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Vierschanzentournee-Kommentar : Stabile Flughöhe der Deutschen

  • -Aktualisiert am

Richard Freitag darf sich Hoffnungen auf den Gesamtsieg machen. Bild: NIESNER/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Richard Freitag kämpft um den Sieg bei der Vierschanzentournee. Das ist nicht das einzige positive Resultat bei den deutschen Skispringern. Das liegt auch an der Arbeit des Bundestrainers.

          Es sieht spielerisch leicht aus und ist doch so schwer. Wer sich traut, mit zwei Ski an den Füßen und Kopf voran eine Sprungschanze hinunterzustürzen, muss neben Mut auch über jede Menge körperliches Feingefühl verfügen, um unten heil anzukommen. Mit Geschwindigkeiten von neunzig Kilometern in der Stunde geht es in der Anfahrtshocke los. Der Athlet muss dann, bevor er zum Spielball des Windes wird, die Tischkante exakt erwischen, um in den Zehntelsekunden, die ihm bleiben, Oberkörper, Arme und Beine in eine passende Position für die fünf Sekunden dauernde Luftfahrt zu bringen. Skispringer sind virtuose Könner, die motorische Lösungen präsentieren, die das Publikum wie aktuell bei der Vierschanzentournee stets aufs Neue staunen lassen. Die Sportart erfreut sich einer ungebrochenen Popularität, obwohl sie nicht im Ansatz massentauglich ist.

          Bei Fußball, Handball, Tennis, Rad- oder (schnellem) Autofahren glauben die meisten Zeitgenossen aus eigener Erfahrung ein Wort mitreden zu können. Auf die Bergiselschanze aber, auf der sich für Richard Freitag und seine Konkurrenten an diesem Donnerstag (14.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Vierschanzentournee, im ZDF und bei Eurosport) in Innsbruck der Wettbewerb fortsetzt, kann und darf – zum Glück – nicht jeder rauf. Wie es sich anfühlt, auf dem Zitterbalken zu sitzen, den Blick hinab ins Ziel zu werfen und zu wissen, dass man an seine Grenzen gehen muss, um die vorgelegten Weiten der Rivalen zu kontern, lässt sich für Außenstehende kaum erahnen.

          Freitag hat dem Druck in dieser Saison wiederholt standgehalten. Er, der als Weltcup-Führender auch bei der Tournee als Zweitplazierter aussichtsreich im Rennen liegt, sagt, dass sein Metier ganz viel Kopfsache sei. Das klingt nachvollziehbar und liefert Ansatzpunkte bei der Erklärung, warum es keinem Athleten gelingt, die Form dauerhaft zu konservieren – und einer wie Spitzenreiter Kamil Stoch, dessen System erst seit kurz vor Weihnachten wieder funktioniert, oder eben Freitag, der unlängst in der sportlichen Versenkung zu verschwinden drohte, plötzlich zu Titelanwärtern aufsteigen können.

          Dem Sachsen gelingt es aus deutscher Sicht seit Wochen am besten, die komplexen Anforderungen zu meistern. Und mit jedem Teilerfolg kam Selbstbewusstsein hinzu, welches das Vertrauen ins eigene Können wachsen ließ. Freitags Glück ist, dass ihm mit Werner Schuster ein Bundestrainer zur Seite steht, der das nötige Fingerspitzengefühl besitzt, um sensible Luftikusse wie ihn so zu fördern und zu fordern, dass sie zum einen fokussiert auftreten – aber auch verstehen, dass das Leben weitere Perspektiven zu bieten hat als die beiden schmalen Spuren auf der Schanze.

          Freitags Renaissance gehört zu den vielen positiven Resultaten, die Schusters Arbeit für den DSV seit zehn Jahren prägen. In Oberstdorf waren vier Deutsche unter den besten zehn. Der Aufschwung gewann in diesem Winter weiter an Stabilität, und die Schultern von Freitag und seinen Teamkollegen sind punktgenau zum ersten Saisonhöhepunkt noch ein bisschen breiter geworden. Nicht die schlechteste Voraussetzung, um zunächst die Last der Erwartungshaltung dieser Tournee, die bis zum Schluss Spannung verspricht, zu tragen. Und sich anschließend auch WM- und Olympiaprojekten optimistisch widmen zu können.

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