Wahl von Harry Kane :
Das Bohei um den Weltfußballer

Pirmin Clossé
Ein Kommentar von
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Harry Kane und sein Goldener Ball
Harry Kane und sein Goldener BallEPA

Harry Kane erhält in London den Ballon d’Or. Es ist das Ende schwer zu ertragender Wochen des Wahlkampfs. Der Irrsinn um den Weltfußballer passt in eine Zeit, in der Spieler zu Marken geworden sind.

Am Ende eines sage und schreibe vier Stunden langen Gala-Abends brachte Harry Kane erst mal nicht mehr heraus als: „Wow, wow, wow.“ Als erster Engländer seit Michael Owen vor einem Vierteljahrhundert, als erster Spieler des FC Bayern seit Karl-Heinz Rummenigge vor 45 Jahren hat er am späten Montagabend in London den Ballon d’Or, die Trophäe für den Weltfußballer, erhalten. Die Bundesliga gratulierte Sekunden später per offizieller Mitteilung, die Teamkollegen im Saal jubelten, die Bayern-Funktionäre frohlockten in den Interviews.

Und nun? Ist die Fußballwelt wieder in Ordnung? Weil aus dem Eintopf voller Superfußballer nicht etwa der auffälligste Tiktok-Dribbler, nicht der quengeligste Selbstdarsteller, sondern tatsächlich ein so sympathischer wie mannschaftsdienlicher Torjäger herausgefischt wurde? So muss das wohl deuten, wer auch nur am Rande mitbekommen hat, was über diese Wahl in den Tagen zuvor geredet, geschrieben und gesendet worden war.

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Das Bohei um den Weltfußballer ist völlig außer Kontrolle geraten. Seit Wochen hatten diesseits und jenseits des Ärmelkanals Spieler, Trainer und Klubvertreter mit enervierender Persistenz auf jede verfügbare Pauke gehauen, um für ihren Harry Kane zu trommeln. In Frankreich kochte in der Gerüchteküche derweil die Geschichte über, dass die Stürmerstars Ousmane Dembélé und Kylian Mbappé wegen eines Streits über die Wahl kein Wort mehr miteinander wechseln würden. In Spanien stänkerte Jungstar Lamine Yamal schon mal vorsorglich, dass der Preis doch wohl „an den besten Spieler der Welt gehen“ sollte und „nicht an einen, der 80 Tore geschossen hat“.

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Es passt in eine Zeit, in der Fußballspieler zu Marken geworden sind und in der diese Marken unter anderem um die Likes der Kundschaft konkurrieren, dass eine in einem Kollektivsport einst eher mäßig beachtete individuelle Auszeichnung derart mit Bedeutung aufgeladen wurde. Verantwortlich dafür war unter anderem Cristiano Ronaldo, der so unverhohlen danach gierte, mehr goldene Bällchen einzuheimsen als sein Dauerrivale Lionel Messi. Daneben haben aber auch die Leberwürste von Real Madrid ihren Anteil, die vor zwei Jahren mal beleidigt in der Heimat schmollten, als sie spitzkriegten, dass keiner der Ihren gewonnen hatte.

Geradezu groteskes Wahlsystem

In der Basketball-Profiliga NBA wird Jahr für Jahr ein ähnliches Theater um den MVP, den Most Valuable Player, gemacht. Wobei hier schon der Name der Auszeichnung so viel Interpretationsspielraum lässt, dass hinterher garantiert weiter diskutiert werden kann, ob der wertvollste denn auch wirklich der beste Spieler der Liga ist. Im Fußball, wo ein Einzelner unter elf Spielern auf dem Platz noch weniger allein über Sieg und Niederlage entscheiden kann als im Basketball, ist das Ganze sogar noch ein bisschen alberner.

Zumal das Wahlsystem – 100 handverlesene Journalisten aus den 100 vermeintlichen Topfußballnationen stimmen ab – geradezu grotesk anmutet, angesichts dessen, als was die Ehrung letztlich interpretiert wird: als der ultimative Beweis dafür, wer aktuell der beste Fußballspieler des Planeten ist.

Die beste Nachricht an diesem vor allem unglaublich langen Krönungsabend für Harry Kane war deshalb, dass nun erst mal wieder ein knappes Jahr Ruhe ist mit dem unerträglichen Gezänk um den Thron. Die Schlechte ist, dass der Irrsinn um den Weltfußballer dann wieder von vorne beginnt.

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