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Jürgen Klinsmann im Gespräch „Es kann nur ein Ziel geben: den Titel!“

 ·  Nur wer sich Großes vorstellt, kann auch Großes erreichen, sagt der ehemalige Bundestrainer Jürgen Klinsmann – und mag im F.A.Z.-Interview nicht an seine Gefühle denken, sollte er bei der WM mit den Amerikanern tatsächlich auf Deutschland treffen.

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© AFP Vergrößern In der Erfolgsspur: Jürgen Klinsmann hat sich mit dem amerikanischen Nationalteam für die WM qualifiziert

Das amerikanische Team hat sich sogar vor Deutschland für Brasilien qualifiziert. Wie sind Ihre Ziele bei der WM?

In Brasilien wollen wir die Gruppenphase überstehen. Alles andere wäre eine Enttäuschung. Und dann kommt es drauf an, wie groß der Glaube ist, die großen Nationen auch in der K.o.-Runde schlagen zu können. Dieser Glaube und das Selbstbewusstsein wachsen bei uns. Das wird hier auch von mir erwartet: „Zeig’ uns, wie wir die Großen kitzeln und schlagen können.“

Im deutschen Fußball wird kritisiert, dass die Nationalelf seit Jahren bei Turnieren nicht den letzten Schritt schafft. Fehlt die letzte Entschlossenheit?

Wir, und damit meine ich die deutsche Mannschaft, haben die Konstanz und die Qualität, in jedem Turnier bis zum Ende dabei zu sein. Aber das letzte i-Tüpfelchen zu setzen und den Titel zu gewinnen, das ist eine Frage der Klasse der Spieler. Der Spieler muss im Halbfinale den Freistoß verwandeln, im Finale das Tor nach der Ecke machen – oder eben den Fehler unterlassen, der zum Gegentor führt. Jede Generation muss immer für sich klären: Holen wir den großen Titel – oder nicht? Die harte Arbeit, die in Deutschland über Jahre geleistet worden ist, von der Jugendarbeit über die Klubs bis zur Nationalmannschaft, hat für die Konstanz gesorgt, dass wir um den Titel mitspielen. Aber am Ende wird den Ausschlag geben, wer auch immer diese Generation anführt, ob die Spieler die mentale Fähigkeit haben, zu sagen: „Jetzt fahren wir das Ding auch ein.“ Das müssen sie noch beweisen.

Als Spieler und Trainer sind Sie immer mit höchsten Zielen in ein Turnier gegangen. In der Nationalelf ist eine Diskussion entstanden, ob man sich als Titelfavorit bezeichnen soll. Abgesehen von der ohnehin hohen öffentlichen Erwartung: Ist es für die mentale Vorbereitung nicht ein wichtiger Faktor, wenn man sich den Titel ausdrücklich zum Ziel setzt?

Absolut. Für uns in Deutschland kann es nur ein Ziel geben: den Titel. Das ist eine ganz logische Erwartungshaltung nach all dem, was Deutschland im Fußball darstellt und sich über Jahre aufgebaut hat. Und wenn man mit der höchsten Erwartungshaltung ein Ziel angeht, zieht man es viel eher durch. Es kann nicht sein, dass man sagt: „Hauptsache Halbfinale, unter die ersten vier zu kommen, ist okay.“ Da fehlt einem der letzte Glaube, das Ding auch tatsächlich mit aller Energie bis zum letzten Moment durchzuziehen. Der WM-Titel ist ein Marathon, eine Tortur. Für mich kann es daher nur eine einzige logische Ziel-Formulierung geben: Titelgewinn. Diesem Ziel muss sich alles andere unterordnen.

Unser Eindruck ist, dass die Deutschen den besten Kader seit Jahrzehnten besitzen. Wir sehen kein Team, das von der Substanz überlegen wäre.

Ich sehe das auch so. Wir sind qualitativ auf jeden Fall pari mit Spanien und Brasilien. Hinter Argentinien ist noch ein Fragezeichen, weil es da auch gute Leute gibt, die jetzt nach oben drängen. Die deutsche Mannschaft hat absolut das Potential, Weltmeister zu werden, auch gegen Brasilien und Argentinien, gegen die Neymars und Messis dieser Welt. Selbst in Südamerika, wo es zugegebenermaßen noch ein bisschen schwieriger sein wird. Es muss aber alles passen.

Als Sie 2006 in die WM gingen, waren die Bundesligaklubs meilenweit von der Spitze entfernt, im Vorjahr haben Bayern und Dortmund in Europa enorm beeindruckt – kann das der entscheidende Vorteil sein?

Das ist auf jeden Fall so. Wenn man sich in der Königsklasse durchsetzt, spielt das auch in die Nationalmannschaften mit rein. Die Spieler gewinnen die Überzeugung, dass sie die besten Spieler der Welt auch im nächsten Sommer schlagen können. Wenn man Madrid und Barcelona so überragend schlägt, dann stärkt das aber nicht nur das eigene Selbstbewusstsein, sondern erzeugt bei den Gegnern auch das Gefühl: „Die Deutschen lassen jetzt nicht mehr locker.“ Und wenn die deutschen Spieler im Sommer in die Gesichter sehen, die sie schon geschlagen haben, dann hat das seine psychologischen Auswirkungen. Die Brasilianer wissen, dass es auch im eigenen Land wahnsinnig schwer sein wird, die Deutschen zu schlagen. Und die Spanier wissen, dass es in Deutschland das Gefühl gibt, dass es an der Zeit ist, sie weg zu hauen.

Aber wie schafft man, dass man sich als Team nicht nur zwischen den Turnieren weiterentwickelt, sondern sich auch während des Turniers steigert und seine Höchstleistung erreicht?

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