https://www.faz.net/-gtl-7l13v

Biathlon : Tränen im Thüringer Wald

  • -Aktualisiert am

Versöhnlicher Ausklang: Andrea Henkel landet im letzten Rennen in Oberhof auf Rang vier Bild: AFP

Zum ersten Mal seit 30 Jahren endet der Weltcup in Oberhof ohne einen Podestplatz für deutsche Biathleten. Die Hoffnung auf Erfolge bei Olympia schwindet zusehends.

          3 Min.

          Es war noch ein Fünkchen Hoffnung da, nach dem letzten Schießen. Hoffnung auf den ersten Podestplatz dieser Biathlon-Saison. Aber der läuferischen Klasse von Darja Domratschewa hatte Andrea Henkel nichts entgegenzusetzen. Die sieben Sekunden Vorsprung im Massenstart waren schnell dahin, die Weißrussin flog vorbei, und da konnten die 21.500 Zuschauer am Sonntag in Oberhof „ihre“ Andrea beim letzten Auftritt in der Arena am Grenzadler noch so anfeuern, mehr als Platz vier war nicht drin.

          Vorne holte sich die Norwegerin Tora Berger den ersten Saisonsieg vor ihrer Landsfrau Synnøve Solemdal und Darja Domratschewa. „Ich bin froh, dass ich hier noch einen guten Wettkampf machen konnte“, sagte Andrea Henkel nach ihrem besten Saisonergebnis. „Es ist ein Trend zu erkennen.“ Das sieht auch Frauentrainer Gerald Hönig so: „Es ist gut, dass sie vor Sotschi in der Weltspitze zurück ist.“ Was nichts daran ändert, dass Henkels Heimserie gerissen ist. Seit 2007 stand sie in Oberhof immer auf dem Podest.

          Drei Stunden zuvor hatte auch Andreas Birnbacher mit Platz vier im Massenstart hinter dem Sieger Martin Fourcade aus Frankreich für Erleichterung gesorgt, weil der Schlechinger lange der Olympianorm hinterhergelaufen war. „Ich wusste, dass die Form da ist und ich das noch hinkriege“, sagte Birnbacher. Dennoch war Oberhof bestimmt nicht das Wochenende der Deutschen. Kein Podestplatz im Thüringer Wald, das hat es seit 1984 nicht gegeben.

          Der Flieger nach Sotschi wird voll

          Immerhin: Die offenen Fragen sind geklärt, der Flieger nach Sotschi wird voll, nachdem auch Langlauf-Umsteigerin Evi Sachenbacher-Stehle die Norm erfüllt hat. Fünf Frauen und sechs Männer werden aller Voraussicht im Olympiateam sein. Ansonsten ergab sich vor allem bei den Frauen ein äußerst heterogenes Bild. Hier die strahlende Evi-Sachenbacher-Stehle, die ausgerechnet im Hexenkessel von Oberhof ganz cool blieb und mit jeweils Platz sieben in Sprint und Verfolgung eine überzeugende Leistung bot; dort die herzzerreißend schluchzende Miriam Gössner, die ihren Kampf gegen die Schmerzen verloren hat und schweren Herzens ihren Olympiaverzicht erklären musste.

          Tränen der Enttäuschung: Miriam Gössner
          Tränen der Enttäuschung: Miriam Gössner : Bild: dpa

          Wieder eine Hoffnung für Sotschi dahin. Wenn auch eine äußerst vage. Und vor allem eine menschliche Tragödie. Hönig sprach wohl auch deshalb von einem „der schlimmsten Momente für mich als Trainer, so eine Entscheidung mit einer Athletin treffen zu müssen.“ Aber das kühne Experiment, innerhalb von sieben Monaten nach ihrem schweren Radunfall im Mai samt drei Lendenwirbelbrüchen wieder in eine medaillentaugliche Form zu kommen, ist gescheitert.

