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Abby Wambach : Die Charismatikerin des Frauenfußballs tritt ab

Eine der größten Fußballspielerinnen hört auf: Die Amerikanerin Abby Wambach beendet am Jahresende ihre Karriere Bild: AP

Eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten der Fußballhistorie hört auf: Die Amerikanerin Abby Wambach hatte sich im Sommer mit dem WM-Titel ihre letzte Sehnsucht gestillt.

          Nach dem WM-Finale am 5. Juli dieses Jahres stand Abby Wambach in den Katakomben des Endspielstadions von Vancouver. Wenige Minuten zuvor hatte sich ihr letzter großer sportlicher Wunsch erfüllt. Der 35 Jahre alte Superstar des amerikanischen Frauenfußballs durfte nach einem 5:2-Sieg ihres Teams gegen Titelverteidiger Japan den WM-Pokal in Empfang nehmen. Die große Sehnsucht war endlich, nach über einem  Jahrzehnt beharrlichen Strebens, gestillt.

          Dreimal war die mit 184 Toren in 252 Länderspielen weltweit erfolgreichste Nationalteam-Torjägerin zuvor bei Weltmeisterschaften mit dem jeweils favorisierten amerikanischen Team gescheitert, so auch 2011 im Endspiel der WM in Deutschland gegen Japan. Damals war sie unmittelbar nach dem Elfmeterschießen, nur wenige Sekunden nach der bittersten Niederlage ihrer Karriere aufrechten Gangs zur Japanerin Homare Sawa gegangen und gratulierte ihrer ehemaligen Vereinskameradin wie auch den anderen Japanerinnen von Herzen. Der Auftritt samt der anschließenden Eloge auf Sawa vor der versammelten Presse sprach Bände über den Sportsgeist der charismatischsten Figur der Frauenfußballgeschichte.

          Charismatikerin mit Pathos

          Für Wambach war der Sport stets viel mehr als das Ergebnis, sie könnte, wenn sie nicht gebremst wird, stundenlang mit großem Pathos über Werte wie Sportsgeist, Patriotismus, Fairness oder Kampfbereitschaft reden oder besser gesagt predigen. Denn nichts anderes als Predigten waren ihre öffentlichen Auftritte gerade während ihrer letzten WM, bei der sie den Druck, der auf ihrem Team lastete, mit großen rhetorischen Geschick fast komplett auf ihre für eine Fußballerin breiten Schultern nahm.

          Wambach opferte sich für ihr Team auf, zerrieb sich auf dem Platz mit schmerzenden Knochen bei entscheidenden Kurzeinsätzen. Vor dem Endspiel rannte sie beim Warm-up zur Stimulation ihrer Mitspielerinnen wie irre vorneweg, obgleich sie nicht in der Startelf stand. Sie wollte den Fokus komplett auf den Sieg richten, den die Teamkameradinnen nach dem Abpfiff in erstaunlicher Einigkeit ihrem in die Jahre gekommenen Superstar widmeten. Auch abseits des Platzes hielt Wambach die Spannung unter den Ersatzspielerinnen aufrecht.

          Die große Leere

          Bis zum Abpfiff. Dann kam offenbar die große Leere. In Vancouver war es dann in den Katakomben Homare Sawa, die zu Wambach kam, sie herzte und der Amerikanerin zu dem Titel gratulierte, der nach zwei Olympiasiegen und einer Ehrung zur Weltfußballerin in der Sammlung fehlte. Und Wambach bekannte im Moment des vermeintlich größten Glücks: „Ich bin unglaublich müde.“

          Empfang beim Präsidenten: Abby Wambach mit Team bei Präsident Obama im Weißen Haus Bilderstrecke

          Ihre Mission, die sie im letzten großen Turnier ihrer Spielerinnenlaufbahn auch von körperlichen Problemen gebremst vornehmlich von der Ersatzbank aus als guter Geist des Weltmeisterteams erfüllte, war am Ende angelangt. Folgerichtig beendet die lebende Legende des Frauenfußballs am Jahresende ihre Karriere, wie sie nach einem Empfang des Weltmeisterteams beim amerikanischen Präsidenten Barack Obama im Weißen Haus am Dienstagabend bekanntgab. Schon bei den Olympischen Spielen im kommenden Jahr in Rio wird das amerikanische Nationalteam ohne ihre Anführerin auskommen müssen. Auch sportliche Gründe dürften letztlich den Ausschlag gegeben haben für den Zeitpunkt der Bekanntgabe. Beim olmympischen Turnier kann Nationaltrainerin Jill Ellis nur 16 Feldspielerinnen und somit vier weniger als bei einer WM nominieren. Eine nicht mehr voll einsatzfähige Wambach kann sie sich gerade in der Hitze Brasiliens nicht leisten.

          Ein Länderspiel am 16. Dezember gegen China in New Orleans soll nun die Abschiedsvorstellung von Abby Wambach werden.  „Nach reiflichem Überlegen und Gesprächen mit Freunden, Familie, Teamkolleginnen und dem Trainerstab habe ich entschieden, meine Karriere zu beenden“, sagte Wambach, die 2013 die Hochzeit mit ihrer Partnerin und damaligen Mitspielerin Sarah Huffman öffentlich machte. „Es war eine wunderbare Zeit und ich kann es kaum erwarten, was das nächste Kapitel in meinem Leben bringen wird.“

          Wambach könnte eine Karriere als Trainerin einschlagen, vor drei Jahren arbeitete sie kurzzeitig bereits als Spielertrainerin ihres damaligen Klubs in der amerikanischen Profiliga. Im Gespräch mit der Zeitung „Democrat&Chronicle“ aus Ihrer Heimatstadt Rochester deutete sie aber neben einem anstehenden Kinderwunsch auch andere Pläne an. „Ich möchte nicht jemand sein, der nur Fußball gespielt hat“, sagt Wambach.„Ich glaube, dass noch Größeres auf mich wartet. Ich möchte das mir Mögliche tun, um die Welt zu verbessern, speziell für Frauen.“

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