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Formel 1 : Hamilton-Sieg sichert Konstrukteurstitel

  • Aktualisiert am

Dank ans Auto: Lewis Hamilton kniet vor seinem Silberpfeil. Bild: Reuters

Der Weltmeisterhunger war noch nicht gestillt: Lewis Hamilton gewinnt in Brasilien den Grand Prix. Das verschafft seinem Rennstall den Konstrukteurstitel. Sebastian Vettel und Ferrari sind chancenlos.

          Geduld und Vettel? Das passt nicht zusammen. Sagen die Kritiker des Deutschen und verweisen auf dessen so frühen wie unglücklichen Attacken in den vergangenen Rennen. Als habe der Heppenheimer noch Zeit gehabt, als sein Rivale Lewis Hamilton im Mercedes auf den fünften WM-Titel zuraste, während der Hesse hier und da beim Start im Rennverkehr stecken blieb. Wie zum Beweis gab Vettel am Samstag ein Bespiel für die Not so unter Druck. Als während des Qualifikationstrainings für das Rennen in Sao Paulo abgewogen wurde bei Ferrari: ob man denn die risikoreiche Variante wählen solle, auf härteren Reifen im zweiten Durchgang die persönliche Bestzeit zu fahren und mit diesen Pneus dann das Rennen beginnen zu dürfen.

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          Ein taktischer Vorteil aus Sicht von Ferrari. Doch der Wiegemeister schien dem etwas im Wege zu stehen, nämlich Vettels Ferrari. Das Prozedere, Motor abstellen, auf die Waage schieben lassen, wiegen, und hinter gewunden werden, dauerte dem Ferrari-Star zu lange. Die schöne Strategie hätte unter der Zeitvorgabe zusammenbrechen können. Und so versuchte er, die Herrschaften wegzuscheuchen wie eine Hühnerschar. Vergeblich. Die eigenmächtige Auffahrt auf die Waage zerstörte dieselbe, kostete 25 000 Euro und vielleicht auch ein bisschen Konzentration. Vettel wurde Zweiter in der Qualifikation, knapp hinter Hamilton. Der Brite gewann am Sonntag auch den Großen Preis von Brasilien vor Max Verstappen im Red Bull und Kimi Räikkönen (Ferrari). Vettel wurde nur Sechster.

          Geduldsspiel

          Warum diese Vorgeschichte? Weil sie in ein Geduldsspiel mündete. Denn mit den härteren Reifen sollten Vettel und Räikkönen anfangs zwar Nachteile haben. Beim Sprint aus dem Stand zur ersten Kurve über 334 Meter und auf den ersten Touren, während die stärkste Konkurrenz auf den Supersoft-Gummis schneller über die Runden kommen sollte. Denn bald schon müssten die Sprinter zur Box, die Geduldigen könnten dann vorbeiziehen, lange auf der Piste bleiben, ihre Vorteile genussvoll ausspielen, in Führung gehen, siegen: Gedacht, passiert, zumindest zum Teil. Vettel verlor seine zweitbeste Position in der ersten Kurvenkombination an Bottas, fiel dann hinter Verstappen und schließlich auch hinter Räikkönen zurück. Er blieb geduldig, er riskierte keinen Crash, wenn er auch nicht auf eine harte Verteidigung verzichtete.

          Der mangelhafte Grip der härteren Reifen bremste den viermaligen Weltmeister am stärksten, während die Red-Bull-Fraktion die Vorteile ihres Boliden nutzte: eine starke Traktion beim Beschleunigen aus den Kurven heraus und die auf dem 40 Grad Celsius heißen Asphalt beste „Behandlung“ der Supersoft-Reifen. Verstappen konnte es sich sogar leisten, beim ersten und einzigen Boxenstopp nicht die härteste Reifenmischung zu wählen, sondern die Soft-Variante. Zur Mitte des Rennens schoss der Niederländer wie ein fliegender Holländer am führenden Hamilton vorbei, während Teamkollege Daniel Ricciardo, von Startplatz elf losgesaust, Vettel im Nacken saß. Alles sah nach einem Triumph für die Brause-Fraktion aus. Aber Verstappen blieb in der ersten Kurve beim Überrunden (!) des Franzosen Ocon an dessen Force India hängen. „Idiot“, rief Verstappen via Funk. Er drehte sich, verlor die Führung wieder an Hamilton und damit das Rennen. Ocon wehrte sich: „Ich war auf frischen Reifen, ich wollte mich zurückrunden, ich war außen und ich kann mich nicht in Luft auflösen, man muss sich Raum lassen. Das Schlimmste war das Verhalten danach. Max hat mich mehrmals weggeschubst, war aggressiv. Das ist unprofessionell.“ Und zeugt nicht von Geduld auf dem Weg zum Champion.

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          Und Vettel? Wollte er quasi von hinten kommend mit nur einem Boxenstopp nach vorne stürmen? Prompt rieben sich auch die Experten die Augen: Was macht er wieder an der Box? „Wir wissen nicht warum“, berichtete Mercedes an Hamilton. Es war ein letzter Akt der Verzweiflung angesichts von 17 Sekunden Rückstand hinter dem Führenden vierzehn Runden vor Ende des Grand Prix: Wechsel auf Supersoft in nur 1,9 Sekunden und dann raus zum Angriff im Finale – auf ein vorderes Plätzchen mit vollem Risiko. Darum ging es dort, wo sich Vettel und Ferrari am Samstag gesehen hatten. Verstappen kam Hamilton noch einmal näher, Ricciardo saß dem Dritten, Räikkönen, im Nacken. Mercedes unter Druck, Ferrari schwer bedrängt. So stellt sich die Formel-1-Führung unter Ägide des amerikanischen Medienkonzerns Liberty Media die Zukunft vor. Geduldig arbeiten die Amerikaner an einem Plan, das Führungstrio zu erweitern, um wenigstens ein, zwei Teams mit Siegpotential. Bisher vergeblich.

          Daran ändert auch das Jagdbild von Brasilien nichts. Nur wenn das Streckenlayout und das Wetter passte, war Red Bull in dieser Saison in der Lage, mitzumischen um den Sieg. Da die Motorenformel beinahe unangetastet bleibt, ist mit einem Vor-Sprung anderer Teams auf Dauer kaum zu rechnen. Es sei denn, Mercedes macht Fehler. In dieser Saison war die Chance, die Silberpfeile-Crew in solche zu treiben, so groß wie seit Jahren nicht mehr. Aber der Druck beflügelte die Rennabteilung offenbar. Und so verlief die Saison so ähnlich wie das Rennen in So Paulo. Als die Führung verloren ging, blieben der Chefpilot und sein Team ruhig, fokussierten sich auf ihren Job und warteten auf die Fehler der anderen. Nach dem Sieg des Fahrertitels für Hamilton vor zwei Wochen ist der Gewinn der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft am Sonntag auch eine Folge der wichtigsten Tugend: Geduld.

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