          Anteilnahme der Kolleginnen

          Das war der Anspruch der zweimaligen Staffel-Weltmeisterin, aller Dauerschmerzen und Begleitproblemen zum Trotz. Und davon war die potentielle Siegläuferin Miriam Gössner, die in dieser Saison noch keinen einzigen Weltcup-Punkt auf ihrem Konto hat, verständlicherweise meilenweit entfernt. Sie hat es selbst gesagt: „Bei Olympia geht es um Medaillen, und ich bin gar nicht in der Lage, vorne mitzulaufen.“

          Jetzt geht es für die 23 Jahre alte Garmischerin darum, in Ruhe gesund zu werden – und womöglich doch noch bei den letzten drei Weltcups wieder aufzutauchen. Vielleicht hilft ihr die Anteilnahme ihrer Kolleginnen ein wenig über die schwere Zeit. Die Finnin Kaisa Mäkäräinen, die Neujahr bei ihrer deutschen Kollegin in Garmisch verbracht hat, widmete ihren zweiten Platz in der Verfolgung mit tränenerstickter Stimme „der Miri.“ Und Evi-Sachenbacher, die als heimliche Gewinnerin des Weltcup-Wochenendes auf einer Wolke schwebte, wurde ganz ernst: „Für die Miri ist es traurig, aber die Gesundheit geht vor. Aber sie ist noch jung, sie hat noch mehrere Olympische Spiele vor sich.“ Und dann wurde die 33-Jährige richtig philosophisch: „Aber alles was negativ ist, kommt irgendwann positiv zurück.“ Zumindest ihr Experiment ist aufgegangen. „Ich wusste ja nicht, ob ich genug Talent habe, um innerhalb von zwei Jahren das Schießen zu lernen.“ Sie hat es.

          Eine Säule ist weggebrochen

          Für Cheftrainer Uwe Müssiggang ist die zweimalige Langlauf-Olympiasiegerin mit ihrer „extremen Zielstrebigkeit“ ein Musterbeispiel dafür, was möglich ist, die nötige Konsequenz vorausgesetzt. Evi Sachenbacher wird in Sotschi dringend gebraucht, nachdem mit Miriam Gössner „eine wichtige Säule“ weggebrochen ist, wie Frauen-Trainer Gerald Hönig sagt: „Unser Team ist gut, aber die Miri wird uns sehr fehlen.“ Denn aus eigener Kraft, das ist der momentane Stand, kann es derzeit kaum eine aus seiner Mannschaft ganz nach vorne schaffen.

          Daran ändert auch Platz vier von Andrea Henkel vorerst nichts. In Laura Dahlmeier und Franziska Preuss haben zwei Nachwuchstalente zwar im Weltcup Fuß gefasst, aber ihnen gehört erst die Zukunft. In der Gegenwart muss man schon auf Fehler der internationalen Konkurrenz warten. An Topläuferinnen wie Darja Domratschewa, die in Oberhof mit den Siegen in Sprint und Massenstart die dominierende Athletin war, oder Kaisa Mäkäräinen, ist nur schwer vorbeizukommen. Von den Norwegerinnen ganz zu schweigen. Man wird in Sotschi in erster Linie auf die Staffel setzen müssen. Aber so neu ist das ja nicht.

          Weitere Themen

          Getanzt wird später bei Mainz 05

          Sieg im DFB-Pokal : Getanzt wird später bei Mainz 05

          Nach nervenzehrenden 120 Spielminuten setzt sich der FSV Mainz 05 gegen Arminia Bielefeld im DFB-Pokal durch. Trainer Bo Svensson sieht trotz des Erfolgs allerdings Mängel im Spiel seines Teams.

          Topmeldungen

          Ministerpräsident Mateusz Morawiecki war am Mittwoch im Land unterwegs und äußerte sich auf Anfrage nicht.

          EuGH verhängt Strafe für Polen : „Um schweren Schaden abzuwenden“

          Eine Million Euro am Tag muss Polen bezahlen, solange die politisch besetzte Disziplinarkammer am obersten Gericht des Landes fortbesteht. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden. Warschau spricht von „Erpressung“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.