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Andrés Iniesta : Der Alleskönner

  • -Aktualisiert am

Szene mit Pirlo (l.) und Iniesta aus der Vorrundenpartie zwischen Spanien und Italien Bild: dpa

Klein, wendig, intelligent: Andrés Iniesta spielt den Ball durch Lücken, die sonst keiner sieht - darauf setzt Spanien. Dabei hat es lange gedauert, bis ihn die Öffentlichkeit entdeckte.

          3 Min.

          Andrés Iniesta wird im Finale der Europameisterschaft auf dem linken spanischen Flügel spielen. Oder zentral im offensiven Mittelfeld. Oder doch weiter zurückgezogen? Oder wie früher auf der rechten Seite? Andrés Iniesta hat auch schon den rechten und den linken Außenverteidiger gegeben und die spanische Variante des Mittelstürmers, der eigentlich nicht mehr als den offensivsten Mittelfeldspieler darstellt. Nur als Innenverteidiger und Torwart hat sich der 28 Jahre alte Profi des FC Barcelona noch nicht versucht. Mit 1,70 Metern Körpergröße, einem schmalen Körperbau und den zarten Händen eines Konzertpianisten fehlen ihm dazu die Voraussetzungen.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Mit den Füßen kann Andrés Iniesta alles. Mehr als Lionel Messi. Der Argentinier setzt sein begnadetes Talent nur für Offensivaktionen ein, der Spanier ist sich auch zum Verteidigen nicht zu schade. Was ihn zum Universalgenie des Fußballs macht, ist schwer zu beschreiben. Am einfachsten mit einem Satz: Iniesta macht einfach alles richtig, er findet in jeder Spielsituation ganz schnell die richtige Lösung.

          Das sieht meistens unspektakulär aus. Er verschleppt eben das Tempo, wenn es angezeigt ist, oder verschärft es im Bedarfsfall, seine Pässe überbrücken meist nur Distanzen zwischen drei und zehn Metern. Wie gut Iniesta ist, fällt nur auf, wenn er den Ball durch eine Lücke spielt, die sonst keiner gesehen hat. Oder wenn er zu einem Dribbling zwischen drei Gegenspielern ansetzt, plötzlich beschleunigend, Haken schlagend. Ein Slalomläufer kann seine Skikanten einsetzen, Iniesta hat nur sein unglaubliches Koordinationstalent und seine Körperbeherrschung.

          Sein Körper hat seine Spielweise bedingt. Weil er schon mit sechs, sieben Jahren so gut mit dem Ball umgehen konnte, durfte er in seinem Heimatdorf bei Albacete immer mit den großen Jungs spielen: „Mir blieb nichts anderes übrig als immer ganz schnell den Ball abzuspielen, sonst hätten sie mich umgerannt. Ich wollte ihn aber immer wieder schnell zurück, denn ohne Ball habe ich mich verloren gefühlt.“

          „Ich musste aufpassen, dass ich ihn nicht schlechter mache“

          Als er mit zwölf zur berühmten Jugendfußballschule des FC Barcelona, La Masia, kam, hatte er das Ausbildungsziel schon verinnerlicht: „Im Zweikampf siegt fast immer der körperlich Stärkere. Also müssen wir abspielen, bevor der Gegner da ist. Wir müssen schneller denken. So einfach und so schwer ist das. Von klein auf haben wir bei Barça nichts anderes gelernt: Abspielen, bevor der Gegner da ist; schon wieder weg sein, wenn er da ist.“

          Der leuchtende Kopf der Spanier: Andres Iniesta
          Der leuchtende Kopf der Spanier: Andres Iniesta : Bild: dpa

          Sein erster Trainer sagte: „Nach einem Jahr konnte ich ihm schon nichts mehr beibringen, ich musste nur aufpassen, dass ich ihn nicht schlechter mache.“ Als Iniesta 14 war, wurde der damalige Spielmacher Pep Guardiola auf den Jungen aufmerksam gemacht. Der Stratege war beeindruckt: „Er liest das Spiel besser als ich.“ Zwei Jahre später durfte das Talent erstmals mit den Profis trainieren. Iniesta war so verwirrt, dass er die Umkleide nicht fand. Die Aussicht auf das Treffen mit seinem Idol Guardiola raubte ihm die Sinne.

          Mit 18 rückte Iniesta in den Profikader auf, doch sein Aufstieg verzögerte sich. So schüchtern, so zerbrechlich, so unscheinbar abseits des Spielfeldes, trauten ihm die Trainer den Durchbruch nicht zu. Es kam seine Notnagel-Zeit. In der Saison 2004/05 rotierte er zwischen Rechtsverteidiger und Linksaußen. Er machte 35 Spiele in der Primera División, davon aber 25 als Einwechselspieler, in der nächsten Spielzeit war die Quote nur wenig besser, 34 Begegnungen, 19 Mal eingewechselt.

          Noch nie eine Disco von innen gesehen

          Sein Debüt in der Nationalmannschaft gab er mit 22 kurz vor der WM in Deutschland. Danach konnte man Iniesta nicht mehr übersehen. Aber seine ganze Stärke konnte er erst entfalten, als sein größter Fan, Pep Guardiola, 2008 sein Trainer beim FC Barcelona wurde.

          Von dem Tag an, an dem er das Vertrauen spürte, stieg er in die Weltklasse auf. Guardiola machte ihn zum kongenialen Partner von Xavi, der einmal über seinen Freund sagte: „Andrés ist der kompletteste spanische Spieler, er hat alles - außer Rückhalt in den Medien.“ Kein Tattoo, keine Jubel-Choreographie, kein modischer oder martialischer Haarschnitt: Es dauerte lange, bis ihn die Öffentlichkeit entdeckte.

          Sehr sicher: Iniesta blieb auch im Elfmeterschießen gegen Portugal ruhig
          Sehr sicher: Iniesta blieb auch im Elfmeterschießen gegen Portugal ruhig : Bild: AFP

          Nun ist seine übergroße Bescheidenheit kein Makel mehr, sondern Markenzeichen. Seine Spitznamen sind liebevoll gemeint: „Der bleiche Prinz“ oder „Glühwürmchen“ wird er genannt, weil seine durch eine Pigmentstörung auffallend helle Haut in der Nacht so leuchte. Mitspieler nennen ihn ironisch „Party-König“, weil er noch nie eine Disco von innen gesehen hat. Außerhalb des Fußballs interessiert ihn das Weingut seiner Eltern, aber lange nicht so wie das Spiel mit dem Ball. Sein Credo ist das des spanischen Fußballs: „Ballbesitz ist die beste Verteidigung. Wenn du den Ball hast, kann dir der Gegner nichts tun.“ Aber nur, wenn man ihn so zu behandeln versteht wie Andrés Iniesta.

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