiter und ist der heimliche Star des Teams. Dass sein Aussehen in den Medien teilweise mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als die sportliche Vorbereitung, stört Sailer nicht. Er ist stolz auf seinen Glücksbringer. Doch ganz will er auf ihn auch nicht reduziert werden. „Ich möchte vor allem durch Leistungen auffallen“, sagt er.

          Kampfgeist und Einsatzwille sind die Attribute, über die sich der Schwabe definiert. Dass ihn Schuster als klassischen Führungsspieler sieht, schmeckt ihm nicht so ganz. Sailer stellt sich in der Teamhierarchie hinten an. Er ist keiner, der „auf dem Platz Leuten sagt, was sie zu tun haben“. Viel mehr sieht er sich als Arbeiter. Als Indianer, der dem Häuptling zuarbeitet. Als Kämpfer. So steht es auch auf seinem Arm geschrieben: „Du musst kämpfen. Es ist noch nichts verloren“. Das Tattoo verrät viel über Sailer, der der Kategorie „Straßenfußballer in der Bundesliga“ zugeordnet werden kann. Jene Spieler, die man im Profigeschäft vielerorts sucht und doch nur noch selten findet.

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          Bartträger aus Leidenschaft: Ob das Gesicht wieder frei wird, wenn die „Lilien“ verlieren? : Bild: dpa

          Sailer ist bodenständig. Authentisch. Nahbar. Das Tattoo zitiert Johnny Heimes, den ehemaligen hessischen Jugendmeister im Tennis, der seit elf Jahren gegen seine Krebserkrankung kämpft. Sailer kämpft auf dem Platz. „Du lebst den Spruch“, schreibt ein Fan auf Tonis Facebookseite. Und die Mannschaft? Für die gilt es, das Motto auf dem Platz umzusetzen. „Dann können wir über unsere Leidenschaft viel erreichen“, sagt Sailer. Sicherheit, Entschlossenheit.

          „In unserem kleinen Stadion und mit unseren Fans im Rücken wird einiges möglich sein“, sagt der Angreifer. Das marode Stadion am Böllenfalltor fasst nur 17.000 Zuschauer. In der vergangenen Zweitliga-Saison haben die „Lilien“ nur ein Heimspiel verloren. Sailer baut auf die Heimstärke und eine stabile Defensive. Über ein schnelles Umschaltspiel erhofft er sich Nadelstiche in der Offensive. Dann sei „das nächste Wunder von Darmstadt“ möglich, glaubt er. Die vergangenen beiden Jahre haben gezeigt, dass nichts unmöglich ist. Und in dem Traum, den er im Moment lebt, sowieso nicht.

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